TV-Scharfrichter Bohlen: Rhetorische Handkantenschläge

Kaum ist bei RTL wieder Superstar-Casting, prügeln Medienwächter und Bedenkenträger auf Chef-Juror Dieter Bohlen und seine Sprüche ein. Zu Unrecht, meint Henryk M. Broder: Bald wird man Doktorarbeiten über Bohlens geniale Mischung aus Größenwahn, Witz und Pragmatismus schreiben.

Dieter Bohlen ist nur halb so alt wie Johannes Heesters, dafür aber doppelt so unterhaltsam. Und seit Harald Juhnke und Rudi Carrell tot sind, ist die Generationenlücke zwischen dem Elder Statesman der Operette und dem Titan der Popmusik noch größer geworden. Davor ist nichts, dazwischen ist wenig und danach kommt kaum etwas.

Fernseh-Philosoph Bohlen: "Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er ein Bekloppter ist"
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Fernseh-Philosoph Bohlen: "Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er ein Bekloppter ist"

Gestern Abend war Bohlen zum wiederholten Mal Sologast bei "Johannes B. Kerner". Und wie immer, wenn der blonde Friese irgendwo auftritt, hatte man hinterher das Gefühl, keine Zeit vergeudet zu haben. Denn seit Bohlen das Singen aufgegeben hat ("Cheri, Cheri, Lady") und nur noch singen lässt, ist er reifer und vernünftiger geworden. Sein Satz "Das Problem ist: Mach einem Bekloppten klar, dass er ein Bekloppter ist" beweist, dass er komplizierte Tatbestände in wenigen Worten auf den Punkt bringen kann. So einfach kann Philosophie sein.

Dass Bohlen lange unterschätzt wurde, lag vor allem an seiner Allianz mit RTL, das nicht unbedingt als eine Hochburg der E-Kultur gilt. Doch seine häufigen Auftritte bei der Konkurrenz (allein bei Gottschalk saß er schon neunmal auf dem "Wetten, dass...?"-Sofa) demonstrieren, dass auch die Öffentlich-Rechtlichen von seiner Popularität profitieren möchten. Und wenn sie es sich leisten könnten, würden sie ihn abwerben, wie sie es mit Harald Schmidt getan haben.

"Taucher sind geisteskrank"

Denn Bohlen ist inzwischen ein Selbstläufer, er käme auch ohne einen Moderator aus, dessen Rolle sich auf das Stichwortgeben beschränkt. Kerner fragt, wo Bohlen gerade herkommt, und Bohlen erzählt von seinem Urlaub auf den Malediven, dass es dort früher multikulturell zuging, heute aber die Russen 80 Prozent der Urlauber stellen. "Da hat sich echt was verändert." Es mache ihn "traurig, dass sich nicht mehr Leute solche Urlaube leisten können". Dann macht er einen weiten Sprung und sagt: "Die meisten Mercedes-Zulassungen gibt es heute in Moskau." Und wir begreifen, dass nicht nur auf den Malediven andere Zeiten angebrochen sind.

Bohlens Stärke ist der rhetorische Handkantenschlag. "Taucher sind geisteskrank", weil sie nach Würmern statt nach Rochen Ausschau halten; "mich interessiert nicht, wer der zweitbeste Juror ist", denn: "Die einen drücken sich auf der Toilette aus, ich kann mich verbal ausdrücken", er habe zwar ein großes Maul, "aber ich bin kein Großmaul". Und während jeder GZSZ-Komparse davon träumt, einmal in seinem Leben in Bayreuth auf der Bühne zu stehen, sagt Bohlen über sich selbst: "Ich bin ein Kulturbanause." Er käme nie auf die Idee, "über die chinesische Mauer zu latschen", lieber würde er beten und "Zwiesprache mit Gott" halten. Das habe er auch auf den Malediven jede Nacht getan.

