TV-Serie "Heroes" Rettung für den Cheerleader

Was braucht Amerika nach dem 11. September 2001 am dringendsten? Superhelden! Die erfolgreiche US-Serie "Heroes", die heute bei RTL II startet, hat jede Menge davon. Doch das Gesetz der Comics gilt auch im Fernsehen: Superkräfte allein machen nicht glücklich.

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"Die Welt von heute ist sehr groß und furchteinflößend, also dachte ich darüber nach, was ihr fehlen könnte. Und was ich am meisten vermisste, war die Idee des Heldentums". So erklärte der amerikanische Fernsehserien-Produzent Tim Kring in der "New York Times" seine Initialzündung für "Heroes", eine der erfolgreichsten Serien der vergangenen TV-Saison in den USA.

"Heroes"-Charaktere: "Save the Cheerleader, save the World"
NBC / Mitch Haaseth

"Heroes"-Charaktere: "Save the Cheerleader, save the World"

Vorbildhaft für Kring, 49, der zuvor mit "Crossing Jordan" einen Hit im Krimi-Genre feiern konnte, waren Erfolgs-Shows wie "24" und "Lost", die den Zuschauer mit Spannung, aber auch mit einer Geschichte fesseln, die sich über eine Spanne von mehr als 20 Folgen zieht. Eine große, epische Ensemble-Saga hatte er im Sinn, mit Charakteren und Kapiteln, die sich im Zuge eines mäandernden Plots allmählich entfalten.

All das ist "Heroes", das heute in der deutschen Fassung bei RTL II startet, und noch mehr. Denn erstmals gelingt es einer TV-Serie, ein geradezu archetypisches Comic-Thema mit allen stilistischen Finessen auf den Bildschirm zu bannen. Verantwortlich für dieses Kunststück ist vor allem Jeph Loeb, ein in der Comic-Szene gefeierter Autor für Serien wie "X-Men" und "Batman". Loeb, der am Ende viele der "Heroes"-Episoden schrieb, überzeugte Kring davon, dass es sich lohnen würde, ein in Superhelden-Comics vielfach variiertes Thema noch einmal neu zu erzählen: Die Geschichte von ganz normalen Menschen, die plötzlich Superkräfte entdecken und erkennen, dass sie zu Höherem berufen sind. Was man brauche, so Loeb, sei nichts weiter als gute und glaubhafte Charaktere.

Verneigung vor dem Medium Comic

Die gibt es in "Heroes" gleich haufenweise. Eine der zentralen Figuren ist zum Beispiel der Teenager Claire (Hayden Panettiere), eine engelsblonde Cheerleaderin an einer Highschool irgendwo im Mittelwesten der USA, die entdeckt, dass sie auch die grausamsten Verletzungen und Verstümmelungen unbeschadet überlebt. Oder der verzagte New Yorker Altenpfleger Peter Petrelli (Milo Ventimiglia), der schon lange glaubt, dass er etwas Besonderes ist und im Laufe der Serie herausfindet, dass er nicht nur fliegen kann, sondern noch einiges mehr. Und dann gibt es den Büro-Angestellten Hiro Nakamura (Masi Oka) aus Tokio, einen "Star Trek"-Fan, der in der Lage ist, die Zeit anzuhalten und sich in andere Erdteile zu teleportieren. Und natürlich den heroinsüchtigen Maler Isaac Mendez (Santiago Cabrera), der in seinen Gemälden die Zukunft vorhersieht: Ein Atompilz über Manhattan.

In Mendez' Bildern, düster-apokalyptischen Panoramen, zeigt sich die Nähe und die Verneigung vor dem Medium Comic sehr plakativ. Aber auch wenn die Kamera Szenen vom Boden aus filmt oder aus schräger Vogelperspektive ins Geschehen dringt, werden klassische Comic-Einstellungen zitiert. Und nicht umsonst heißt es am Ende jeder Folge im schmucken Handlettering: "To be continued..." Auf der Website des US-Senders NBC gibt es begleitend zur Serie eine interaktive "graphic novel" zu entdecken, und nicht zuletzt kauft sich Hiro, als er sich mit seinem Kollegen Ando erstaunt in New York wiederfindet, ein Comic-Heft, in dem er selbst als schwertschwingender Samurai vorkommt - gezeichnet von Isaac. Schnell wird klar, dass sich die kreuz und quer über die USA verstreuten Superhelden zusammenfinden müssen, um gemeinsam die Welt vor der nuklearen Katastrophe zu bewahren. Und sie haben nur ein paar Wochen Zeit.

