TV-Veteran Dan Rather Gottes letztes Gefecht

Zorniger alter Mann: 45 Jahre lang war Dan Rather der Star-Nachrichtenmann von CBS. Dann fiel er im US-Wahlkampf auf gefälschte Dokumente herein und musste gehen. Jetzt zieht der 75-Jährige mit Verschwörungstheorien und einer 70-Millionen-Dollar-Klage gegen den Sender vor Gericht.

Von , Washington


Sidney Lumets Film "Network" ist ein Klassiker in den USA. Er dreht sich um den Niedergang des TV-Starjournalisten Howard Beale. Als dessen Quoten zu sinken beginnen, soll er gefeuert werden. Also greift Beale zu extremen Mitteln: Er kündigt an, sich demnächst vor laufender Kamera umbringen zu wollen. Das sorgt für ordentlich Zuschauer, und auf dem Weg zum vermeintlichen Selbstmord kreiert Beale ganz nebenbei einen Slogan, mit dem er rasch Millionen Anhänger gewinnt: "I am mad as hell and I am not going to take it anymore". Zu deutsch: "Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken. Ich lass mir das nicht länger gefallen!"

TV-Veteran Rather: "Lass uns alle E-Mails checken!"
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TV-Veteran Rather: "Lass uns alle E-Mails checken!"

"Network" ist ein Film. Dan Rather ist - oder vielmehr war - ein realer TV-Mann. Aber Realität und Fiktion lassen sich im Mediengeschäft nicht immer auseinanderhalten. Zumindest gibt es einige Parallelen: Auch Rather war ein Starreporter. 45 Jahre arbeitete er für CBS, von 1981 an als "Anchorman" der abendlichen Hauptnachrichten. Zusammen mit Peter Jennings von ABC und Tom Brokaw von NBC bildete er ein so einflussreiches Moderatorentrio, dass man sie gerne die "Voices of God" nannte, die Stimmen Gottes. Die drei kassierten Jahresgehälter in Millionenhöhe und verfügten jeder über mehr als zehn Millionen Stammzuschauer.

Dan Rather galt als der engagierteste Reporter des Trios - er war bei Kennedys Beerdigung dabei, bei Nixons Amtsenthebung, er führte das letzte Interview westlicher Medien mit Saddam Hussein. Er wollte immer ganz nah dran und dabei sein. Über seinen Sender CBS sagte er, er liebe es, jeden Tag dort zu arbeiten, und dort wolle er sterben.

Aber dazu kam es nicht. Im vergangenen Jahr musste Rather gehen. Wegen eines Skandals im US-Wahlkampf um Dokumente, die den Präsidenten belasteten, sich dann aber als gefälscht herausstellten - aber wohl auch, weil er den Sender-Verantwortlichen mit fast 75 Jahren zu alt geworden war. Und nun hat Rather, der zornige alte Mann - der seine letzte Sendung mit dem Schlachtruf "Courage!" (Mut!) beendete - seinen ehemaligen Sender verklagt. Auf 70 Millionen Dollar. Rather gegen CBS. Das ist so, als ob Ulrich Wickert nach seinem Ausscheiden bei den "Tagesthemen" die ARD vor Gericht zitiert hätte.

Eine Frage der Ehre

Es geht ihm bei seiner Klage um nichts weniger als seine Ehre - und um die Wahrheit im sogenannten "Rathergate" , wie der Skandal im Wahlkampf rasch getauft wurde. Im September 2004, wenige Wochen vor der knappen Präsidentschaftswahl zwischen Bush und Kerry, präsentierte Rather auf CBS mit großem Bravado bislang unentdeckte Dokumente der Nationalgarde. Die Papiere sollten belegen, dass Präsident George W. Bush als junger Reservist dort eine besonders vorteilhafte Behandlung genossen habe. Er sei selten aufgetaucht und habe viele Dienste einfach geschwänzt. Mitten in einem Wahlkampf, der sich um den "War on Terrorism" drehte und in dem Bushs Gegner Kerry ein dekorierter Kriegs-Veteran war, waren das schwere Anschuldigungen.

