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08. Oktober 2007, 09:35 Uhr

TV-Streit

Will zähmt Mehdorn

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Anne Will in Höchstform: Beim Thema Bahnstreik und Bahn-Börsengang ging es in der Talk-Sendung richtig rund. Die Gastgeberin bohrte, Konzernchef Mehdorn, Verkehrsminister Tiefensee und unzählige Bahn-Kritiker gifteten sich nach Kräften an. Da fehlte nur GDL-Chef Schell.

Hamburg – Ein TV-Zusammenstoß von Bahnchef Hartmut Mehdorn und Lokführer-Oberhaupt Manfred Schell – was für ein Showdown wäre das geworden. Der Zoff zwischen dem Gewerkschafter und der Bahn um einen eigenen Tarifvertrag ist mittlerweile völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Bahn wirft Schell "Realitätsverlust" vor. Schell nannte Bahnvertreter jüngst "Drecksäcke".

Bahnchef Mehdorn bei Anne Will: Wortgefecht, dem man weiter zuhören könnte
NDR

Bahnchef Mehdorn bei Anne Will: Wortgefecht, dem man weiter zuhören könnte

Auf die Anwesenheit des hitzköpfigen GDL-Chefs verzichtet Anne Will in der Sendung "Chaos auf der Schiene: Streitfall Bahn" jedoch - der Gewerkschaft zufolge wurde Schell kurzfristig wieder ausgeladen. Doch auch ohne den wortgewaltigen Lokführer-Chef fliegen die Fetzen. Wer Mehdorn mit seinen Kritikern in einen Raum setzt, kann sich auf heftige Wortgefechte verlassen. Und Bahn-Kritiker wurden reichlich geladen: Der Juso-Vorsitzende Björn Böhning ist gekommen, der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und Schauspieler und "Bahnfahrer" Rolf Becker, der sich seit längerem in Sachen Bahn engagiert.

Zu Mehdorns Unterstützung ist nur Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee angereist. So hat der Bahnchef mächtig zu kämpfen. Auch mit Anne Will: Warum in dem Tarifkonflikt immer noch keine Lösung in Sicht sei, will sie wissen. "Liegt das daran, dass Manfred Schell und Sie sich nicht leiden können?" Ob das Niveau der Diskussion nicht jenseits des Vertretbaren sei? Mehdorn will gegen die Gehaltsforderungen der Lokführer wettern. "Das heißt, Sie lassen sich gar nicht auf meine Frage ein?", fragt Will mit gerunzelter Stirn.

Die Talkerin ist in Höchstform, entspannt und souverän. Und die Sendung läuft, als hätte jemand ein Drehbuch dafür geschrieben. In der etwas abseits gelegene Sofaecke sitzen zwei Lokführer, die beide um die 2000 Euro Brutto im Monat haben. Eine der beiden, Peggy Ebeling, wettert trotzdem gegen den Lokführerstreik – wegen der Kollegen, die ja auch nicht mehr bekommen. "Ohne die würden wir gar nicht rollen, ja?" Die Forderung der GDL nach 31 Prozent mehr Gehalt sei "absolut unnormal. Eine absolut unrealistische Zahl".

300 Prozent mehr Gehalt für Mehdorn

Mehdorn kann zufrieden nicken. Aber nicht lange. Schauspieler Becker erinnert ihn flugs an sein eigenes Gehalt: "Wie viel Prozent haben sie sich seit der Bahnreform genehmigt, seit 1994? Wollen Sie es sagen, oder soll ich? Es sind 300 Prozent. Ich bin fast fassungslos, dass Sie sich mit einem jährlichen Gehalt um die drei Millionen Euro so profilieren gegenüber den Kollegen", giftet Becker. Der Hinweis, der Bahnvorstand befinde sich beim Gehalt im unteren Drittel des Üblichen, hilft dem Bahnchef da wenig.

