TV-Serie "Unschuldig" Frau Neldel spielt das Versuchshäschen

Ach herrje, die wollen ja nur noch Ami-Stoff, klagen die Sender über Deutschlands TV-Jugend. Die Anwalts- und Krimiserie "Unschuldig" mit der reizenden Alexandra Neldel und vielen "CSI"-Zutaten will jetzt beweisen: Deutsch läuft auch.


Viel mehr Werbe- und Erwartungsdruck geht wohl nicht. Seit Wochen prangt Alexandra Neldel mit ernstem Gesichtsausdruck und der Losung "Unschuldig" auf Litfaßsäulen, Werbetafeln und Anzeigenseiten. In der Programmpresse wird orakelt, bei einem Misserfolg stünde die Zukunft der eigenproduzierten deutschen Serienunterhaltung auf dem Spiel. Sogar die Konkurrenz, heißt es, drücke deshalb dem zwölfteiligen ProSieben-Projekt aus dem Hause Teamworx die Daumen.

Nach den vielen Flops der jüngeren Vergangenheit (u.a. "Deadline", Sat.1; "Post Mortem", RTL; "Die Anwälte", RTL) ist die Aufregung in gewisser Weise verständlich. Besonders die quotenbedingte Absetzung der gut gemachten RTL-"Anwälte" nach nur einer Folge hat die Branche aufgewühlt. "CSI-isiert" sei der Markt, raunt es allenthalben, die junge Zielgruppe wolle nur noch US-Ware sehen. Und die Firma Teamworx, Spezialist für aufwendige Event-Zweiteiler ("Die Sturmflut", "Die Luftbrücke", "Dresden"), hat im Bereich Serie ohnehin was gutzumachen: Weder ihre ambitionierte Großstadtsaga "Verrückt nach Clara" (ProSieben) noch die schlimme "Lost"-Kopie "Verschollen" (RTL) fand beim Publikum Anklang.

Ob der mediale Hype dem Format einen Gefallen tut, steht auf einem anderen Blatt. Aus Zuschauersicht dürfte sich das Thema eher eine Erregungsebene niedriger abspielen – wo es gut aufgehoben wäre. "Unschuldig" ist ein bemerkenswerter Neuzugang in der Fernsehlandschaft, aber nicht die Neuerfindung des Rads. Die Serie ist schnell geschnitten, schön düster, Sound-umwabert und hat einen hippen Look. Sie wirkt gleichzeitig aber auch arg durchdesignt, aseptisch und aus kalkulierten Ingredienzien komponiert.

Auf der Habenseite steht die Besetzung. Alexandra Neldel in der Rolle der toughen Anwältin Dr. Anna Winter, die sich mit Verve der Fälle unschuldig Verurteilter annimmt, bleibt ein Phänomen für sich. Die grundsympathische gelernte Zahnarzthelferin, die nie eine Schauspielschule besucht hat, hat sich von der Daily-Soap-Aktrice ("GZSZ") über das Telenovela-Hascherl ("Verliebt in Berlin") zur veritablen Leading Lady fürs junge Publikum hochgeackert. Manchmal spricht sie ein bisschen unsauber, sagt "Refendiats" statt "Referendariats", aber wer wollte ihr das übel nehmen? Und wenn sie keine Zahnspange trägt, sieht man ihr sogar noch lieber zu.

Knarre-am-Kopf-Situationen und Nullsummen-Dialoge

Gut gecastet sind auch die unverbrauchten Clemens Schick und Erhan Emre als ihre Gehilfen: Bühnenmime Schick, bisher vor allem als Schurke im Bond-Film "Casino Royale" aufgefallen, hat einen reizvollen Part als Ex-Polizist, der an einer mysteriösen Krankheit leidet und schon Jahre über der ihm prognostizierten Lebensdauer liegt. Das hilft in dramatischen Knarre-am-Kopf-Situationen ("Ich hänge nicht am Leben") und rechtfertigt insgesamt eine sehr direkte, zielorientierte Vorgehensweise. Emre wiederum, Kinogängern als Drogendealer aus Detlev Bucks "Knallhart" bekannt, bringt als bebrillter Krebsforscher und Labormann den wohl für unabdingbar erachteten "CSI"-Forensik-Anteil ein.

Wie die drei in ihrem schicken Berliner Büro-Loft mit Rohputz-Wänden und Lounge-Appeal zusammengekommen sind, wer genau ihnen die Mandanten vermittelt und ihre Recherchen bezahlt, wird in den ersten beiden Folgen (Regie: Philip Kadelbach) allerdings nicht ganz klar. Und die zu lösenden Rätsel um einen fälschlicherweise wegen Mordes an seiner Ehefrau verurteilten Mann ("Tatort"-Kommissar Klaus J. Behrendt in einer Gastrolle) und eine wegen Totschlags im SM-Sexclub inhaftierte Richterin (Iris Böhm) sind natürlich nur Mittel zum Zweck.

Denn das Zuschauerinteresse soll dem Protagonisten-Trio gelten, dessen Eigenheiten die Autoren bewusst erst nach und nach enthüllen. Ein grundsätzlich löbliches Vorhaben, das leider anfangs zu Nullsummen-Dialogen führt wie: "Frau Dr. Winter, warum machen Sie das eigentlich?" – "Weil's mein Beruf ist." Erst am Ende der Auftaktfolge wird die Motivation der Heldin, deren eigener Vater nach einem Justizirrtum Selbstmord beging, ersichtlich.

So ist das Fairste, was sich derzeit über "Unschuldig" sagen lässt, dies: eigenwillige Atmosphäre, vielversprechendes Personal – ein Format, das Zeit und eine Entfaltungschance verdient. In Folge vier stößt überdies Loretta Stern als Assistentin dazu, einige Fälle hat Benjamin Quabeck ("Nichts bereuen", "Verschwende deine Jugend") inszeniert – das alles sollte ruhig gern das Licht der Welt erblicken.

Ob das Team, das schon für eine zweite Staffel in den Startlöchern steht, dann eine langfristige Perspektive als Alternative auf dem "Desperate Housewives"-Sendeplatz erhält, wird das Publikumsvotum weisen. Diesbezüglich ist Gelassenheit erlaubt: In punkto Geduld und Glauben an die eigenen Produkte genießt der "Stromberg"- und "Dr. Psycho"-Sender ProSieben ja ein gutes Image.


"Unschuldig", ab heute immer mittwochs, 20.15 Uhr, ProSieben



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.