TV-Serie "Grey's Anatomy" Wo drückt's denn, Doc?

Patienten als Projektionsfläche: ProSieben zeigt ab morgen die amerikanische Arztserie "Grey's Anatomy", in der die emotionalen Hochs und Tiefs der Jungdoktoren wichtiger sind als die Gesundheitsprobleme der Kranken.

Von Peer Schader


Erste Tage sind immer furchtbar. Der erste Tag in der neuen Wohnung: alles steht unausgepackt in Kisten herum und man hat keine Ahnung, wie man es sich hier je gemütlich machen soll. Der erste Tag in der neuen Stadt: Ist man ins richtige Viertel gezogen? Gibt es Stammkneipenpotenzial? Und wie versteht man innerhalb der nächsten Sekunden den S-Bahn-Fahrplan, um pünktlich zur Verabredung zu kommen? Mit Abstand die schlimmsten ersten Tage aber sind die im neuen Job: überall fremde Gesichter und keinen Schimmer, was genau man jetzt tun soll. Witzig sein? Besser nicht? Sich gleich richtig ins Zeug legen und riskieren, als Streber gemieden zu werden? Meistens hilft es, von solchen Premieren das Schlimmste zu erwarten, weil man dann nur positiv überrascht werden kann. Oder man hat richtig Pech und der erste Tag dauert doppelt so lange wie befürchtet.

Lauter falsch gesetzte Spritzen

Meredith Grey hat richtig Pech. Und ihr einziger Trost ist: Den anderen Anfängern im Seattle Grace Hospital geht es nicht viel besser. Grey und ihre Kollegen haben gerade ihr Doktoren-Studium absolviert, die eine etwas besser, der andere nur mit Mühe und Not, aber alle sind sie jetzt in derselben Situation: Sie müssen ihre erste 48-Stunden-Schicht hinter sich bringen und vielleicht erstmals Entscheidungen für Patienten mit echten gesundheitlichen Problemen treffen. "Das wird die beste und die schlimmste Zeit ihres Lebens", droht Chefarzt Richard Webber den Jungärzten gleich zu Beginn der Ausbildung. Und tatsächlich: Die ersten Stunden sind die Hölle! Nicht, weil es einen brisanten Fall nach dem nächsten gäbe, sondern weil die meiste Zeit bloß dröge Routinetätigkeiten zu erledigen sind: Rektaluntersuchungen, einfache Zusammenflickenarbeiten, lauter falsch gesetzte Spritzen.

So bleibt im Pilotfilm der neuen US-Serie "Grey's Anatomy" (Dienstags, 20.15 Uhr, ProSieben) immerhin genügend Zeit, die unterschiedlichen Charaktere zu etablieren, allen voran Meredith Grey (Ellen Pompeo), von der man nicht so genau weiß, ob sie ihren Job bloß macht, um ihrer Mutter – einer ehemals erfolgreichen Chirurgin – zu beweisen, dass auch die Tochter das Zeug zur Heilerin hat. Außerdem sind da: die überehrgeizige Cristina, die sofort alles wegoperieren würde, was ihr vor die Nadel kommt, der trottelige George, der sich ein bisschen in Meredith verguckt hat, der arrogante Justin, der nicht viel auf dem Kasten hat, und Isobel, die von allen angezickt wird, weil sie vorher mal Model war, warum auch immer das ein Makel ist. Dazu kommen: der karriereversessene Dr. Burke, der mit dem gutaussehenden Neuling Dr. Shepherd um die Chefarzt-Nachfolge konkurriert, und die taffe Ausbilderin Dr. Bailey, die alle im Krankenhaus den "Nazi" nennen, weil sie so streng ist, was man durchaus ein bisschen plemplem finden kann. Fertig ist der nächste Serienerfolg!