Was Bohlen vom großen Rest seiner Kollegen unterscheidet: Es scheint ihm tatsächlich egal zu sein, was die anderen von ihm denken. Während auch bekannte Kulturschaffende sich in öffentlicher Demut üben, weil sie ihren Stammplatz im Café Paris oder die Gunst von Udo Walz nicht verlieren möchten, haut Bohlen auf die Pauke. "Du bist ja kein armer Mann", sagt Kerner, worauf jeder andere aus Bohlens Liga antworten würde, dass er regelmäßig für die Unicef, die "Aktion Mensch" und "Hilfe für Afrika" spendet. Bohlen dagegen stellt klar: "Ich kauf mir nix, ich versuche, die Sachen so zu kriegen", die Klamotten, die Uhr, das Auto: "Du machst es doch auch."

Allein dafür muss man Bohlen gern haben und verzeiht ihm, wenn er auch über Sachen redet, von denen er keine Ahnung hat, zum Beispiel, dass der Staat jedem Schüler eine Lehrstelle geben müsste. Sozialpolitik ist nicht sein Gelände, Mitgefühl mit den Armen und Bedürftigen aber schon. Auf das Missgeschick von Veronas Mann Franjo angesprochen, der eine 14-Millionen-Euro-Pleite hingelegt hat, sagt Bohlen: "Wenn sie eine Suppe braucht, ich bin da", und "Alle meine Ex-Frauen können bei mir Suppe essen".

"Ich bin das Cortison des Musikbusiness"

Der Mann platzt vor Energie und Selbstbewusstsein. Wenn er morgens aufsteht, macht er erst einmal 120 Liegestütze und fühlt sich hinterher wie 20. Seine derzeitige Freundin ist 23, aber: "In 20 Jahren ist sie auch schon 40." Was sie so denken würde, wenn sie ihn anguckt, will Kerner wissen. "Was für ein attraktiver Mann", antwortet Bohlen, ohne zu zögern.

Kann man so einem irgendetwas übel nehmen? Nicht einmal seinen Killer-Job bei "Deutschland sucht den Superstar". Zumal Bohlen sich als "Ritter und Retter" versteht, der den Kandidaten unnötige Leiden erspart, indem er sie beizeiten aus dem Rennen wirft. "Ich bin das Cortison des Musikbusiness."

Der dazu geladene "Gewissensexperte" der "Süddeutschen Zeitung", ein zweifach promovierter Fachmann für Recht und Medizin, sieht das natürlich anders. Die Menschenwürde werde verletzt, wenn Leute der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Darauf Bohlen: "Jemand, der nicht belastbar ist, der ist nichts für das Business." Er selber freilich würde "nie Kakerlaken fressen, nur um ins Fernsehen zu kommen".