Doch rasch kamen Zweifel an den Dokumenten auf. Recherchen ergaben, dass sie wohl nicht auf Schreibmaschinen aus dieser Zeit verfasst sein konnten. Rather hielt wochenlang an seiner "Story" fest - obwohl der Hauptbelastungszeuge, der die Dokumente besorgt hatte, sich in Widersprüche verwickelte und schließlich zugab, den Sender angelogen zu haben. Am Ende wurde Rather von den Sender-Bossen gezwungen, in seiner Sendung eine Entschuldigung zu verlesen und die Anschuldigungen gegen Bush zurückzunehmen. Bis heute vermuten manche, das Weiße Haus habe schon vorher gewusst, dass die Dokumente falsch seien - und Rather in die Falle tappen lassen, um kurz vor dem Wahlgang einen Skandal um liberalere Medien wie CBS inszenieren zu können.

224 Seiten Klageschrift

Rather wehrt sich nun mit einer 224 Seiten langen Klageschrift: Er sei zum alleinigen Sündenbock gestempelt worden, obwohl er eigentlich nur eine Nebenrolle gespielt habe. Er sei eher ein Erzähler gewesen, der sich auf seine Rechercheure verlassen habe (was für die bekannten TV-Moderatoren in den USA nicht unüblich ist). Dem widersprechen allerdings ehemalige Mitarbeiter. Außerdem, klagt Rather, habe CBS sich nicht an die Absprache gehalten, ihn weiter als Reporter arbeiten zu lassen. Ihm wurde damals ein Posten bei der legendären Sendung "60 Minutes" angeboten, versüßt mit sechs Millionen Dollar Honorar pro Jahr. Doch Rather kam kaum noch zum Einsatz. Nur eine Handvoll Beiträge durfte er produzieren - "selbst als Hurrikan "Katrina" losbrach, wurde Dan Rather nicht eingesetzt, obwohl Dan Rather der erfahrenste Hurrikan-Reporter der USA ist", heißt es vorwurfsvoll in der Anklage.

Ein anderer Vorwurf Rathers ist noch brisanter: CBS sei damals eingeknickt, weil sich der Sender beim Weißen Haus einschmeicheln wollte, behauptet der TV-Veteran. Viacom, die Muttergesellschaft, habe öffentlich erklärt, eine Wiederwahl Bushs sei gut für den Medienkonzern. Vielleicht, so Rather, seien die Dokumente ja doch nicht falsch gewesen, Er jedenfalls habe neue Erkenntnisse gesammelt. Einem Reporter der "New York Times" vertraute Rather - angeblich mit tränenschweren, blutunterlaufenen Augen - seine Strategie an: "Lass uns die Leute unter Eid stellen. Lass uns alle E-Mails checken. Lass herausfinden, wer was wann warum zu wem sagte!"

Trauer, Bitterkeit, Schmerz

Rathers Klage ist auch der Kampf eines alten Mannes gegen eine neue Medien-Ära. Die goldenen Jahre der "Voices of God" sind lange vorbei. Seit Jahren brechen die Einschaltquoten der Abendnachrichten in den US-Hauptsendern ein. Die Korrespondentenbüros, auf die Rather so stolz war, werden ausgedünnt. Kabelsender, die den ganzen Tag lang den Schirm füllen müssen, wissen genau, wie man durch bloßes Reden über Nachrichten den Eindruck erzielen kann, Nachrichten zu senden.

Rathers Posten hat jetzt Katie Couric übernommen. Sie war vorher Moderatorin der Frühstücks-Plaudershow "Today" und hat allerhand ausprobiert, was Dinosaurier wie Rather als "Schnickschnack" bezeichnen würden: Einzelinterviews während der Nachrichtensendung zum Beispiel. Rather sagt, unter ihr sei "seine" Nachrichtensendung dümmer und flittchenhafter geworden. Dafür muss man ihn sexistisch nennen. Aus Äußerungen wie diesen spricht aber auch Trauer, Bitterkeit und der Schmerz eines Reporters, der nicht mehr Reporter sein darf.

Als Rather unlängst bei "Larry King" auf CNN auftrat, verlor sich der 75-Jährige in einem langen Appell: Unabhängiger Journalismus könne sich nicht entfalten, wenn er von großen Korporationen abhängig sei. CNN gehört zum Medienkonglomerat Time Warner. Nach Rathers Worten kommt Werbung. Es ist einfach nicht mehr seine Nachrichtenwelt.

Und CBS ist gewiss nicht mehr sein Sender. In ihrer Stellungnahme zur Klage haben die Sender-Bosse eine Formulierung gewählt, die Rather, der 45 Jahre für sie nach neuen Nachrichten gesucht hat, am meisten wehtun muss. Sie schrieben bloß: "This is old news."



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