TV-Serie "Dr. Psycho": Mit Doc Dummbatz im Einsatz

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Keine Komödie, kein Krimi, keine Klasse: Der eigentlich begnadete Nichtschauspieler Christian Ulmen stolpert ab morgen mit unterschiedlichen Socken, falschem Timing und psychologischen Binsenweisheiten durch eine neue Pro-Sieben-Serie.

Der Herr folgt seinem eigenen Rhythmus. Christian Ulmen kann sich einen verlausten Bart ankleben oder eine Blondinenperücke aufsetzen, er ist immer nur er selbst. In der Real-Life-Comedy "Mein neuer Freund", dem schönsten und schamlosesten Stück Fernsehunterhaltung, das in den letzten Jahren hierzulande zu sehen war, quartierte er sich bei jeweils einer Kandidatin oder einem Kandidaten ein, um sie durch nervtötende Aktionen auf die Probe zu stellen. Er schrie nachts die Nachbarschaft zusammen oder beleidigte ganz wunderbar die Freunde und Eltern der Probanden. Dabei hörte Ulmen, egal ob als popelknabbernder Hippie oder als pummeliges Blondchen, immer nur auf seinen eigenen Puls.



"Mein neuer Freund" wurde damals von ProSieben wegen schlechter Quoten schnell gekippt – um nach massiven Protesten von Fans im Internet dann doch noch zu nachtschlafender Zeit versendet zu werden. Ulmen war bald sogar im Kino zu sehen, diesmal vergleichsweise bescheiden verkleidet. Er schlurfte mit hängendem Bäuchlein durch "Herr Lehmann" und lieferte so das virtuose Porträt eines Zeittotschlägers.

Jetzt hat ProSieben, das ist erstmal löblich, dem inspirierten Selbstdarsteller, den man einst so schmählich ins Nachtprogramm verbannt hat, eine Rolle auf den teigigen Körper schreiben lassen. Als Psychologe Max Munzl soll er in "Dr. Psycho" die mentalen Zipperlein einer Kripo-Sonderkommission gegen das organisierte Verbrechen behandeln. Eigentlich, möchte man meinen, ein toller Part für den Psycho-Humoristen, der bei seiner Fernseharbeit stets durch die verbale Penetration seiner Kontrahenten treffsicher die größten Peinlichkeiten zutage förderte. Doch ach, wo Ulmen sonst mit seinen individuell getakteten Auftritten die Handlung vorantreibt, da verspielt er in "Dr. Psycho" jeden Witz und jede Spannung.

Taktlos in die Langeweile

Schließlich soll die Serie eine Mixtur aus Komödie und Krimi sein. Doch in beiden Genres geht es nun mal darum, dass sich alle Beteiligten auf einen einheitlichen Pulsschlag einigen. Tempo und Timing sind sowohl in der Komödie als auch im Krimi entscheidend (und erst recht in einer Kombination aus beidem). Die richtige Taktung entscheidet darüber, ob hier die Pointe im richtigen Moment zündet und dort die Bombe in letzter Sekunde entschärft wird.

In "Dr. Psycho" aber funktioniert weder der Slapstick noch die Action und schon gar nicht der verbale Schlagabtausch. Wenn ein Regal zusammenbricht, kriegt das der Zuschauer erst mit ein paar Sekunden Verspätung mit, und die Scharmützel zwischen dem Seelenklempner und den Cops laufen fast immer ins Leere. Denn Ulmen agiert nun mal mit gewohnt selbstbezogenem Tempo. Mal gedrosselt, mal überhitzt – aber nie so, dass sich seine Kollegen darauf einstellen können.

Deshalb stehen die anderen Darsteller in "Dr. Psycho" mal unter- und mal überfordert in der Gegend rum. Was umso mehr auffällt, da hier einige der besten deutschsprachigen Schauspieler Rollen variieren, die sie zuvor schon in anderen Fernsehproduktion ausgefüllt haben. So ist Roeland Wiesnekker noch einmal als versoffener Cop à la "Strähl" unterwegs, Hinnerk Schönemann gibt nach Art von "Blackout – Die Erinnerung ist tödlich" den leicht reizbaren Haudrauf. Und Anneke Kim Sarnau verkörpert wie in "Die Hoffnung stirbt zuletzt" eine Beamtin, die sich mit harten Bandagen im männerdominierten Polizei-Soziotop behaupten muss. Ganz schlimm: In einer Szene diagnostiziert Dr. Munzl bei der Ermittlerin forsch, dass sie in der Macho-Umgebung ihr Frausein längst verlernt hätte. Doc Dummbatz doziert auf Vorabendniveau.

Dass diese Komödie aus dem Kripo-Milieu so gar nicht aufgeht, verwundert umso mehr, wenn man bedenkt, wer dahinter steht: Produzent Ralf Husmann bewies mit der von ihm konzipierten Serie "Stromberg", die zurzeit das einzige wirklich komische Comedy-Format im deutschen Fernsehen darstellt, wie man authentische Peinlichkeiten aus der Arbeitswelt ganz unaufgeregt zur Büro-Groteske verdichtet. Und Regisseur Ralf Huettner hatte mit seiner "Musterknaben"-Trilogie souverän das Genre der Cop- und Buddy-Comedy als deutsche Variante aufbereitet.

In "Dr. Psycho" aber erschöpfen sich Psychologie und Humor darin, dass Max Munzl einen Hund namens Freud besitzt und dass er sich bei einer Geiselnahme bis auf seine Unterhose ausziehen muss. So stolpert Munzl-Darsteller Christian Ulmen dann in verschiedenfarbigen Socken und offensichtlich von jeder Regieanweisung unbeeindruckt durch die Krimi-Alberei, während sich die Fans des begnadeten Nichtschauspielers längst nach etwas ganz anderem sehnen. Eine zweite Staffel von "Mein neuer Freund", das wär’s.


Dr. Psycho: montags, 21.15 Uhr, ProSieben

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