TV-Serie im Ramadan Tabu-Bruch zur Fastenzeit

Wer in muslimischen Ländern ein Massenpublikum erreichen will, dreht eine Daily Soap und zeigt sie im Fastenmonat Ramadan. Da nämlich werden TV-Serien zu Straßenfegern. Die populärste Ramadan-Soap erhitzt jetzt mit dem Tabu-Thema Vergewaltigung die Gemüter.

Von Amira El Ahl, Kairo


Der Esstisch bietet eigentlich Platz für acht, doch heute ist jeder Zentimeter Tisch mit Schüsseln und Platten bedeckt. Die Gäste balancieren ihre voll beladenen Teller auf den Knien, Stühle werden herangezogen, andere stehen, um schneller vom Ess- ins Wohnzimmer laufen zu können.

Ägyptischer TV-Star Youssra: Vorbild in der Ramadan-Serie
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Ägyptischer TV-Star Youssra: Vorbild in der Ramadan-Serie

Es ist Viertel vor sechs in Kairo, und sobald die letzten Sonnenstrahlen am Horizont verschwunden sind, ertönen die Rufe der Muezzine und geben damit das Zeichen für Millionen von Muslimen, ihr Fasten zu brechen. Es ist Ramadan, der heilige Monat.

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang verzichten in diesen vier Wochen gläubige Muslime auf Nahrung, auch Kaugummikauen und Küssen ist in diesen Stunden verboten. Doch sobald die Sonne verschwunden ist beginnt das große Schlemmen. Traditionell wird meist in großen Runden gegessen, mit der ganzen Familie, mit Freunden und Verwandten.

Doch neben den großen Iftar-Essen, die das Fasten für den Tag beenden, und der Enthaltsamkeit und Frömmigkeit, die den Ramadan bestimmen, bewegt die Menschen in dieser Zeit noch etwas ganz und gar Weltliches: die täglichen Ramadan-Soaps.

Sie sind es, über die in diesen vier Wochen die ganze arabische Welt spricht. Pünktlich zum Ende des Iftars beginnen die Serien, die extra für diesen Monat konzipiert werden. Von Marokko bis Ägypten, im Levant und auf der arabischen Halbinsel sitzen dann die Familien vor den Fernsehgeräten und ergötzen sich an Historiengeschichten, Dramen und Komödien.

Minutenlanger Kampf zur Ramadan-Primetime

Es ist Ramadan-Primetime, und von jeher die beste Zeit, um ein Massenpublikum zu erreichen. Traditionell kommen die professionellsten und anspruchvollsten Produktionen aus Ägypten, dem größten Film- und Fernsehmarkt im Nahen Osten. Und so ist es auch keine Überraschung, dass die Serie, die zurzeit die Gemüter der Zuschauer in der arabischen Welt am meisten erhitzt, aus Ägypten kommt.

"Qadayet Rai Am", zu deutsch "Ein Fall des öffentlichen Interesses", konfrontiert die Zuschauer mit einem absoluten Tabu-Thema: Vergewaltigung. In der Serie werden drei Frauen, zwei Ärztinnen und eine Krankenschwester, Opfer eines Überfalls. Abends, auf ihrem Heimweg, werden sie von drei jungen Männern aus ihrem Wagen gezerrt und auf brutale Weise missbraucht.

Die Vergewaltigungs-Szene ist wenig explizit, aber deshalb nicht weniger intensiv. Der Regisseur vermied es, den Akt oder gar nackte Haut zu zeigen, aber dafür muss der Zuschauer den mehr als zehn Minuten lang andauernden Kampf miterleben, das Schreien, die Schläge, die Verzweiflung der Frauen und die Angst und die Schmerzen, die sich in ihren Gesichtern spiegeln. Im ägyptischen Fernsehen wurde die Szene zwar nur gekürzt gezeigt, doch über das Satellitenprogramm Dubai TV lief sie unzensiert.

"Hart, aber bedeutend"

Viele Zuschauer reagierten schockiert, doch die meisten hielten die Szene für unerlässlich, auch und gerade in ihrer Intensität. "Die ganze Serie baut auf dieser einen Szene auf, wenn dem Zuschauer hier nicht klar gemacht wird, um was für ein Verbrechen es sich handelt, macht die ganze Serie keinen Sinn", sagt Heba Youssef, eine 30-jährige Bankangestellte.

Doch nicht alle sehen es so. In einem Zeitungsinterview beschwerte sich eine Mitarbeiterin des Nationalen Komitees für die Frauenrechte in Ägypten über die Länge der Szene und ihren übertriebenen Inhalt. Respektable Frauen wie die im Film porträtierten wären im wahren Leben nicht gefährdet, und die Szene beschmutze einzig und allein Ägyptens Image im Ausland und verängstige potenzielle Touristen.

