Männermagazine Dicke Hose auf Deutsch

In den USA definiert das Männermagazin "Esquire" seit 80 Jahren, was einen King of Cool ausmacht. Deutsche Verlage versuchen nun, mit einer wahren Titelschwemme ein Pendant in die Kioske zu bringen - und scheitern kläglich. Männlichkeit ist hier eine Frage des dicksten Kugelgrills.


Stellen wir uns mal kurz vor, es gäbe ein Magazin, in dem Truman Capotes "Frühstück bei Tiffany's" zuerst erschien, in dem Ernest Hemingway "Schnee auf dem Kilimandscharo" veröffentlichte, in dessen aktueller Ausgabe Woody Allen übers Duschen plaudert und zugleich lange Texte über die Angst und Paranoia der USA stehen. Und das am Kiosk im Regal unter "Männerzeitschriften" liegt.

Eben. Gibt's nicht. Zumindest nicht in Deutschland. In den USA hingegen ist das Magazin "Esquire" seit 80 Jahren das Nonplusultra, wenn es darum geht, Männern zu signalisieren: Ja, du bist gemeint. Du gehörst zu uns wie die Typen auf unseren Covern, Kings of Cool wie Clint Eastwood oder Chris Hemsworth. Und ja, wenn du unser Heft in der U-Bahn liest, erntest du anerkennende Blicke - wir sind ja nicht der "Playboy", unsere Redakteure nehmen sich eine Auszeit für ein Harvard-Stipendium.

Jetzt haben die hiesigen Verlage auf der Suche nach neuen Zielgruppen auch mal wieder jene Männer entdeckt - und gleich eine Handvoll neuer Hefte auf den Markt geworfen.

Und welches innovative Männerbild wollen sie dem Deutschen vermitteln?Zwei von ihnen sind eher Porträtreihen über bestimmte Typen von Männern, zwei verkaufen einem einen bestimmten Lebensstil, der suggeriert: So leben echte Kerle. Alle nehmen sie Männlichkeit bierernst. Zweifel? Metaebene? Selbstironie? Nix. Eher grandiose Verlustangst.

"Abenteuer gibt es noch"

So feiern "Tweed" und "The Heritage Post" den Mann, den es nicht mehr gibt: Das eine ist für german Gentlemen, die auf englische Lebenskultur stehen und am liebsten in der Londoner Savile Row einkaufen. Das andere featured gar nicht uncharmant alle, die man der Einfachheit halber mal unter Rockabillys zusammenfassen kann; nur echt mit Pomade, Opinel-Messer und Jeans aus echt altem Jeansstoff. Thematisch eher redundanzanfällig. Und beide Zielgruppen lebten am liebsten vorvorgestern, als alles handgemacht war. Vielleicht wirkt das Layout daher ähnlich handgeschnitzt; vielleicht liegt's auch nur daran, dass dahinter Kleinstverlage stecken.

Zwei andere neuere Männertitel beschränken sich auf ein Stereotyp, das scheinbar nie altert: das Wilde. Der Claim von Burdas "Freeman's World" appelliert mit "Abenteuer gibt es noch" wohl an Herren, die wegen der ganzen Frauenquotendebatte unter Identitätsverlust leiden. Das Heft braucht Überschriften wie "Sei ein Kerl", und Texte, in denen eine Gruppe solcher Kerle mit ihren "Feuerstühlen" von Alaska bis Feuerland düst, oder in denen die acht besten Wanderstiefel gezeigt werden, mit denen sie endlich in die "Freiheit" aufbrechen können. Wow.

Der Kern des Fleischfresserhefts "Meet" ("Eat Like a Man") - bisher nur einmaliger Testballon vom Burda-Verlag, um dem Gruner+Jahr-Titel "Beef" das Revier streitig zu machen - steckt in der Story "Hot Chicks, Hot Chocolate": Sie zeigen doppelseitenweise Schokoladen-Desserts neben einer Frau in Dessous. "Alles, was man von einer Nachspeise erwarten kann", steht links überm Schokopudding - und rechts blickt man einer Frau direkt in den Schritt, als sie sich den schwarzen Spitzenschlüpper runterzieht. Als wäre das nicht schon schlimm genug: Die Schamlippen sind unscharf retuschiert.

