TV-Sender al-Dschasira: Wird Offenheit Programm?

Von

Der arabische Sender al-Dschasira wird im Westen häufig nur als Übermittler unscharfer Videobotschaften Osama Bin Ladens gesehen. Jetzt plant der Sender aus Katar ein internationales Programm. Damit will man CNN und BBC Konkurrenz machen - und wirbt deren Personal ab.

Videobotschaft Saddam Husseins auf al-Dschasira (2003): Anstiftung zur Gewalt
AFP

Videobotschaft Saddam Husseins auf al-Dschasira (2003): Anstiftung zur Gewalt

Die Ziele, die man in Katar verfolgt, sind ehrgeizig. Ab Anfang 2006 will das neue Nachrichtenprogramm al-Dschasira International zumindest potentiell eine Milliarde Zuschauer erreichen. Aus vier Studios in Washington, London, Kuala Lumpur und Doha wollen die TV-Macher die westliche Nachrichtenwelt aufmischen. Zwölf Stunden täglich sollen Europa, die USA und der Rest der westlichen Welt mit Informationen aus dem Ausland versorgt werden, zwölf Stunden Material stammen aus der Zentrale des arabischen Senders in Katar.

Gesendet wird ausschließlich in Englisch, gearbeitet völlig unabhängig vom arabischen Original. "Noch nie zuvor war das Interesse an der arabischen Welt so groß", sagte der Chefredakteur von al-Dschasira International, Nigel Parsons, der Zeitung "Die Welt".

Die Nähe zum arabischen Muttersender bietet dabei viele Vorteile. Al-Dschasira kann auf Hunderte Nahostexperten zurückgreifen und genießt bei vielen arabischen Intellektuellen großes Vertrauen. Bei der Gründung des Senders vor neun Jahren wurde al-Dschasira in der westlichen sowie in der arabischen Welt als Revolution gefeiert. Der Nachrichtensender war der Erste seiner Art im Nahen Osten: Programme - wie zum Beispiel Talkshows - in denen sich Kontrahenten verbal duellierten, hatte es dort zuvor nicht gegeben.

Ziel des neuen Senders ist es nun, dem westlichen Publikum eine Einsicht in die Vorgänge im Nahen Osten zu ermöglichen, die andere Programme nicht bieten können.

Zwischen des Stühlen

Doch so optimistisch sich der 53-jährige Parsons, der 30 Jahre für die BBC gearbeitet hat, auch gibt - unproblematisch ist das Vorhaben des Senders nicht. Al-Dschasira International wagt einen Spagat, mit dem neuen Vorhaben setzt sich der Sender zwischen die Stühle des westlichen und des arabischen Mediensystems. Die Grenze zwischen pro-arabischer und anti-westlicher Berichterstattung ist schnell überschritten.

Vor allem im Westen muss man sich ein neues Image erarbeiten - hier glauben viele, al-Dschasira sei gleichbedeutend mit der Ausstrahlung von Videobotschaften arabischer Extremisten. Um ernst genommen zu werden, bedarf es journalistischer Standards: Wer CNN und BBC als Konkurrenten definiert, muss auch einen vergleichbaren Anspruch erfüllen. Insofern dürfte das neue Angebot auch Rückwirkungen auf den Muttersender haben.

Die Vorbehalte gegenüber dem arabischen Sender sind vielfältig. Insbesondere in den USA muss sich al-Dschasira gegen die Unterstellung, es gebe eine Verbindung des Senders zu al-Qaida, behaupten. Man hat dem Sender wiederholt vorgeworfen, die Stimmung im Nahen Osten gegen den Westen anzustacheln und somit amerikanische Soldaten im Irak in Gefahr zu bringen. Der arabische Sender vergifte die öffentliche Meinung gegen die US-Politik, hieß es.

Im Irak hat al-Dschasira deshalb Arbeitsverbot: Die von der provisorischen Behörde der Besatzungsmächte und vom regierenden Rat eingesetzte Übergangsregierung installierte im Juni 2004 einen sogenannten hohen Medienausschuss. Dieser verbot al-Dschasira zunächst für einen Monat: Der Sender stifte zu Gewalt und Hass an, so die Argumentation. Einen Monat später wurde al-Dschasira dann für unbestimmte Zeit aus dem Irak verbannt.

