TV-Thriller "Vertraute Angst" Amoklauf im Eigenheim

Vom Einfamilientraum zum Horrorszenario: Wirkungsvoll erzählt der ARD-Film "Vertraute Angst" vom Einbruch des Unbehagens ins bürgerliche Idyll – und verdichtet die Ängste einer zutiefst verunsicherten deutschen Mittelschicht zum Psychothriller.

Von


Sie legen Extraschichten ein, um die Reitstunden der Kinder zu bezahlen. Sie nehmen viel zu hohe Kredite auf, damit endlich das Eigenheim am Stadtrand fertig gebaut werden kann. Und ihren mehr als verdienten Feierabend opfern sie dann auch noch für Fortbildungsmaßnahmen, so dass sie auch in Zukunft fit sind für den immer härter werdenden Arbeitsmarkt. Ja, die Männer hierzulande schuften wie irre, um sich und ihren Familien den sozialen Status zu erkämpfen und zu erhalten.

Szene aus "Vertraute Angst" (mit Johanna Gastdorf, Matthias Brandt): Der deutsche Eigenheimbauer, das unbekannte Wesen
NDR

Szene aus "Vertraute Angst" (mit Johanna Gastdorf, Matthias Brandt): Der deutsche Eigenheimbauer, das unbekannte Wesen

Zurzeit spricht man ja viel davon, dass die deutsche Mittelschicht kaputt gemacht würde. Wenn man sich so im fiktionalen Bereich des öffentlich-rechtlichen Fernsehens umschaut, beschleicht einen allerdings eher das Gefühl, dass die deutsche Mittelschicht sich selbst um die Ecke bringt. Überarbeitung, Burnout, schizoide Psychose: Das ist der Dreiklang, der in aktuellen Thrillern aus dem bürgerlichen Milieu vorherrscht. Papa sieht rot – und droht deshalb seine Lieben zu massakrieren. Interessanterweise sind es gerade Frauen, die den Amoklauf der besser verdienenden Herren am schonungslosesten in Szene setzen.

Von der immer treffsicheren TV-Regisseurin Claudia Garde etwa lief vor wenigen Wochen ein "Tatort" zum Thema: In der Episode "Borowski und das Mädchen im Moor" drehte ein verschuldeter Eigenheimbesitzer durch und zerlegte am Ende Mobiliar und Familie mit jenem Beil, das er sonst fürs Feuerholz hacken benötigt. In Christiane Balthasars Psychoschocker "Vertraute Angst", der heute in der ARD Premiere feiert, dreht der Hausherr nun gleich zu Beginn am eigentlich recht anheimelnd knisternden Kamin durch. Die Frau schlägt er nieder, das schöne weiß getünchte Haus setzt er in Brand, die beiden Kinder drohen in den Flammen umzukommen.

Der Ausraster, den die Familie zwar körperlich unversehrt, psychisch aber schwer beschädigt übersteht, bildet in "Vertraute Angst" nur das Vorspiel zu einem zermürbenden häuslichen Nervenkrieg. Denn vier Jahre später ist Papa Thomas (Matthias Brandt) plötzlich wieder da, angeblich geheilt. In der Psychiatrie hat er sich mit seinen verdrängten Problemen beschäftigt, die einst zum Ausraster führten; Psychopharmaka sollen erstmal noch all zu aufwühlende Umwelteinflüsse dämpfen. Ehefrau Anja (Johanna Gastdorf) ist verständlicherweise trotzdem nicht begeistert über die Rückkehr. Zum einen führt sie inzwischen ganz alleine und recht erfolgreich das Einrichtungsgeschäft, das Thomas einst in den nervlichen Bankrott trieb, zum anderen hat sie sich gerade frisch verliebt.

Trotzdem wird der Ex-Partner wieder im alten Heim aufgenommen; unter der Bedingung, dass er nichts in Anjas autonom organisiertem Leben durcheinander bringe. Thomas hält sich an die Abmachung, entwickelt aber eine bedrohliche Präsenz in dem von ihm einst errichteten Einfamilientraum: Nachts dröhnt er sich im ausgebauten Dachboden mit den Evergreens zu, die er einst mit seiner Frau zusammen gehört hat. Tagsüber entwickelt er dubiose geschäftliche Ambitionen. Kurz, Thomas ist Anja nicht ganz geheuer.

Geschickt schürt die Regisseurin die Ungewissheit, und der ewig unscheinbare und doch extrem charismatische Matthias Brandt versteht die Undurchschaubarkeit seiner Figur mit kleinen Gesten noch zu verstärken. Braut sich da das nächste "akute schizoide Syndrom" auf, oder ist Thomas tatsächlich geheilt, so wie sein Psychiater der besorgten Familie immer wieder versichert?

Krimi-Expertin Balthasar, die zuvor schon für ihre furiose ZDF-Produktion "Fürchte dich nicht" das Mittelstandsdrama mit praller militärischer Pulp-Fiction zu kombinieren verstand, arbeitet mit einfachen und effizienten Tricks. Klar, tiefenpsychologische Gründlichkeit sucht man hier über weite Strecken vergeblich, und gerade gegen Ende kommt der anfänglich so filigran in Hitchcock-Manier aufgebaute Beziehungsthriller arg grob daher.

Als psychologisches Drama also hat "Vertraute Angst" (Buch: Wolf Jakoby) kleine Hänger – als gesellschaftliches Stimmungsbarometer aber funktioniert der Film umso besser. Verdichtet er doch auf verstörende Weise die Ängste und Ambitionen einer zutiefst verunsicherten Mittelschicht: Brandgefährlich ist er, der deutsche Eigenheimbauer, dieses unbekannte Wesen.


"Vertraute Angst", 20.15 Uhr ARD



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.