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TV-Sender Ukraine Today: Operation Gegenpropaganda

Von , Kiew

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Ukraine Today

Neuer Sender Ukraine Today: "Es ist absurd"

Ein Brite aus Liverpool zieht für Kiew in die Propaganda-Schlacht: Peter Dickinson will mit dem Sender Ukraine Today ein Gegengewicht zum Kreml-Kanal Russia Today aufbauen. Hinter dem Projekt steht ein zwielichtiger Oligarch.

Die geografische Unkenntnis vieler Amerikaner ist legendär. Als im Frühjahr Wissenschaftler von US-Universitäten eine Befragung durchführten, war das Ergebnis ein Desaster: Nur einer von sechs Amerikanern konnte die Ukraine - damals bereits seit einem halben Jahr in den Schlagzeilen - korrekt auf der Landkarte orten. Im Schnitt lagen die in den Antworten angegebenen Gebiete 3000 Kilometer vom tatsächlichen entfernt, manche der gut 2000 Befragten tippten kartografisch auf Sudan, die Mongolei und Kasachstan.

Peter Dickinson soll das ändern. Der Brite ist 38 Jahre alt, seit August leitet er als Chefredakteur den Sender Ukraine Today. Zwei Dutzend Mitarbeiter produzieren hier Nachrichten auf Englisch, sie sollen "die Ukraine fester im Bewusstsein des Westens verankern", sagt Dickinson.

Der Gegner, gegen den er zu Felde zieht, trägt einen ganz ähnlichen Namen wie Dickinsons Projekt. Es ist Russia Today, Russlands Auslandssender, der Kreml hat ihn in den vergangenen Jahren mit Hunderten Millionen Euro aufgebaut. Russia Todays Chefredakteurin sieht sich als Vorkämpferin des Kreml in einem "Informationskrieg", sie hat den Kanal zu einer schlagkräftigen Propaganda-Maschine aufgebaut.

Der größte Erfolg von Moskaus Propaganda

Peter Dickinson sagt, er kämpfe gegen ein Vakuum. Die russische Propaganda sei im Westen erfolgreich, weil es zu wenig unabhängige Nachrichten aus der Ukraine gebe. Dickinson stammt aus Liverpool. Als der Konflikt im Osten der Ukraine eskalierte, meldeten sich Freunde aus seiner Heimat per Facebook. Sie schrieben ihm, dass die Ukraine doch historisch immer ein Teil Russlands gewesen sei und dass der Kreml nur die Rechte der russischsprachigen Bevölkerung schütze.

In weiten Teilen des Westens werde russischsprachig mit prorussisch gleichgesetzt, sagt Dickinson, das sei der größte Erfolg von Moskaus Propaganda. "Es ist absurd", sagt Dickinson, er lebt seit 15 Jahren in der Ukraine, er spricht selbst russisch mit seiner Frau und seinen Kindern. Kiew sei zwar die größte Russisch sprechende Metropole außerhalb Russlands, aber auch eindeutig prowestlich.

Der Erfolg von Ukraine Today ist bislang mäßig. Auf Facebook hat der Sender knapp 30.000 Fans, mehr als die Hälfte davon aus der Ukraine. Konkurrent Russia Today hat zwei Millionen. Dickinsons Sender ist bislang nur über zwei Satelliten zu empfangen, weitere sollen aber folgen.

Der Kreml hat den Kanal allerdings längst auf dem Radar: Als ein Reporter von Ukraine Today über eine in Russland inhaftierte ukrainische Kampfpilotin berichten wollte, beschlagnahmte der russische Inlandsgeheimdienst FSB seinen Computer und Kamera. Der Korrespondent wurde zeitweise festgenommen.

Ein zwielichtiger Oligarch als Finanzier

Das lag womöglich auch an dem Mann, von dem das Geld für das Projekt stammt. Der Sender wird zwar anders als Konkurrent Russia Today nicht vom Staat unterstützt. Als Finanzier tritt dafür ein zwielichtiger Oligarch auf, der Milliardär Ihor Kolomoisky. Wie alle Magnaten in der Ukraine hatte auch er sich mit Ex-Machthaber Wiktor Janukowytsch arrangiert, nach der Maidan-Revolution aber die Seiten gewechselt. Seit März ist er Gouverneur des Gebietes Dnipropetrowsk und profiliert sich als Hardliner: Er hat ein Kopfgeld für die Ergreifung von prorussischen Separatisten ausgesetzt.

Dem eigenen Anspruch, ein objektives Bild von der Ukraine in die Welt zu tragen, wird Ukraine Today bislang nur bedingt gerecht. Der Sender berichtete groß über die Schlacht um den Donezker Flughafen und widmet sich dem Leid der Bevölkerung in den umkämpften Gebieten. Die Reporter greifen auch die Exekutionen auf, die Amnesty International ukrainischen Truppen zur Last legt. Sie geben der Nachricht allerdings einen besonderen Spin: Nicht die Kriegsverbrechen von Kiews Verbänden stehen im Mittelpunkt, sondern die Tatsache, dass Moskau den Vorfall übertrieben ausgeschlachtet habe.

"Russia Today, hör auf zu lügen"

Die meisten Berichte drehen sich um Russland: Es geht um die Debatte um Sanktionen, verwundete russische Soldaten, den Verfall des Rubel, sogar die Proteste von ein paar Dutzend Demonstranten gegen den Auftritt Kreml-treuer Popstars in London schaffen es in die Top-Meldungen. Der Verfall der ukrainischen Währung Griwna dagegen spielt im Programm keine Rolle. Die Facebook-Seite des Senders offenbart eine gewisse Russland-Obsession der Redaktion: Das Aufmacher-Bild zeigt Aktivisten, die für Pressefreiheit im Nachbarland protestieren.

Kurz nach dem Sendestart hatte Ukraine Today direkten Feindkontakt mit Russia Today. Die Russen wollten den Konkurrenzsender vorstellen und schalteten zu Tetjana Puschnowa, Dickinsons Chefin. Sie hatte sich ein patriotisches T-Shirt übergezogen. Statt auf die Fragen der Moderatorin zu antworten, warf sie dem russischen Sender vor, verantwortlich zu sein für "Tausende Tote in meinem Land". Dann blendeten Puschnowas Kollegen ein Banner ein. "Russia Today, hör auf zu lügen", stand darauf. Der Kreml-Sender ließ die Kamera souverän weiter laufen und merkte lediglich süffisant an, offenbar sei man soeben "live on air getrollt" worden.

Beim Kiewer Sender sind sie danach zum Schluss gekommen, nur noch englische Muttersprachler auf Sendung zu lassen. Die seien "weniger emotional".

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