Schade eigentlich, dass der Lokführerstreik nur der Auftakt ist, denkt man schon – denn eigentlich soll es in der Sendung vor allem um den geplanten Bahn-Börsengang gehen. Allerdings gehören die beiden Themen sowieso zusammen: Eine aufmüpfige Gewerkschaft wie die GDL wirkt auf potentielle Investoren ziemlich abschreckend. Noch dazu ist GDL-Chef Schell erklärter Börsengang-Gegner. Der Chef der Konkurrenzgewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, unterstützt Mehdorns Pläne dagegen.

So dauert es nicht lange, bis der schwäbische Bürgermeister Palmer Mehdorn vorhält, letztendlich gehe es ihm doch nur um die Privatisierung: "Sie kaufen die Zustimmung der einen Gewerkschaft und die anderen machen nicht mit." Kurze Zeit wettert Palmer über gestrichene Zugverbindungen zwischen Tübingen und Stuttgart, fordert Mehdorns Entlassung: "Das habe ich schon vor zwei Jahren gefordert, und das ist immer noch richtig." Mehdorn, anfangs noch mit freundlichem Lächeln, zeigt sich jetzt von seiner hitzigen Seite: "Schlicht falsch", fährt er mit kaum verhohlener Ungeduld dazwischen, "das ist Unsinn". Ihm platzt der Kragen: "Ständig wird hier rumgemäkelt."

Das Studio-Publikum ist voll dabei, Arme werden verächtlich verschränkt, die Mundwinkel abschätzig nach unten verzogen, die Diskussionsteilnehmer mit demonstrativ lautem Klatschen oder aber Gelächter bedacht.

Tiefensee mimt den Gelassenen

Minister Tiefensee versucht es mit dem ältesten Politikertrick, mit dem Appell an den Geiz des Publikums: Die Bahn brauche Geld, für Bahnhöfe und leisere Züge, erklärt er. Das könne man nun an der Börse einsammeln – oder aber vom Steuerzahler abkassieren. Ansonsten mimt der SPD-Politiker zurückgelehnt, mit locker überschlagenen Beinen, den Gelassenen. Als gäbe es die immer breiter werdende Front der Börsengang-Gegner nicht.

"Wenn Ihre Pläne so klasse wären, warum können Sie dann nicht einmal die Genossen überzeugen", flötet Will und Juso-Chef Böhning tritt nach: "Ich denke, dass die Bahn dem Allgemeinwohl dienen muss." Ein börsenorientiertes Unternehmen aber wird wenig lukrative Strecken verlottern lassen, fürchtet auch Bürgermeister Palmer. Mehdorns Antwort - "das ist nicht so" - würgt Will ab: "Sie wollen gar keine Rendite machen?"

Wortgefecht, dem man weiter zuhören könnte

Zur Erklärung der eigentlich durchaus trockenen Materie gibt es zwischendurch noch einen amüsanten Kurzfilm – "das hilft immer", sagt Will salopp. Die aktuellen Börsengangpläne werden erklärt – während ICEs zur Dallas-Titelmusik über den Bildschirm rauschen. 49 Prozent des Konzerns sollen nach der derzeitigen Vorlage an die Börse gebracht werden, weiß der Zuschauer danach. Das Schienennetz gehört juristisch weiter dem Bund, die Bahn aber kann "damit bis zu 18 Jahre lang machen, was sie will", ertönt es aus dem Off. Soll heißen, der Konzern bewirtschaftet die Gleise und stellt sie in die Bilanz ein. Am Ende werden die Sorgen der Börsenganggegner noch mit einem herrlich verrotteten Bahnhof illustriert, der seit geraumer Zeit geschlossen ist. Der Ort heißt Tiefensee.

Am Ende könnte man dem Wortgefecht noch ein Weilchen zuhören. Doch die Diskussion ergibt auch so genügend Gesprächsstoff - den kann man nutzen, wenn man mal wieder auf den Zug wartet. Am Dienstag zum Beispiel, wenn wieder gestreikt wird.

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