"Absolut lächerlich" findet die Sexologin Heba Qutb diese Einstellung. "Die Szene war hart, aber bedeutend." Sie hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und schätzt, dass es in Ägypten nicht weniger als eine Million sexuelle Übergriffe im Jahr gibt. Das Ägyptische Zentrum für Frauenrechte hat in einer Studie festgestellt, dass 30 Prozent der befragten Frauen angeben, täglich sexuell belästigt zu werden.

"Dieses Problem gibt es auf der ganzen Welt, und natürlich auch in Ägypten", sagt Qutb. Sie sei von der Serie begeistert, weil sie eine so wichtige Botschaft beinhalte: "Denkt zwei Mal nach, bevor ihr die Frau verurteilt."

Das Problem wird totgeschwiegen

Denn die Serie beleuchtet ein tief gehendes Problem in der arabischen Gesellschaft und der Psyche der Araber: Wird eine Frau vergewaltigt, muss sie Schuld haben, da sie sicherlich den Mann in irgendeiner Hinsicht provoziert hat. Sei es durch ihre Kleidung, ihr Verhalten oder die Tatsache, dass sie sich zu spät alleine auf der Straße aufhalte. "Zu einem Akt gehören immer zwei", ist ein beliebter Spruch unter arabischen Männern.

Das Problem wird totgeschwiegen. Von Seiten der Opfer und ihrer Familien, weil es immer noch als Schande empfunden wird, wenn eine Frau Opfer eines sexuellen Übergriffes wird. Die wenigsten Frauen melden eine Vergewaltigung, aus Angst, von der Gesellschaft und ihren Familien verstoßen zu werden.

Und genau mit diesem Problem, dieser Ungerechtigkeit setzt sich die Serie auseinander. Auch hier wollen die Frauen zuerst schweigen, doch nachdem die schwangere Krankenschwester durch die Vergewaltigung ihr Kind verliert und ins Koma fällt, entscheidet sich eine der Ärztinnen Anzeige zu erstatten. Die Ägypterin Youssra, Star der Serie, spielt die Ärztin Abla, eine gestandene Frau mittleren Alters, verheiratet mit zwei Kindern. Ihr Mann, auch Arzt, lässt sich aufgrund ihrer Anzeige von ihr scheiden, zu groß ist die Schande, die sie über die Familie gebracht hat.

Ägyptischer Star spielt die Hauptrolle

"Die Serie ist so wichtig, weil sie die Menschen auf dieses Problem aufmerksam macht und sie zum Denken zwingt", sagt die Sexologin Qutb. Haben diese Frauen irgendeinen Fehler begangen? Nein. "Die Serie lässt dem Zuschauer keine Chance, eine Ausrede für die Männer zu finden", sagt die 40-Jährige. Die Schuld, das Verbrechen, geht zu hundert Prozent von den Männern aus.

Dass Ägyptens größter Star Youssra die Hauptrolle übernommen hat, gibt der Serie und dem Thema noch mehr Relevanz. Sie ist ein Vorbild, sie wird geliebt und bewundert, und sie hat die Macht des Stars, Menschen zu beeinflussen. Sie zeigt den Menschen: Seht her, mein Mann verlässt mich, aber ich gebe trotzdem nicht auf. Trotz all der schrecklichen Dinge, die mir passiert sind, bin ich stark, und ich werde diese Verbrecher vor Gericht bringen, egal was es kostet. "Das wird die Einstellung vieler Menschen in der arabischen Welt zu diesem Thema verändern, da bin ich mir sicher", sagt Heba Qutb.

Genau das ist die Hoffnung vieler Frauen: dass sich etwas in den Köpfen der Menschen bewegt, dass sie nachdenken, bevor sie Frauen verurteilen. "Ich persönlich finde die Serie großartig, weil sie bei den Menschen ein Bewusstsein für diese Art von Verbrechen weckt", sagt Ingi Raslaan, Mitarbeiterin des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte. Eine Fernsehserie werde zwar nicht die Gesellschaft von heute auf morgen verändern, "aber sie bringt die Leute zum Nachdenken, und dass ist schon mal ein guter Start", sagt die 22-Jährige.

Auflösung am letzten Tag des Ramadan

Die Hauptdarstellerinnen der Serie kämpfen nicht nur gegen ein patriarchalisches System, jahrhundertealte Traditionen und Vorurteile, sondern auch gegen korrupte Anwälte, Polizisten und einen skrupellosen Minister, der für seinen angeklagten Sohn buchstäblich über Leichen geht.

Ob die Männer tatsächlich für ihr Verbrechen büßen müssen, erfahren die Zuschauer erst am letzten Tag des Ramadan, in diesem Jahr ist es der 12. Oktober. Trotz der Begeisterung für die Serie und deren Anspruch, die Menschen auf ein viel zu lange ignoriertes Thema aufmerksam zu machen, glauben die meisten nicht, dass am Ende die Gerechtigkeit siegen wird. "Wir sind schließlich immer noch in Ägypten", sagt Heba Youssef.

In einem Land also, in dem Korruption grassiert und in dem mit Geld und Einfluss fast jedes Problem gelöst werden kann.



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