TV-Sender: Al-Dschasira-Chef muss seinen Posten räumen

Mohammed Dschassim al-Ali, Generaldirektor des arabischen TV-Senders al-Dschasira, räumt seinen Posten. Seine Ablösung erfolgt kurz nach Medienberichten über al-Alis vermeintliche Tätigkeit für den irakischen Geheimdienst. Der Sender dementiert jedoch jegliche Zusammenhänge mit den Vorwürfen.

Saddam-Rede bei al-Dschasira: Verbindungen zum irakischen Geheimdienst?
EPA/DPA

Saddam-Rede bei al-Dschasira: Verbindungen zum irakischen Geheimdienst?

Kairo - Laut Berichten der arabischen Zeitung "Asharq al-Awsat" wird Mohammed Dschassim al-Ali, bisher Generaldirektor des TV-Senders al-Dschasira, in den Aufsichtsrat wechseln. Sein Nachfolger stehe noch nicht fest, hieß es am Mittwoch in der katarischen Hauptstadt Doha.

Erste Gerüchte über Alis vermeintlich dubiosen Verstrickungen mit dem irakischen Geheimdienst hatte kürzlich Ahmed Tschalabi, Chef des Irakischen Nationalkongresses (INC), verbreitet. In einem Live-Interview für den Konkurrenz-Sender Abu Dhabi TV rechnete er mit al-Dschasira ab, dessen Redakteure ihn wiederholt als Marionette der Amerikaner bezeichnet hatten. Im Gegenzug nannte Tschalabi den zuletzt im Irak-Krieg populär gewordenen Sender ein willfähriges Instrument des irakischen Geheimdienstes, was er mit diversen Akten zu belegen versuchte.

Das Interview erregte auch internationales Interesse. Einige Tage danach veröffentlichte die britische Zeitung "Sunday Times" weitere Details zu den Geheimdienst-Vorwürfen. Demnach seien hochrangige Mitarbeiter al-Dschasiras, unter ihnen Mohammed Dschassim al-Ali, als Informanten für Saddams Geheimdienst tätig gewesen.

Al-Dschasira verweigerte bis jetzt jeden Kommentar zu diesen Vorwürfen, die rechtliche Prüfung der vorgelegten Akten werde abgewartet. Dass die plötzliche Ablösung des Generaldirektors mit dem Ergebnis dieser Überprüfung etwas zu tun haben könnte, wird jedoch heftig dementiert. Sollten sich die Dokumente allerdings als echt herausstellen, wäre die Glaubwürdigkeit des Senders akut gefährdet.

Der 1996 vom katarischen Herrscherhaus gegründete TV-Sender hat den TV-Journalismus im arabischen Raum in den vergangenen Jahren revolutioniert. Die Redaktion orientiert sich an westlichen Standards der Berichterstattung, was von rund 35 Millionen Zuschauern zwischen Marokko und Oman verfolgt werden kann. Auch international findet die Arbeit al-Dschasiras inzwischen Beachtung und Respekt. Das ZDF erneuerte erst kürzlich seinen Kooperationsvertrag mit dem arabischen Sender.

Während des Afghanistan-Krieges war al-Dschasira zum Teil der einzige Fernsehsender, der live aus Kabul berichten durfte. Eine Tatsache, die dem Sender die Bezeichnung "CNN der arabischen Welt" einbrachte. Später erregte al-Dschasira mit der Ausstrahlung von Video- und Tonband-Botschaften des Terrornetzwerks al-Qaida internationales Aufsehen.

Auch deshalb verfolgte vor allem die US-Regierung die Berichterstattung des Senders mit kritischem Blick und intervenierte mehrmals beim Herrscherhaus von Katar. Besonders heftige Kritik übte Washington, als al-Dschasira während des Irak-Krieges Bilder gefangener und getöteter US-Soldaten zeigte.

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