TV-Zweiteiler "Teufelsbraten" Graus und Rhein

Schon wieder weht Fünfziger-Jahre-Mief durch die deutsche TV-Landschaft. Aber aufgepasst: Der WDR-Zweiteiler "Teufelsbraten" romantisiert die Adenauer-Ära nicht. Stattdessen wird kritisch und ergreifend ein Milieu durchleuchtet.


Alles beginnt damit, dass die kleine Hildegard am Rheinufer einen "Buchstein" aufsammelt. Es ist der Opa, der das Mädchen über die spezielle Magie des Fundstücks aufklärt: dass man auf seiner Oberfläche Geschichten lesen kann, wenn man nur mit genügend Fantasie ausgestattet ist.



Hildegard hat davon reichlich – und schon sind die Vorzeichen gesetzt für eine anrührende Coming-of-age-Geschichte aus dem Adenauer-Deutschland der fünfziger Jahre, für den zähen Kampf einer Arbeitertochter aus ärmsten Verhältnissen um schulische Bildung. Hildegard, die im Film "irgendwo in der rheinischen Provinz zwischen Köln und Düsseldorf" aufwächst, lernt, auch in herkömmlichen Quellen zu lesen und findet im geschriebenen Wort eine Zufluchtsstätte vor der beengten Tristesse des Elternhauses.

Der WDR-Zweiteiler "Teufelsbraten" nach Ulla Hahns Roman "Das verborgene Wort" (2001) hält, was die episch-poetische Exposition verspricht: Er ist große Erzählung und veritables TV-Ereignis – und doch so gar kein Produkt jener lärmenden Histotainment-Event-Industrie, die jüngst etwa den ZDF-Zweiteiler über den Untergang der "Wilhelm Gustloff" hervorgebracht hat. Komplex und – unter Quotengesichtspunkten – gewagt dialektecht kommt der Film von Volker Einrauch (Buch) und Hermine Huntgeburth (Regie) daher.

Unsägliche Sprecherziehung

Dass Hildegard nur "Hildejard" ausgesprochen wird und in ihrer Familie mit dem Artikel "dat" versehen wird, sind noch harmlosere Beispiele für das hier erklingende rheinische Idiom. "Lommer jonn", lass uns gehen, sagt der Opa am Flussufer, und später muss die Protagonistin in der Schule den Satz "Eine gut gebratene Gans, mit einer goldenen Gabel gegessen, ist eine gute Gabe Gottes" aufsagen, um sich an die korrekte Aussprache des Buchstabens G zu gewöhnen.

Doch der konsequente Einsatz mundartlicher Sprache gehört zwingend zur Milieuschilderung dieses präzisen Films, der überdies als wahres Ensemblestück funktioniert: Jede noch so kleine Rolle in dem Sittengemälde ist treffend besetzt.

Den schwierigsten Part hat Ulrich Noethen auszufüllen – und er baut ihn zur Glanzrolle aus: Als Hildegards versoffener proletarischer Vater, der, gebeutelt von der Härte des eigenen Daseins, zu cholerischen Ausfällen und Prügeln neigt, ist er ein echter Unsympath. Szenen wie die, in der er seiner Tochter bei Tisch die Gabel aus der Hand quetscht und auf dem Boden zertritt, weil er sich ihr unterlegen fühlt, sind abstoßend und erschreckend. Und doch bleibt er immer auch "der Papp", der zwar nicht aus seiner Haut kann, aber letztlich seiner Tochter eine weiterführende Schullaufbahn gewährt.

Ebenfalls überzeugend als emotional instabile, unterwürfige Mutter spielt Margarita Broich; Peter Franke glänzt als gütiger herzkranker Großvater. Barbara Nüsse brilliert als schlicht-frömmelnde Großmutter ("Mir sin keine Prolete, mir sin kattollisch"). Sie ist es auch, die Hildegard als Erste mit dem titelgebenden Schmähwort belegt: "Teufelsbraten", stößt sie aus, als ihr die Enkelin kess vorhält, es sei doch ein Widerspruch, dass Gott einerseits alles wisse, andererseits aber genau Buch führe über das Sündenkonto jedes Menschen – was dann doch gar nicht nötig wäre.

So fesselnd authentisch, so heimelig und schrecklich zugleich entfaltet sich das Drama, dass selbst ein Gastauftritt des berüchtigten Nebendarstellers Harald Schmidt ("Das Traumschiff", "Unser Charly") als schmieriger (Unter-)Wäschevertreter problemlos darin aufgeht.

Das große Glück von "Teufelsbraten" aber ist es, dass kurz vor Ende des ersten Teils Anna Fischer die Rolle der Hildegard übernimmt. Nicht dass Nina Siebertz und Charlotte Steinhauer, die die Figur in ganz jungen Jahren verkörpern, ihre Sache schlecht machen würden, im Gegenteil.

Mit der 21-jährigen Fischer aber, die bereits 2005 mit einer exquisiten Leistung in dem Inzest-Drama "Liebeskind" auf sich aufmerksam machte, nebenbei Sängerin der Berliner Beat-Band Panda ist und demnächst mit der Adaption des Kultromans "Fleisch ist mein Gemüse" ins Kino kommt, erhält die Geschichte ein neues Zentrum; sie ist das Gesicht und die Seele der zweiten 90 Minuten.

Sturm, Drang und Zwang

Mit ihrem Eintritt in die Handlung benennt sich die zum Teenager gereifte Hildegard in Hilla um, findet in der gut situierten Bürgerstochter Doris (Alice Dwyer) eine Freundin und durchläuft enthusiastisch jene Lebensphase, die der Deutschlehrer zu Beginn mottogleich mit Kreide an die Tafel wirft: "Sturm und Drang".

Während die Mädchen allmählich Jungs zum schüchternen Rendezvous in den Rheinauen treffen und sich Liebesbeweise in die Haut ritzen, schiebt der Vater Kurzarbeit, und in der Zeitung erscheinen erste Berichte über finstere "Fremdarbeiter" in der Eisdiele.

Wann immer die Handlung zwischen der Lektüre von "Romeo und Julia auf dem Dorfe" und einer kurzen verzweifelten Fabrik-Lehrzeit Hillas unter der Fuchtel ihrer Ausbilderin Frau Wachtel (furios: Corinna Harfouch) ein wenig zu zerfasern droht, hält Fischer sie mit Verve zusammen. Ähnlich wie Katharina Wackernagel in "Contergan" verleiht sie dem vermeintlich weit entrückten Geschehen der Adenauer-Ära eine atemberaubende Heutigkeit.

So wird "Teufelsbraten" zum großen Panorama von Heimat, Familie und Aufbruch, milieuecht und doch von allgemeiner Gültigkeit. Selten wirkte ein Happy-End so wenig kitschig – und so hart erarbeitet.


"Teufelsbraten", Freitag, 7. März, 21.00 Uhr, Arte
Mittwoch/Donnerstag, 12./13. März, 20.15 Uhr, ARD



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