Will nicht jeder etwas Besonderes sein?

Wie in jeder guten Mystery-Serie gibt es auch noch eine dunkle Bedrohung, personifiziert durch Claires Vater Mr. Bennett (Jack Coleman), der mehr über die Helden und ihre Kräfte zu wissen scheint und Jagd auf sie macht. Sein Gegenspieler ist der junge indische Genetiker Mohinder Suresh (Sendhil Ramamurthy), der glaubt, den Masterplan der Mutationen entschlüsselt zu haben.

Je länger die Handlung in Richtung Finale vordringt und die einzelnen Stränge sich zu einem dichten und sehr spannenden Plot verdichten, desto mehr entfaltet "Heroes" eine Qualität, die an verwandte Formate wie "Lost" nicht nur heranreicht, sondern die Grenzen dieses Genres, irgendwo zwischen Mystery und Science-Fiction, weiter auslotet. Von den "X-Files" übernimmt "Heroes" die Paranoia vor einer Verschwörung, die bis in höchste Kreise reicht. Von den "X-Men" stammt das Motiv der unterdrückten und verfolgten Minderheit, die mit ihrer besonderen Begabung gegen die normativen Kräfte der Gesellschaft verstößt und Ängste provoziert. Aus "Lost" stammt die aus Fremden zusammengeworfene Gruppe, die nur gemeinsam stark ist.

Tatsächlich ist die Charakterfrage entscheidend: Will nicht jeder von uns etwas Besonderes sein? Aber was ist, wenn es wirklich so weit ist? Ob Gedankenleser, Unverwundbarer, Teleporter oder messianischer Erlöser der Menschheit - die besondere Fähigkeit bringt auch Verpflichtungen und moralische Dilemmata mit sich: Wage ich mich aus der Deckung? Stelle ich meine Kräfte in den Dienst des Guten und der Gemeinschaft oder entscheide ich mich für das eigene Machtstreben, die dunkle Seite?

Im Kino wurde in den vergangenen Jahren gerade vorgeführt, dass mit derlei Seelenquälerei viel Geld verdient werden kann: Comic-Held "Spider-Man", ein Geschöpf der atomaren Ängste im Kalten Krieg, wurde in den Nachwehen des 11. Septembers zur Heldenfigur der Neuzeit umgedeutet. Statt vor der Bedrohung aus dem Ostblock schützt der Spinnenmann die Moral und Mentalität Amerikas nun vor unberechenbaren Terroristen. Dass er einfach nur ein College-Student aus New York ist, der durch einen Spinnenbiss zum Superhelden und Kämpfer gegen das Verbrechen wird, ist nur ein weiterer Baustein im großen Mosaik der amerikanischen Mythen: Wenn jeder vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann, dann kann auch jeder pickelige und ungeliebte Nerd ein strahlender Held sein.

Auch "Heroes" spielt mit diesem Motiv. Statt radioaktiver Spinnenbisse sind es hier genetische Mutationen, die über Schicksale entscheiden: Es ist ein eifersüchtig zu seinem großen Bruder aufblickender Nichtsnutz, der am Ende Gefahr läuft, ganz New York in Schutt und Asche zu legen. Und es ist der unscheinbarste aller Unscheinbaren, der drollige, bebrillte Hiro, der zum Auserwählten wird. "Save the Cheerleader, save the World" heißt ein wiederkehrendes Motto der Serie. Ironie des Plots: Die unverwundbare Blondine Claire, das strahlende All-American Girl, Sinnbild amerikanischer Fruchtbarkeit und Verheißung, kann nicht ohne einen Haufen Verlierer überleben, die über sich hinauswachsen müssen.


"Heroes": Ab heute immer Mittwochs, 20.15 Uhr, RTL II

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