TV-Serie "Willkommen im Leben": Rebell in Flanell

Von David Kleingers

Teenie-Serien sind kitschig, oberflächlich und anspruchslos? "Willkommen im Leben" bewies 1995 das genaue Gegenteil: Da spielte Claire Danes einen jungen Wirrkopf, der die Pubertät erleidet. Zum Glück gibt es die stilprägende Reihe wieder auf DVD.

Wäre "My So-Called Life" keine TV-Serie, sondern eine Band, dann wohl eine von der tragischen Sorte: eine Gruppe, die von erfolgreicheren Musikern als Inspiration genannt wird, aber selbst nicht für fünfzig Cent Platten verkauft. 1995 vom US-Sender ABC nach nur einer Staffel mit 19 Folgen abgesetzt, genießt Winnie Holzmans Coming-of-Age-Show um die 15-jährige Schülerin Angela Chase heute Legendenstatus in den USA.

Eine Familienaufstellung, die stilprägend wurde: das Ensemble von "Willkommen im Leben" mit dem Rotschopf Claire Danes als Heldin
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Eine Familienaufstellung, die stilprägend wurde: das Ensemble von "Willkommen im Leben" mit dem Rotschopf Claire Danes als Heldin

Dort gilt "My So-Called Life" als Referenz für ambitioniertes Erzählfernsehen und gehört zu den meist zitierten – oder schlicht kopierten – Serienformaten. Ob J.J. Abrams' Landmädchen-in-der-Großstadt-Mär "Felicity", die ebenfalls viel zu früh abservierten "Freaks and Geeks" von Komödienzar Judd Apatow oder "Buffy – Im Bann der Dämonen", Joss Whedons unerreichtes Glanzstück: Alle besseren, guten oder großartigen Adoleszenzdramen der vergangenen TV-Jahre profitierten in Form und Inhalt von der Pionierarbeit des vermeintlichen Quotenflops.

In Deutschland lief die Serie unter dem irreführenden, weil viel zu optimistischen Titel "Willkommen im Leben" auf RTL II. Die große Schwester RTL wiederum münzte das Grundmotiv des Originals in die Eigenproduktion "Mein Leben & Ich" um. Eine Serie, die ihre Qualitäten besaß, sich aber auf die sitcomtauglichen Aspekte der Pubertät beschränkte.

Komplexität macht Schule

Ganz anders das ausgewachsene Drama der Teenagerin Angela Chase (Claire Danes), die mit Mutter Patty (Bess Armstrong), Vater Graham (Tom Irwin) und der kleinen Schwester Danielle (Lisa Wilhoit) in Three Rivers, Pennsylvania lebt. Der Vorort von Pittsburgh mag oberflächlich als sicheres Mittelstandsrefugium erscheinen, Angela jedoch begreift den Alltag an der lokalen Liberty High School als steten Kampf ums Überleben. Ihre Erzählerstimme aus dem Off führt den Zuschauer in die komplexe Parallelwelt der Jugendlichen ein, wo ungeschriebene Verhaltensregeln, strenge Dresscodes und eigene soziale Hierarchien herrschen.



Zu Beginn der Pilotfolge probt Angela den Aufstand gegen ihr Image als braves Mädchen und färbt sich die Haare signalrot. Die äußere Verwandlung markiert zugleich Angelas Bruch mit den alten Kindheitsfreunden, der konformistischen Sharon (Devon Odessa) und dem linkischen Einserschüler Brian (Devon Gummersall). An ihre Stelle treten die extrovertierte Rayanne (A. J. Langer) und Ricky (Wilson Cruz), der sein Coming-Out als Schwuler durchstehen muss.

Es herrscht ohnehin kein Mangel an Problemen: Waffengewalt an der Schule, Jugendalkoholismus, Zensur und Sexismus stehen neben zeitlosen Dauerbrenner-Themen wie Entfremdung von den Eltern oder der ersten Liebe auf dem Stundenplan. Von letzterer träumt Angela beim Anblick des schweigsamen Schulhofrebellen Jordan Catalano (Jared Leto), ein wahrer Meister in der Kunst, sich sexy und verloren zugleich an einen Bücherspind zu lehnen. Zu dumm nur, dass die in ihren Gedanken so eloquente Angela in Jordans Gegenwart keinen geraden Satz herausbringt.