Auf zur nächsten Lebensrettung

Oder? Naja, nicht ganz. "Grey's Anatomy" ist nicht gerade eine TV-Revolution, auch wenn die Amerikaner gerade so arg auf die Serie abfahren, dass deren Autoren ein eigenes Blog eröffnet haben. Wie soll das auch gehen, bitte schön? Alles, was man über amerikanische Krankenhäuser wissen muss, kennt man schon aus "Emergency Room", und wie dumm sich Anfänger mit Doktorentitel anstellen, weiß man aus "Scrubs". Natürlich ließe sich deshalb schlecht gelaunt behaupten, alles, was in "Grey's Anatomy" zu sehen ist, habe es schon mal irgendwie so ähnlich gegeben.

Oder man akzeptiert einfach, dass die kruden medizinischen Fälle in der neuen ProSieben-Serie eigentlich gar nicht so wichtig sind, oft sogar bloß Beiwerk: Die 15-jährige Katie, die in der ersten Folge mit unkontrollierbaren Anfällen eingeliefert wird, gibt es eigentlich bloß, um Meredith an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu bringen. Nach der erfolgreichen Operation haben es die Autoren nicht mal mehr für notwendig gehalten, für sie ein abschließendes Gespräch mit Meredith zu texten. Auf geht's zur nächsten Lebensrettung! Anderthalb pro Folge schafft die Hauptprotagonistin anfangs durch forciertes Klugscheißen. Kein schlechter Schnitt – aber irgendwie auch ziemlich egal.

Es ist halt so: In "Grey's Anatomy" sind Patienten bloß Projektionsfläche für die behandelnden Ärzte, für deren Sorgen, Gewissensbisse und Probleme. Konsequenterweise beginnt die Serie deshalb auch nicht im OP, sondern in Merediths Bett, so wie offenbar alle neueren amerikanischen Serien mit Beischlafszenen starten müssen, zuletzt "Las Vegas", die ProSieben kürzlich wegen dürrer Quoten eingestellt hat. Meredith jedenfalls wacht neben einem attraktiven Kerl auf, den sie letzte Nacht mit nach Hause gebracht hat, was ihr jetzt etwas peinlich ist, weshalb sie ihn eiligst hinauskomplimentiert, bloß um ein paar Stunden später festzustellen, dass der Typ ihr Vorgesetzter in der neuen Klinik ist.

Ärzte mit hippen Kopftüchern

Hört sich albern an? Muss aber so sein: Was "Grey's Anatomy" an Krankengeschichten fehlt, wird mit Zwischenmenschlichem ausgeglichen. In den USA ist die Serie vor allem bei Frauen beliebt. Die jungen Ärztinnen laden geradezu ein zur Identifikation. Dass die wichtigen Posten auch hier meist den Männern vorbehalten sind, passt da nicht ganz, lässt sich aber einigermaßen ignorieren: Immerhin sind die Kerle knackig anzusehen mit ihren hippen Kopftüchern, die sie im OP aufhaben, als kämen sie gerade von einer Dschungeltour oder vom Surfen zurück. ProSieben hofft, dass die Medizinerinnen auch bei den deutschen Zuschauerinnen einschlagen, damit der Sender nach "Las Vegas" und "Nip/Tuck" nicht die nächste Serienpleite wegstecken muss.

Vielleicht hilft es ja, dass bei "Grey's Anatomy" trotz allen Zielgruppengelabers ruhig auch Männer mitgucken dürfen. Nachher kann man ja gegenüber der Freundin immer noch abstreiten, dass man es genauso spannend fand, wer da mit wem anbandelte. Oder dass man sogar Gänsehaut hatte, als sie wieder einen Patienten aufgeschnitten und mit gesunder Tragik in letzter Minute das Leben gerettet haben, während Coldplay aus dem Off sinnschwere Balladen trällerten. Für diesen Moment legt man sich einfach das Gemecker darüber zurecht, dass die popmusikzugestopften "Grey's"-Episoden im Original nach Songtiteln benannt sind, zum Beispiel "The First Cut ist the Deepest". Das ist nämlich wirklich nicht besonders originell.



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