TV-Sender Vox: Perfekt berieselt

Von Peer Schader

Vor dreizehn Jahren war das "Ereignisfernsehen" ein Riesenflop. Heute gehört Vox zu den Aufsteigern im deutschen TV-Markt. Das Erfolgsrezept: Verlässlichkeit – mit Kochen, Tieren, Renovieren. Start einer SPIEGEL-ONLINE-Serie über die Privatsender der zweiten Generation.

Rupert Murdoch hatte doch Recht. Wahrscheinlich erinnert sich der australische Medienmogul gar nicht mehr an seine Prophezeiung beim Kölner Medienforum, als er versprach, den Kleinsender Vox unter seiner Beteiligung ganz groß rauszubringen. Das ist immerhin mehr als acht Jahre her. Und wer Murdoch damals zuhörte, schüttelte bloß irrgläubig den Kopf. An Großspurigkeiten bei Vox war man schon gewöhnt – und wusste, dass die sich nachher meist in Luft auflösten.

1993 war der "Westschienenkanal" – so der ursprüngliche Sendername – als sogenanntes Ereignisfernsehen gestartet, von den Machern als Alternativprogramm zu ARD und ZDF angekündigt: mit Nachrichten zur vollen Stunde ("punktvox"), Talks ("vis à vox"), modernen Magazinen ("voxtours") und einer ungewöhnlichen Optik, die manchmal ein bisschen den Eindruck machte, als sei ein Haufen Designstudenten nach einer durchzechten Nacht außer Kontrolle geraten.

Neben Bertelsmann sollten unter anderem die "Süddeutsche Zeitung" und die Verlagsgruppe Holtzbrinck ("Tagesspiegel", "Zeit") als Gesellschafter für Seriosität bürgen. Allerdings merkten die Vox-Herren schon nach wenigen Monaten, dass ihre Investitionen im Sender verschwanden wie in einem schwarzen Loch: Die Zuschauer hatten keine Lust auf ein Programm, das nicht richtig ARD-seriös und nicht richtig RTL-unterhaltsam war. Nach und nach sprangen die Gesellschafter ab, bis Bertelsmann alleine dastand und das Vox-Medienmagazin "canale Grande" ausführlich über die Abwicklung des eigenen Senders berichtete. Was für ein Flop!

Fox für Vox

Kurz darauf kam Murdoch ins Spiel. Er kaufte sich bei Vox ein und stopfte das Programm mit Serienware seiner US-Sender zu: Fox-Inhalte für Vox. Trotz aller Beteuerungen machte der News-Corp-Chef sich sechs Jahre später wieder aus dem Staub, Mitgesellschafter Bertelsmann übernahm die Mehrheit und Vox war lange Zeit nicht mehr der Rede wert, sondern bloß ein Sender von vielen, mit Serienwiederholungen, alten Agatha-Christie-Verfilmungen und Lilo Wanders, die bei "Wa(h)re Liebe" am Spätabend Sexualpraktiken durchdeklinierte. Der Sendername ("Die Stimme") – ein Witz.

Seit ein paar Jahren ist das anders. Seit ein paar Jahren fällt vielen in der TV-Branche zu allererst Vox ein, wenn über Erfolg im Privatfernsehen gesprochen wird. Lange hat Ex-Chefin Anke Schäferkordt (heute bei RTL) im Industriegebiet von Köln-Ossendorf, dem Sitz des Senders, an einem Programm gebastelt, das die Zuschauer tatsächlich als Alternative zu dem der großen Sender akzeptieren, mit harmlosen Eigenproduktionen und ungewöhnlichen US-Serien.

Anstatt wie zum Programmstart möglichst viel Zeit darauf zu verschwenden, sich schöne Wortspiele für neue Sendungstitel einfallen zu lassen, hat Vox plötzlich Trends gesetzt – und zum Beispiel "Ally McBeal" durchgehalten, obwohl die Quoten bei der Erstausstrahlung miserabel waren und die Serie erst im zweiten Anlauf langsam Fans gewann. Nachher war es einer der größten Erfolge des Senders. Es folgten die Bestatterreihe "Six feet under", die "Gilmore Girls", "Crossing Jordan" und natürlich "CSI", das den Kölnern derzeit regelmäßig Spitzenquoten beschert.

Krimis, Tiere Dokumentationen

Das Erfolgsprinzip ist simpel: Krimis, Tiere, Dokumentationen. Dazu Kochsendungen und Renoviershows. Nicht gerade "Ereignisfernsehen", sondern eher eindimensional und durchschaubar, aber es funktioniert. Rupert Murdoch behielt Recht: Vox hat das Potenzial, ganz groß rauszukommen, auch ohne Medienmogul auf dem Chefsessel. Derzeit ist die Nummer zwei in der RTL-Gruppe auf dem besten Weg, die Konkurrenten RTL 2 und Kabel 1 hinter sich zu lassen, um konsequent auf ProSieben zuzusteuern, das lange Jahre unerreichbar weit entfernt schien.