Unabhängig davon, ob die westliche Bevölkerung das Programm des Senders annehmen wird, stellt sich die Frage, inwieweit Unternehmen bereit sind, in einem solchen Umfeld zu werben. Wenig zuträglich im Versuch, al-Dschasira International im Westen glaubwürdiger erscheinen zu lassen, ist auch das Verfahren gegen den in Spanien tätigen Star-Korrespondenten des Senders, Tayseer Alouni. Er steht in Madrid vor Gericht. Der Verdacht: Alouni habe engen Kontakt zum Terror-Netzwerk al-Qaida. Der Sender steht jedoch weiter zu seinem Korrespondenten: Die Kontakte habe er im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit gepflegt, heißt es dort.

Enfant terrible der Medien

Die Verantwortlichen des arabischen Muttersenders sehen in dem negativen Image sowohl eine Gefahr als auch einen möglichen Vorteil: "Bei jüngeren Zuschauern genießt al-Dschasira große Glaubwürdigkeit. Der Sender gilt ein wenig als Opposition zum Establishment, als Enfant terrible des Mediensystems", sagte Parson der Zeitschrift "Time". Weniger zuträglich ist das negative Image des Muttersenders in den arabischen Depotien: Saudi-Arabien hat den Sender faktisch boykottiert, die Kritik von al-Dschasira an den Verhältnissen im Land ging den Politikern zu weit.

Al-Dschasira-Zentrale in Doha: Konkurrenz für CNN?
DPA

Al-Dschasira-Zentrale in Doha: Konkurrenz für CNN?

Der Start von al-Dschasira International sei der erste Schritt hin zu einer Umwandlung des Senders in einen Medien-Großkonzern, berichtet das Magazin "Time". Im vergangenen Jahr habe man bereits einen Sportsender gestartet, ein Kinder-, ein Dokumentations-, sowie ein Musikprogramm seien in Planung.

Im Zuge der Modernisierung hat sich die Rhetorik des Senders merklich verändert: So wurde im Rahmen der Irakkriegs-Berichterstattung aus der amerikanischen "Besatzungsmacht" das "amerikanische Militär". Zudem wurden entscheidende Positionen mit Reformern besetzt. Jedoch stehe der Start von al-Dschasira International und die Modernisierung des Muttersenders nicht im Zusammenhang mit den wiederkehrenden Forderungen der Bush-Administration nach Reformen der arabischen Welt: "Wir waren nie der Sender Osama bin Ladens, und wir werden nie ein Sender der Amerikaner sein", äußerte sich der Geschäftsführer des Muttersenders, Wadah Khanfar, gegenüber dem Magazin "Time".

Das Budget des Senders lässt solche hochtrabenden Pläne durchaus zu. Das jährliche Vermögen wird auf 85 Millionen Dollar geschätzt, der Sender wird von der Regierung in Katar finanziert, die jedoch eigenen Angaben zufolge keinen Einfluss auf redaktionelle Inhalte hat.

Imagepflege mit Sir David

Um dem internationalen Ableger auch im Westen zu Glaubwürdigkeit zu verhelfen, bemüht sich al-Dschasira um vertraute Gesichter. Neben Riz Khan, der zuvor bei CNN International tätig war und bereits einen Vertrag unterschrieben hat, habe man jetzt Verhandlungen mit dem britischen BBC-Veteranen Sir David Frost aufgenommen, meldete der "Guardian".

Frost wurde insbesondere durch sein Radioprogramm "Breakfast with Frost" bekannt. In der Gesprächssendung, die bis Ende letzten Jahres gesendet wurde, interviewte er unter anderem die letzten sechs britischen Premiers sowie die letzten sechs US-Präsidenten. Frost ist seit vier Jahrzehnten im Geschäft und hat bereits während seiner Studienzeit in Cambridge fürs Fernsehen gearbeitet. Für seine Tätigkeit wurde der Journalist vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt er zwei Emmys und die goldene Rose von Montreux. Er ist Autor von 15 Büchern und hat acht Filme produziert.

Ob das Renommee Frosts und seiner angeworbenen Kollegen ausreicht, um den Ruf al-Dschasiras im Westen maßgeblich zu verändern, ist allerdings fraglich, zumal sich das Image von "Sir David" in den vergangenen Jahren, zumindest aus Sicht seiner Kritiker, gewandelt hat: War der Journalist in den sechziger Jahren durch satirische Programme ebenso berühmt wie gefürchtet, warf man ihm in der letzten Zeit einen "kriecherischen" Interviewstil vor. Und wenn sich das neue Programm etwas nicht leisten kann, dann das.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite