TV-Zweiteiler "Die Schatzinsel" Der Pirat als Pudel

Zwischen "Apocalypse Now" und Kinderfasching: ProSieben versucht sich mit großem Aufwand an einer zeitgemäßen Aufbereitung des Abenteuerklassikers "Die Schatzinsel" – und liefert doch nur hölzernes deutsches Sprech- und Fechttheater.

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Man sollte Schauspieler niemals unbeaufsichtigt durch Requisite und Garderobe wandern lassen, im größten Charakterdarsteller erwacht sonst das Spielkind. So geschehen bei der Neuverfilmung zur "Schatzinsel", für die ProSieben mit einem beachtlichen Fernsehetat von annähernd acht Millionen Euro ein paar der besten deutschen Kinogesichter abenteuerlich infantil angemalt und ausstaffiert hat.

"Schatzinsel"-Stars Vogel, Moretti: Sprech- und Fechttheater
ProSieben

"Schatzinsel"-Stars Vogel, Moretti: Sprech- und Fechttheater

Michael Gwisdek zum Beispiel steckte sich als blinder Pew ein paar phosphorisierende Milchglaslinsen zwischen die Wimpern und humpelt auf diese Weise lustig leuchtend durch die Dunkelheit. Bei Jürgen Vogel in der Rolle des Messerwerfers Israel Hands glänzt ein großflächiges Tattoo auf der gewienerten Glatze. Richy Müller hat es besonders übel erwischt: Als bitterböser Black Dog wird seine große Nase von ondulierter Lockenpracht umspielt. Der Pirat als Pudel.

Natürlich lässt sich diese televisionäre Wiederbelebung des Abenteuerklassikers von Robert Louis Stevenson kaum objektiv beurteilen, wenn man mit dem gleichnamigen Adventsvierteiler aus dem Jahr 1966 aufgewachsen ist: Da war alles so klein, so bescheiden farbig – und befeuerte doch in unzähligen Wiederholungen die kindliche Imagination der Sechziger- und Siebziger-Jahrgänge. Ein verwunschenes Piratennest konnte demnach nur so aussehen wie jenes, das für die Dreharbeiten des öffentlich-rechtlichen Klassikers am Gardasee errichtet worden war. Das passte übrigens bestens zu den damaligen Urlaubsgewohnheiten der deutschen Zuschauer. Wer Glück hatte, machte mit seinen Eltern Ferien im fernen Italien. Mehr Exotik ging nicht, weder auf Reisen noch im Fernsehen.

Dem Zeitgeist angepasst

Inzwischen sind 40 Jahre vergangen. Deutsche Touristen liegen jetzt dicht an dicht in Thailand am Strand, und das deutsche Fernsehen wurde um eine Reihe von Privatsendern bereichert, die mit quietschbunten Casting-, Kuppel- und Verkleidungsshows um die zappenden Zuschauer buhlt. Das ist der gesellschaftliche Rahmen, in dem ProSieben mit dem alten Stoff zum Angriff aufs jüngste Drittel des werberelevanten Publikums der 14- bis 49-jährigen bläst. Ein Publikum also, das mit Piraten bislang vor allem über das entfesselte Hollywood-Trickspektakel "Fluch der Karibik" in Kontakt gekommen ist.

Entsprechend salopp hat Regisseur Hansjörg Thurn ("Verschleppt – kein Weg zurück") die Story für den Fernsehzweiteiler gestrafft und dem Zeitgeist angepasst. Und weil man für eine gute Quote auch das junge weibliche Publikum braucht, das sich sonst an "Popstars" oder "Germany's Next Topmodel" delektiert, wurde noch eine neckische pubertäre Liebelei in die alte Geschichte hineingeschrieben.

So erhält der jugendliche Held Jack Hawkins (Francois Göske), der auf dem britischen Schoner Hispaniola zur Schatzsuche in die Südsee aufbricht, in der ProSieben-Fassung Gesellschaft von einer als Schiffjunge verkleideten Piratentochter (Diane Willems). Die gewährt ihm und der Kamera immer mal wieder Blicke auf ihre Brüste. Angekommen auf dem tropischen Eiland, folgt die Handkamera dann fahrig den fiebrigen Schatzsuchern durch den Busch, wo sie vom schlammverkrusteten Einsiedler Ben Gunn (André Hennicke) dahingemeuchelt werden. Gedreht wurde im thailändischen Dschungel.

Genützt hat all der Aufwand nichts. Die trockene sprachliche Eleganz der Stevenson-Vorlage hat man durch rammdösige Dialogvariationen verspielt, und die Schauspieler rollen beim Sprechen meist mit den Augen, als würden sie gerade von der Cholera dahingerafft. Man kann über die "Pirates of the Caribbean" sagen, was man will – wie aber Johnny Depp dort in der Rolle des Freibeuterkapitäns Jack Sparrow virtuos verschiedene Genre-Helden in einer einzigen Figur verdichtet und mit moderner Entertainment-Gestik ironisch aufbereitet, ist großer Pop. Tobias Moretti indes, der im neuen TV-Seeräubermärchen den einbeinigen Piratenanführer Long John Silver gibt, agiert auf unterstem Niveau des deutschen Sprech- und Fecht-Theaters. Warum nur guckt er die ganze Zeit mit zusammen gepressten Lippen und starrem Blick, als habe er Probleme beim Stuhlgang?

Im fernöstlichen Dschungel fiebert das Privatfernsehen samt seiner Eventmovie-Maschinerie also mit dieser Mischung aus "Apocalypse Now" und Kinderfasching, aus "Jedermann"-Freilichtaufführung und Teen-Soap einem vorläufigen Tiefpunkt entgegen: Pirates of Pro Sieben, dahingerafft vom Fluch der Quote.


Die Schatzinsel: heute und morgen, 20.15 Uhr, Pro Sieben



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