In der Vox-Pressestelle sind sie gerade vor allem damit beschäftigt, alle paar Wochen die E-Mail-Vorlage mit der Betreffzeile "Neuer Rekord für Vox" herauszukramen, den jeweiligen Monat dahinter zu setzen und das dann mit dem gutem Gefühl rauszuschicken, nicht mal übertrieben zu haben. Seit März stellt der Sender einen Quotenrekord nach dem nächsten auf. Nicht nur wegen "CSI", sondern auch mit Eigenproduktionen wie der Dekosoap "Wohnen nach Wunsch" und "Das perfekte Dinner", bei dem wildfremde Leute sich gegenseitig bekochen und von ihrer Cocktailtomatenallergie erzählen, um schließlich Punkte für gelungene Menüs zu verteilen. Das wollen derzeit täglich zwei Millionen Menschen sehen.

Sender ohne Stars?

Im Grunde genommen ist das Geheimnis von Vox Berechenbarkeit. Bei der Vorstellung der neuen Sendungen für die kommenden Monate hat Geschäftsführer Frank Hoffmann vor wenigen Wochen in Hamburg gesagt: "Wir gehen inhaltlich nicht in die Breite, sondern wachsen aus unseren Programmspitzen heraus." Das heißt eigentlich nur: mehr Tiere, mehr Kochen, mehr US-Serien. Nach Hoffmanns Rede wurde gefeiert.

Die Stars des Senders waren auch alle da, bloß hat man außer Enie van de Meiklokjes mit ihren rosa Haaren keinen gekannt. Tim Mälzer war noch in Urlaub. Da ist es zum erstenmal richtig aufgefallen, dass Vox bis auf ein, zwei Ausnahmen gar keine Stars hat, sondern allenfalls mäßig bekannte Gesichter. Sowas gibt es sonst nicht in Deutschland. Man muss nur mal kurz überlegen: Was wäre ProSieben ohne Stefan Raab, RTL ohne Jauch, das ZDF ohne Gottschalk?

Zugegeben: Vox ist längst nicht nur Unterhaltung und Serienware. Aus den Neunzigern sind Magazine wie "NZZ Format" und "Süddeutsche Zeitung TV" übrig geblieben, dazu kommen regelmäßig BBC-Dokus und der Kleingesellschafter dctp, Kooperationspartner der SPIEGEL-Gruppe, steuert Magazine und Nachrichten bei – aber wirklich identitätsprägend für Vox ist das kaum.

Hot Dogs und perfekte Dinner

Dass sich bei der Business-as-usual-Strategie erste Verfallserscheinungen bemerkbar machen, ist noch nicht zu ahnen. Die neu gestartete Tierarztserie "Menschen, Tiere und Doktoren" ist nach verhaltenem Start innerhalb weniger Wochen zum Erfolg geworden, der "Galileo"-Verschnitt "Wissenshunger", bei dem erklärt werden soll, wie die Creme in die Milchschnitte kommt, soll folgen. Neuester Hit soll das "Dinner"-Sequel "Der perfekte Urlaub" werden, in der Unbekannte sich gegenseitig die Ferien organisieren, und die nicht ganz ernst gemeinte Castingshow "Top Dog – Deutschland sucht den Superhund". 2007 startet "Tims Team", in dem Tim Mälzer einen Rehabilitationskurs für gescheiterte Köche schmeißt.

Vielleicht wird Vox die perfektionierte Verlässlichkeit irgendwann einmal zum Verhängnis. Was ist, wenn die Zuschauer kein Interesse mehr haben an Kochshows, Tierdokus und US-Krimis? In Ossendorf müssten sie innerhalb kürzester Zeit ein komplett neues Programm auf die Beine stellen. Gut, das hat schon einmal geklappt vor rund zwölf Jahren. Aber wiederholen möchte das sicher niemand.

Andererseits: Bleibt der Sender so erfolgreich wie jetzt, wird Ärger mit der großen Schwester RTL programmiert sein, an die Vox schon jetzt an manchen Tagen gefährlich nah heran rückt. Am Vorabend stellt "Das perfekte Dinner" die neue RTL-Soap "Alles was zählt" in den Schatten. Dass der Kleine aus der Senderfamilie plötzlich dem Großen Zuschauer streitig macht, dürfte in Köln ganz bestimmt nicht jedem gefallen. Gerade hat RTL bekannt gegeben, Vox im November "CSI" wegzunehmen und selbst zu senden. Damit verliert Vox sein erfolgreichstes Programm.

Hätten Sie in Köln jetzt nur den Mut, wieder Magazine zu machen, wie sie damals zum Sendestart versprochen wurden: mutiger als bei den anderen Privaten, weniger dröge als bei ARD und ZDF. Ruhig am späten Abend, wenn Tim Mälzer aufgegessen hat und die Serienverbrecher hinter Schloss und Riegel gesperrt wurden. Das wäre ein Programm! Wenn Rupert Murdoch das mitbekäme, würde er sich schwarz ärgern, dass er ausgestiegen ist.

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