TV-Serie "Six Feet Under" Die Vertrackten und die Toten

Weil intelligentes Entertainment nicht sterben darf, läuft ab heute "Six Feet Under" im deutschen Fernsehen. Die amerikanische Kult-Serie präsentiert die kleinen und großen Dramen einer Familie von Bestattungsunternehmern. Und begräbt das Vorurteil, mit dem Tod sei nicht zu spaßen.

Von Daniel Haas


Kultserie "Six Feet Under": Ungeschminkte Wahrheiten über Tod und Leben
VOX

Kultserie "Six Feet Under": Ungeschminkte Wahrheiten über Tod und Leben

Der Weg der Fishers ist mit Leichen gepflastert. Und das hat nichts mit mafiosen Geschäften im Stile der "Sopranos" oder mit kriminalistischer Spurensuche à la "CSI" zu tun. Die Fishers sind eine höchst eigensinnige und manchmal todkomische Familie von Bestattungsunternehmern, die ab heute (Pilotfilm um 22.15 Uhr auf Vox, ab nächste Woche jeweils dienstags 23.10 Uhr) ihre Zeitgenossen unter die Erde bringt.

Es gibt Fans und Kritiker in Amerika, die würden sterben für die Serie; die Darsteller wurden mit Preisen überhäuft, und Drehbuchautor Alan Ball gilt seit seinem Oscar-prämierten Script für "American Beauty" als Garant für anspruchsvolles Entertainment. Dass die vom Pay-TV-Sender HBO lancierte Serie in den USA nur gegen Geld zu sehen war und Vox die skurrile Familiensaga nun etwas verschämt auf eine späte Zeitschiene bugsierte, macht deutlich, dass der Tod nach wie vor als heikles Thema gilt.

Dabei wird in TV-Serien schon lange ausgiebig gestorben, vom Gerichtsmediziner "Quincy" bis zur Krankenhausserie "Emergency Room" gehört der Leichnam zum festen Inventar der Abendunterhaltung. Es muss also an der raffinierten Mischung aus Dramatik, Komik und surrealer Phantasie liegen, warum die Programmchefs mit diesem Neuling vorsichtig verfahren. Tatsächlich ist das Konzept der Serie provokant: Jede Folge beginnt mit einem Todesfall, zu sehen sind teils tragische, teils absurde und nicht selten gewalttätige Arten, das Zeitliche zu segnen. Zurück bleiben eine Leiche, die Trauernden und eben jene Fishers, deren Job es ist, alles Weitere zu regeln.

 Familie Fisher: Todkomische Bestattungsunternehmer
VOX

Familie Fisher: Todkomische Bestattungsunternehmer

Six feet under, sechs Fuß tief muss der Tote unter die Erde, hoch hinaus will die Serie: Jeder Todesfall ist der Ausgangspunkt für eine weitere Station im Lebensdrama des Totengräber-Clans, der zu Beginn wenigstens emotional so tot ist wie seine Klientel. Doch dann stirbt ausgerechnet Nathaniel Fisher (Richard Jenkins), Familienoberhaupt und Chef des Bestattungsunternehmens, bei einem Autounfall, und schon geht sie los, die Tour de farce durchs Reich der Toten.

Als hätte sich Ingmar Bergmann eine Simpsons-Folge ausgedacht, stolpern die Fishers durch ihr dysfunktionales Dasein: Mutter Ruth (Frances Conroy, für ihre Rolle mit dem Golden Globe geehrt) meistert nur mühsam die neue Rolle als Firmenchefin und plagt sich mit einer unglücklichen Affaire. Sohn David (Michael C. Hall) versorgt zwanghaft akkurat die Familiengeschäfte, ist heimlich homosexuell und kränkt seinen Liebhaber mit dem stets aufgeschobenen Coming-out. Sein Bruder Nate (Peter Krause) wollte eigentlich nur eine weihnachtliche Stippvisite machen, bleibt aber widerwillig, um ins Geschäft einzusteigen. Seine Liaison mit der genial-verdrehten Brenda (Rachel Griffiths) macht den Neuanfang nicht gerade leichter. Claire (Lauren Ambrose), mit 16 die Jüngste im Fisher-Clan, fühlt sich allein schon pubertätsbedingt meist sterbenselend; Drogen und Sex mit dem Klassen-Chaoten der Highschool helfen hier nur mäßig als Therapeutikum.

 Bestatter Nate Fisher (Peter Krause, l.): Dem Tod ins Auge sehen
VOX

Bestatter Nate Fisher (Peter Krause, l.): Dem Tod ins Auge sehen

Begraben unter Problemen, starten die Fishers ins Abenteuer Leben: "Six Feet Under" mag mit manchmal bösartiger Genauigkeit die Absurditäten des Bestattungsbusiness' vorführen, morbid oder gar zynisch ist die Serie nicht. Zwar ließen sich Evelyn Waughs Satire "The Loved One" über die amerikanische Bestattungsindustrie oder Jessica Mitfords kritische Studie "The American Way of Death" über das Geschäft mit Tod und Trauer als Referenzen aufrufen, letztlich aber verhandelt "Six Feet Under" die ganz diesseitigen Probleme des Leidens am Erwachsenwerden.

Zwischen Trauerfeiern, Leichenrekonstruktionen und Beerdigungsritualen sind Claire, Nate, Ruth und Brenda quicklebendig, wenn es darum geht, die nächste Beziehungskrise, das nächste Liebesabenteuer anzuzetteln. Bleibt zu hoffen, dass Balls exzellente Serie nicht allzu früh in die Grube der Quotendefizite fährt. "Der Tod ist kein Beinbruch", die Bestatterserie der ARD, starb bereits nach sechs Folgen. Und die ähnlich anspruchsvollen "Sopranos" gerieten aufs Abstellgleis der Spätschiene.

Bekanntlich ist der Feind guter TV-Unterhaltung nicht unbedingt der Tod, sondern manchmal auch dessen Bruder Schlaf.

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