Undenkbar, dass hier ein Redakteur aus Solidarität ebenfalls blank zieht, wie etwa A.J. Jacobs für den "Esquire", als der die Schauspielerin Mary-Louise Parker interviewte und sie für das Heft nur mit Schürze bekleidet beim Kuchenbacken fotografiert wurde.

Stereotypen des Höher-Schneller-Weiter

Immerhin etwas von dieser nonchalanten "Take it or leave it"-Attitüde hat "Ramp Style", schon 2011 als Spin-off des Lkw-schweren Automagazins "Ramp" auf den Markt gekommen. Nach dem Motto: Euch passt nicht, dass wir euch hinten eine Ladung Textwüste hinkippen? Pah! Trotzdem, wohin man schaut: Humphrey Bogart, Vincent Cassel - keine deutschen Typen mit dem gewissen Etwas. Wohl weil's keine gibt (Moritz Bleibtreu? Ähm. Axel Milberg? Hm.). Und dieser eine Schauspieler, der Softie-Pfleger in "Feuchtgebiete", zählt nicht. Er muss posen. Er stellt dar, er ist es nicht.

Man wird daher den Eindruck nicht los, dass diese neuen deutschen Männermagazine den deutschen Mann in seinem Kern ganz gut treffen. Typen eben, die sich immer noch an Stereotypen des Schneller, Weiter, Höher abarbeiten. Die denken, wenn sie sich den richtigen Kugelgrill, den richtigen Bourbon und die richtigen Schuhe zulegen, stechen sie die anderen Kerle aus. Bei den Frauen, im Job, einfach überall.

Die Selbstironie der "Esquire"-Kerle existiert gar nicht. Denn für die ist die Lässigkeit Zweck an sich, das Auftrumpfen nur Nebenprodukt.


"Esquire" - die 80-Jahre-Feierlichkeiten
"Esquire TV"
"Tweed"; Heft 2 erscheint am 24. September.
"The Heritage Post"; Heft 7 erscheint voraussichtlich im Oktober.
"Freeman's World"; weiteres Erscheinen ungewiss.
"Meet"; weiteres Erscheinen ungewiss.
"Ramp Style"; Heft 6 erscheint am 19. September.



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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
thorsten wulff 12.09.2013
1. Gutgemachte Herrenmagazine
haben keine Chance in einem Land daß nichts dabei findet jahrelang von einer schlechtfrisierten Dame ohne Überzeugungen regiert zu werden.
Drobsick 12.09.2013
2. Braucht man(n)
...Männermagazine um sich als Mann zu fühlen? Was soll da drinn stehen, was ich tagen soll? Was ich fressen soll? Wie kompensiere ich den Frust, weil ich eine weibliche Vorgesetzte habe...? Lächerlich³ muss ich da leider sagen, dann schaue ich doch lieber den ganzen Tag Auto- und Überlebensdokus auf DMAX Männermagazin .... das einzige gute Männermagazin ist die Stadionszeitung!
spon-facebook-1810274577 12.09.2013
3. Lässigkeit
Deutsche Männer und charmante Lässigkeit - in diesem so unlockeren Land des Nicht-Lächelns geht das natürlich gar nicht.
dongerdo 12.09.2013
4.
Zitat von sysopIn den USA definiert das Männermagazin "Esquire" seit 80 Jahren, was einen "King of Cool" ausmacht. Deutsche Verlage versuchen nun, mit einer wahren Titelschwemme ein Pendant in die Kioske zu bringen - und scheitern kläglich. Männlichkeit ist hier eine Frage des dicksten Kugelgrills. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/tweed-the-heritage-post-neue-maennermagazine-in-deutschland-a-921282.html
Ich bin irritiert - die Autorin zieht den Inhalt der neuen Heftchen heran um sich über das Seelenleben des deutschen Mannes auszulassen wobei doch das jämmerliche Scheitern eben dieser Heftchen beweist dass der deutsche Mann sich offensichtlich nicht für diese Inhalte interessiert.... Ich verstehe die Logik dahinter nicht so ganz....
Turritom 12.09.2013
5. optional
vielleicht ist Vielfältigkeit nicht so schlimm. So gibt es vielleicht nicht "den einen Typen von Mann". Ich definiere meine Männlichkeit allerdings nicht über Konsum und Besitz von daher sind die Hefte wohl dann doch nix für mich.(Obwohl so ein Kugelgrill wäre schon was feines :D).
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