Nicht von schlechten Eltern, diese Helden

Doch was angesichts der emotionalen Konflikte und gesellschaftskritischen Themen leicht zu einer pädagogisch wertvollen Lektion mit Langeweilegarantie hätte werden können, überrascht in jeder Folge durch das ernsthafte Bemühen um alternative Sichtweisen. So werden Klischees und Rollenmuster vorgeführt, nur um im nächsten Moment auf das schönste revidiert zu werden: Brian ist kein langweiliger Streber, Sharon verbirgt ungeahnte Tiefen, die lautstarke Rayanne leidet heimlich im Stillen, und Jordan ist bei weitem nicht so souverän wie seine charismatischen Pausenpantomimen vorgaukeln.

Auch ist Angela zu ihrem eigenen Erstaunen kein Engel, sondern eine von Selbstzweifeln geplagte junge Frau, die ihren verständnisvollen Eltern misstraut, trotz ihres Gerechtigkeitssinns zu Gemeinheiten fähig ist und ständig zwischen Ennui und Euphorie schwankt: ein glaubwürdiger Teenager eben.

Claire Danes war erst 13 Jahre alt, als sie für die Rolle der Angela vorsprach, doch die Konsequenz, mit der sie ihre Figur entwickelt, zeugt von beängstigender Hellsichtigkeit. Ihre mit einem Golden Globe prämierte Leistung machte die New Yorkerin verdientermaßen zum Star, ebenso wie den grübelnden Beau Jared Leto, der heute als Frontmann der Band 30 Seconds to Mars die Teenager zum Schwärmen bringt.

Grell gegen Pastell

Weit über dem Klassendurchschnitt liegt auch der Look der Serie, die mit aufwändiger Lichtsetzung und zumeist geschmackssicherer Grunge-Ästhetik auch heute noch Maßstäbe setzt. Damals bedeuteten Flanellhemden, hennagefärbte Haare und ein Soundtrack mit Sonic Youth und den Lemonheads eine Revolution gegen die Pastelltöne von "Beverly Hills, 90210" und anderen realitätsfernen Teenager-Fantasien. Nicht von ungefähr fiel das sogenannte Leben der Angela Chase in die Zeit der ersten Clinton-Administration, als das politische Klima kurzzeitig an ein energetisches Revival linksliberaler Ideale glauben ließ.

Die amerikanische Geschichte nahm einen anderen Lauf, während die von Angela und ihrem "So-Called Life" noch nicht einmal ein richtiges Ende bekam, sondern frühreif und trotz Cliffhanger abbrach.

Was dank der deutschen DVD-Edition zu entdecken bleibt, ist der geglückte Versuch, den medial unterpräsentierten Heranwachsenden eine weibliche und wahrhaftige Stimme zu geben. Darum sollte "My So-Called Life" wie ein kostbares Poesiealbum gehütet werden. Denn auch wenn die Zeiten der Gesichtsakne lange her sein sollten, hilft es gegen die hartnäckigen Pickel auf der Seele.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Jugenderinnerungen
nadinadun 04.01.2009
Lustig! Genau in diesem Moment schau ich die 3. Folge der Serie, die Kindheitserinnerungen und Teeniefantasien erneut zum Erwachen bringt! Ich liebe diese Serie, weil sie eben nicht oberflächlich und aufgesetzt ist. Sie ist so ehrlich und tiefgründig wie es andere Teenie-Serien nie geschafft haben! Fern von eitel Sonnenschein und vermeintlichen Beverly Hills Mythen und Dogmen lässt man sich gerne wieder in seine eigene Jugendzeit zurückversetzen und fühlt mit der Protagonistin. Eine tolle Serie, die in keinem Haushalt (zumindestens in keinem in dem ein Kind der 90er wohnt) fehlen sollte. Sehr schade, dass sie nach der 1. Staffel abgesetzt wurde!
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