TV-Vierteiler "Krieg und Frieden" Tolstoi für Bildungsblender

360 Minuten Film, 27 Millionen Euro Kosten, Stars, prachtvolle Kostüme und imposante Schlachtenszenen: "Krieg und Frieden" ist mal wieder neu fürs Fernsehen verfilmt worden. "Nach diesem Film wird jeder glauben, das Sie das Buch gelesen haben", wirbt das ZDF. Stimmt das?


2008, das Jahr ist jung – haben wir womöglich ein anstehendes Tolstoi-Jubiläum übersehen? Nein, die Lebensdaten des russischen Schriftstellers (1828–1910) geben keinen Anlass zu handelsüblichen televisionären Gedenkveranstaltungen. Was also mag dahinterstecken, wenn das ZDF mit einer vierteiligen Neuverfilmung des 1868/69 veröffentlichten Tolstoischen Mammutwerks "Krieg und Frieden" aufwartet? Es ist diese Sinnfrage, die sich angesichts dreier bereits existierender Filmfassungen auch dem geneigten Betrachter stellt. Der Film findet in 360 Minuten keine überzeugende künstlerische Antwort.

Zwar bietet die 27 Millionen Euro teure Co-Produktion von sieben europäischen Sendern, die in St. Petersburg und Litauen auf Englisch gedreht wurde, so ziemlich alles, was einem zum Stichwort aufwendige Historiengemälde einfällt: prachtvolle Kostüme, mehr oder weniger imposante (digital frisierte) Schlachtenszenen, eine internationale Besetzung mit Stars der beteiligten Länder – und bei entsprechender Ausdauer des Zuschauers auch das Potential, etwas vom Sog der literarischen Vorlage zu vermitteln.

Was aber die Motivation der Macher gewesen sein könnte, Tolstois bisher von Hollywood (1956, Regie: King Vidor), der Sowjetunion (1969, Regie: Sergej Bondartschuk) und der BBC (1972, Regie: John Davies) adaptierte Liebes- und Klassenkonflikte im Russland der Napoleonischen Kriege neu herauszubringen, erschließt sich nicht. Zu bieder-konventionell ist die Aufbereitung des Regisseurs Robert Dornhelm ("Kronprinz Rudolf"), als dass etwa eine ungeahnte Aktualität des Stoffes als Erklärung in Frage kämen. Und der von Dornhelm in diversen Interviews hergestellte Bezug zum Irak-Krieg wirkt, mit Verlaub, weit hergeholt.

"Unsere Geschichte beginnt im Jahr 1805", hebt nach standesgemäß bombastischem Vorspann die Erzählung an, um in moderatem Tempo die Protagonisten zu etablieren. Die erblühende Komtesse Natascha Rostowa verliebt sich in den unerreichbar scheinenden verheirateten Prinzen Andrej Bolkonski. Andrejs Freund Pierre, aus Paris zurückgekehrter unehelicher Sohn des Grafen Besuchow, wird von seinem Vater auf dem Sterbebett legitimiert und so zum schwerreichen Grundbesitzer. Und natürlich leert der leichtlebige Offizier Dolochow frei stehend auf dem Fenstersims eine Flasche Rum auf den Zaren – derweil der Kampf gegen den ins Land drängenden Napoleon immer näher rückt.

Zwischen tapsig und ätherisch

Während sich das Drama der unerfüllten Liebe zwischen Natascha und Andrej entfaltet, während Pierre der heuchlerischen Mitgiftjägerin Hélène anheimfällt und während zu opulenter Musikuntermalung Depeschen verschickt, Duelle ausgetragen und Dekolletés präsentiert werden, findet der Zuschauer auch noch Zeit, den Blick auf die Schauspieler zu richten.

Mit dem Pierre-Darsteller Alexander Beyer ist eine der Hauptrollen deutsch besetzt; der unter anderem aus "Sonnenallee" und "Good Bye, Lenin!" bekannte Darsteller legt den idealistisch-weltfremden Erben mit Nickelbrille arg tapsig an – ein Kontrast zu seinen Vorgängern Henry Fonda und Anthony Hopkins, die den Part in der amerikanischen bzw. der englischen Version verkörperten.

In der Nachfolge Audrey Hepburns gibt die Französin Clémence Poésy ("Harry Potter und der Feuerkelch") eine sehr ätherische, nicht uncharmante Natascha. Überzeugend komplettiert wird das Protagonisten-Trio vom virilen Italiener Alessio Boni als Andrej.

Ins Ensemble gehören außerdem Hannelore Elsner als Gräfin Rostowa sowie Ken Duken als Andrejs schurkischer Rivale Anatol Kuragin und Benjamin Sadler als Dolochow. Der einzige echte Besetzungs-Coup gelang mit einem englischen Akteur: "Clockwork Orange"-Mime Malcolm McDowell legt als alter Fürst Bolkonski einen ausgesprochen energischen Tyrannen hin.

Rosamunde Pilcher lässt grüßen

Sie alle aber können nicht überspielen, dass Tolstois Gefühlswirren vor historischem Hintergrund im wohltemperierten Euro-TV-Format doch ab und an nach Rosamunde Pilcher aussehen. "Bete zu Gott, die besten Ehen werden im Himmel geschlossen", rät da Hannelore Elsner ihrer schmachtenden Tochter, während die Männer im Feld nach Ruhm streben. Zwischendurch werden fröhliche Hüpftänze auf aristokratischem Parkett dargeboten.

Wer die ganze dramatische Wucht des ausladenden Epos’ ermessen und in die viel beschworene Seele des "heiligen Mütterchens Russland" blicken will, der muss wohl weiter auf die monumentale Kinoversion von Sergej Bondartschuk zurückgreifen – oder eben den Roman zur Hand nehmen.

"Nach diesem Film wird jeder glauben, dass Sie das Buch gelesen haben", bewirbt das ZDF sein erstes Renommierprojekt des Jahres – und entlarvt damit immerhin das Quoten-Kalkül der Macher: Man hält die Strahlkraft, vor allem aber die Abschreckungswirkung des 1500-Seiten-Wälzers für immer noch groß genug, um einen Markt für eine gefällige TV-Version zu sehen. Frei nach dem Motto: Lesefaule und Bildungsblender aller Länder, vereinigt euch vor dem Fernseher!

Eine Warnung allerdings muss ausgesprochen werden: Auch 360 Filmminuten können ganz schön lang werden…


"Krieg und Frieden". Sendetermine: 6., 9., 13. und 16. Januar, jeweils 20.15 Uhr, ZDF



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