Mit 53 gehört Bohlen zu den Veteranen des Showbusiness. Noch vier, fünf Jahre, und er wird als "Zeitzeuge" vor Schülern und Studenten sprechen. Und es wird nicht lange dauern, bis über ihn Doktorarbeiten geschrieben werden, über diese rare Mischung aus Größenwahn, Witz und Sinn für das Machbare. Rudi Carrell hat mal zu ihm gesagt: "Versprich mir, du wirst nie ein Moderator." Und daran hat sich Bohlen bis heute gehalten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 131 Beiträge
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1. Abgabe akademischer Titel
m*sh 06.02.2008
"Und es wird nicht lange dauern, bis über ihn Doktorarbeiten geschrieben werden, über diese rare Mischung aus Größenwahn, Witz und Sinn für das Machbare" Wenn jemand eine Doktorarbeit ueber D. Bohlen schreibt, dann gebe ich meinen Titel zurueck.
2. Scharf- oder Schaf-Richter?
n0 by 06.02.2008
Dass in der Gewinn-, Gewalt- und Giergesellschaft zunehmend die Arnold Schwarzeneggers, die Bank-Ackermanns und die 'brutalst möglichen' Polit-Aufklärer den Ton angeben, wen wundert es? Wenn die Menschen für die Gewinn-, Gewalt- und Giergesellschaft auf GLEICHSCHRITT MARSCH gerichtet werden, dann sind Schaf-Richter die besten Scharfmacher. Wie sang man so schön vor Zeiten? 'Nur die ALLERDÜMMSTEN KÄLBER wählen IHREN METZGER selber! n0by
3. Scharfrichter Broder..
Machine 06.02.2008
...wieder mal. Dass der Herr Broder ein Bohlen-Fan ist, wundert mich nicht. Bei beiden kann ich sicher sein, dass mein Blutdruck steigt und sich das momentan so populäre Fremdschämen bei mir einstellt. Beide wollen polarisieren und das gelingt beiden auch prächtig. Dem einen aus Profilierungssucht, dem anderen aus Dummheit. Welches Attribut auf wen zutrifft, bleibt dem Betrachter überlassen. Was mich an Bohlen beruhigt: Der fuchtelt nicht mit Waffen herum (siehe Bilder auf SPON) und er vertritt keine erkennbare politische Linie. Dass in diesem Artikel auch noch eine weitere Person erwähnt wird, die mir übel aufstösst, der Kerner, ruiniert mir gänzlich den Tag. JBK ist ein aalglatter Opportunist, dagegen sind Leute wie Bohlen und Broder Gold, denn sie verkünden wenigstens ihre eigene Meinung, auch wenn ich die nicht hören mag. Soviel Rückrat wünsche ich dem Herrn Kerner auch: Einfach mal offen sagen, was man denkt. Aber dann würden die Einschaltquoten sinken. Hmm, von allen Dreien ist mir der Bohlen noch der liebste, der ist harmlos - wenn man nicht gerade Kandidat bei DSDS ist. Gruß Machine
4. Tut mir leid...
Beansidhe 06.02.2008
... aber ich halte diesen Mann für nichts weiter als einen dummdreisten Kotzbrocken. Aber damit paßt er hervorragend in die deutsche Fernsehlandschaft, in der nicht Intelligenz und Geist, sondern hohles Sprücheklopfen und Dummheit geradezu verehrt werden. Leute, die von dem etwas verstehen, von dem sie reden, sind gleich "Experten" und haben damit im deutschen Fernsehen in etwa den Status von Knut: "Oh, wie süß... so ein kleiner Exot!" Wenn sie dann einmal aufmucken, wie ein Herr Bublath nach der dem unmöglichen Benehmen von Nina Hagen, wird ihnen dafür gleich Humorlosigkeit vorgeworfen. Warum sollte man über Herrn Bohlen Doktorarbeiten schreiben ? Was hat dieser Mann eigentlich geleistet? Seine Unverschämtheit und Niveaulosigkeit bewegt sich auf einer nach unten offenen Richterskala, das ist das einzige, worin er Meister ist. Muß man ihn dafür toll finden? Gottlob nicht. Ich erinnere mich daran, irgendwann einen Artikel über römische Gladiatorenspiele gelesen zu haben... bei dem der Autor sich stolz darüber ausließ, wie weit wir doch heute in unserer Zivilisation gekommen wären. Wenn ich mir "DSDS" und "Dschungelcamp" ansehe, bin ich geneigt, ihn energisch zu widersprechen... das Publikum erfreut sich noch immer daran, wie andere fertiggemacht werden. Und ich bin mir sicher: Würde irgendein Privatsender den Mut finden, echte Gladiatorenspiele auf die Beine zu stellen und sie nicht verboten werden, hätten sie eine Riesen-Zuschauerquote... und Herr Bohlen wäre der Zeremonienmeister.
5. Nichts neues...
T.Rödel 06.02.2008
Zitat von sysopKaum ist bei RTL wieder Superstar-Casting, prügeln Medienwächter und Bedenkenträger auf Chef-Juror Dieter Bohlen und seine Sprüche ein. Zu Unrecht, meint Henryk M. Broder: Bald wird man Doktorarbeiten über Bohlens geniale Mischung aus Größenwahn, Witz und Pragmatismus schreiben. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,533411,00.html
Diese Shows gab es in Brasilien (und bestimmt auch woanders) schon in den 60-70 Jahren. Also nichts neues. H. Bohlen hat das Rad nicht neu erfunden. Neu für mich ist es das es so viel Anklang findet. Also kein Grund ihn in irgendwelchen Doktoarbeiten zu ehren, sondern wenn überhaupt die 'Macher' in Südamerika.
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