TV-Serie "Mad Men" Die Pracht und ihr Preis

Was ist Glück? Ein Reklamespruch. Die amerikanische TV Serie "Mad Men" erzählt von Werbern und wie sie Anfang der Sechziger den Kapitalismus aufhübschten. Ein faszinierendes Stück Fernsehen - und der Top-Favorit bei der diesjährigen Emmy-Verleihung.

Von Nina Rehfeld


Donald Draper ist ein Bild von einem Mann, ein Enddreißiger mit 007-Appeal, aufstrebender Star einer Werbeagentur an der Madison Avenue, Ehemann einer entzückenden Frau und Vater zweier süßer Kinder. Draper verkörpert den amerikanischen Traum der frühen sechziger Jahre. Dazu gehört neben einer Reihe von Affären mit schönen, gefährlichen Frauen auch die lässige Ausblendung einer dunklen Vergangenheit.



In "Mad Men", bei der heutigen Emmy-Verleihung für sagenhafte 16 Preise nominiert, ist Stil das oberste Gebot. Allein Ausstattung und Kameraarbeit machen die Serie zum wohl schönsten Stück Fernsehen seit seiner Erfindung. Die Garderobe ist Augenschmaus und historischer Anschauungsunterricht: ob aufregend-hautenges Bürodress, adrette Hausfrauen-Outfits oder Coco-Chanel-Kostüme, selten wurde eine Ära so akkurat und zugleich sinnlich für den Bildschirm rekonstruiert.

Haltung ist hier alles. Kaum eine Szene, in der nicht ein Whiskeyglas geschwenkt oder eine Zigarette angezündet wird. Die Zigarette ist hier ein so unverzichtbares Accessoire, dass sie weder im Bett noch beim Abwasch, ja noch nicht einmal im ärztlichen Untersuchungszimmer fehlt. Sie ist ein Symbol für Drapers Welt, in der alles eine Geste ist, designt von den Werbeagenturen. Umso tiefer das Loch, in das er rutscht, als ihn nicht nur die eigene Vergangenheit, sondern auch die Zukunft einholt.

Liebe? Ein Kampagnenkonzept

Aber auch den anderen "Mad Men" ist die Coolness bloße Fassade. Pete Campbell (Vincent Kartheiser) versucht erfolglos, Don zu erpressen, um in der Firma aufzusteigen und damit dem Druck seiner jungen Frau und ihrer Eltern standzuhalten. Und Firmenteilhaber Roger Sterling (John Slattery), der seinen Freund Draper an Arroganz, Trinkfestigkeit und Schürzenjägerei noch übertrifft, weint sich nach einer Herzattacke in den Armen seiner unterkühlten Frau und seiner feindseligen Tochter aus.

"Mad Men" ist ein Sittengemälde von 1960. Die Männer der Madison Avenue sind Rockstars, Weltlenker, die soeben einen Krieg gewonnen haben und nun den Menschen erklären, was Glück ist und wie es auszusehen hat. "Was Sie Liebe nennen", doziert Draper über einem Martini, "ist von Leuten wie mir erfunden worden, um Strümpfe zu verkaufen."

In dieser Welt sind Männer lässige Strippenzieher und Frauen Schmuck (das perfekte Frauchen daheim) oder Spielzeug wie die Sekretärinnen im Büro, die sich Haarsträubendes gefallen lassen müssen, Sklavinnen des Wettbewerbs.

Matthew Weiner schrieb die Pilotfolge zu "Mad Men" vor fast zehn Jahren, doch als er ihn seinem ehemaligen Arbeitgeber HBO (Weiner schrieb für die "Sopranos" unter anderem die legendäre Episode, in der Tony seinen Neffen Christopher ermordet), lehnte der Sender dankend ab. Stattdessen kam Weiner vor zwei Jahren bei AMC unter, einem kleinen Kabelsender, dessen Akronym lange für "American Movie Classics" stand und der nun hiermit prominent seine erste eigenproduzierte Serie präsentiert.

Inzwischen ist Weiner das, was Marc Cherry vor vier Jahren mit seinen zunächst überall abgelehnten "Desperate Housewives" wurde: ein Superstar. Und bei HBO ärgert man sich. "Das einzige, was an dieser Serie nicht stimmt, ist dass sie nicht bei uns läuft", sagte HBOs Vizepräsident Richard Plepler, der im vergangenen Juni die Programmierung übernahm, der "New York Times".

Strammes Sexismus, früher Feminismus

"Mad Men" ist mit hinreißenden Figuren bevölkert und so sorgfältig besetzt wie großes Kino – angefangen vom nonchalanten und stets überlegenen Don Draper, den Jon Hamm mit einem subtilen Unterton der Verlorenheit spielt, über die dralle Chefsekretärin Joan (Christina Hendricks in einer wunderbar schnippischen Marylin-Monroe-Interpretation) bis zu Dons Frau Betty (January Jones in einem Oscar-reifen Auftritt), deren Unterordnung erst in leise Enttäuschung und dann in dunkle Wut umschlägt.

Die Männermeute aus "Mad Men" ist arrogant, sexistisch, antisemitisch, und die Serie selbstbewusst genug, daraus dramatisches Kapital zu schlagen. Denn an den Frauenbildern zeichnet sich der kommende Wandel ab. Die Sekretärin Peggy (Elisabeth Moss) steigt zur Werbetexterin auf, weil die Männer es ihr halb amüsiert genehmigen, doch ihr Talent setzt die Herablassung außer Kraft. Dons Geliebte, eine alleinstehende Grafikerin, verlässt ihn für einen politisch aktiven Beatnik. Und es ist ausgerechnet die Tochter eines jüdischen Kaufhausbesitzers, die Don so unerwartet forsch gegenübertritt, dass der seine sonst so unerschütterliche Fassung verliert und blafft: "Keine Frau spricht so mit mir!"

Natürlich verfällt er ihr – denn am Ende haben diese coolen Jungs bei aller Frauenfeindlichkeit doch nur Sehnsucht nach moralischer Führung. Den deutschen Männern täte diese spannende Lektion ebenfalls gut - bleibt zu hoffen, dass die hiesigen Sender die Reihe möglichst schnell übernehmen. Bis dahin muss man sich mit den amerikanischen DVDs* behelfen.

Ist das jetzt schon Werbung? So schnell lernt man von den "Mad Men".


* "Mad Men", die erste Staffel, ist via Amazon USA beziehungsweise Großbritannien als DVD-Box erhältlich. Achtung: Amerikanische Discs sind nur auf einem NTSC-fähigen (Ländercode 1) Gerät abspielbar.

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