Von Ingeborg Wiensowski
Der Teppich ist zur bizarren Rautenform zerschnitten, Stühle und Tische zwängen sich aus dem Fenster, windschiefe Schrankwände explodieren in unterschiedlichste Richtungen, und Blumentöpfe aus Zement lassen seltsame Drahtgestelle hervorsprießen. Möbelstücke der ehemaligen polnischen Mangelwirtschaft leiden offenbar unter schwierigsten Existenzbedingungen. Das jedenfalls suggeriert die aktuelle Ausstellung im Leverkusener Rokoko-Schloss Museum Morsbroich, das für sein Programm schon mehrfach ausgezeichnet wurde und immer wieder für Höhepunkte in der rheinischen Kunstlandschaft sorgt.
Auch "Twisted Entities" ist so ein Highlight. Die Ausstellung trifft eine präzise Auswahl aus der in den vergangenen Jahren so gehypten polnischen Kunstszene und spürt dem nach, was so polnisch und gleichzeitig so zeitgemäß an der polnischen Kunst ist: das Verdrehte und Verschobene, das Überzogene und Überdehnte mit all seinen ironischen bis tragikomischen Momenten. Die Dinge werden strapaziert bis zur Sollbruchstelle.
Offenbar hat die von Mangel und Repression gekennzeichnete Logik des sozialistischen Alltags ihre eigenen Stilblüten hervorgebracht, die hier - auch nach über dreißig Jahren - munter weitergedeihen. Ein absurdes System immer kurz vor dem Kollaps: Um die Ecke denken und vor allem handeln, sich mit Raffinesse und Tücke seine eigenen Freiräume schaffen, vor allem im Privaten, und sich dabei von der Lust am Subversiven leiten lassen - das führen die hier ausgestellten Kunstobjekte vor.
Schmuddelige Seidenstrümpfe
Lang lebe die materielle Sparsamkeit, der rationierte Umgang mit dem erworbenen Gut! Ob schmuddelige Seidenstrümpfe, die sich über Pflastersteine stülpen wie bei Zuzanna Janin, ob altbackene Schrankwände, die Jan Mioduszewski windschief miteinander und mit der Wand verschraubt, oder ein ältlicher Teppich von Marzena Nowak: Die Dinge hier haben etwas zu erzählen, sie berichten vom vergangenen Gebrauch und erhalten so ihre eigene, lange überhörte Stimme.
Ihre eigene Stimme erhält auch die Sound-Installation von Konrad Smolenski. Der diesjährige Vertreter Polens auf der Biennale Venedig inszeniert einen riesigen Schwarm von 250 Mikrofonen, die ihren eigenen Sound, ein unverständliches Grummeln und Fiepen, zum Besten geben.
Eher stiller Natur ist die Arbeit von Michal Budny: Mit einfachen Papierbändern legt er die Konturen seines Heimatlandes auf dem Boden aus. Nebenan spuckt Hanza Zamojskis Kopierer beim Betreten des Raums die Kopie eines Kunstwerks aus; ein Bewegungsmelder betätigt ihn geisterhaft. Aus einem Betonfundament in Blumentopf-Form lässt Monika Sosnowska den Rahmen eines grünen Zaunes herauswachsen, dessen Drahtverspannungen lose herumhängen und nichts mehr schützen. Die seltsam verkrüppelten Hülsen-Beine des Altmeisters der polnischen Kunstszene, Miroslaw Balka, bekannt durch seine große Arbeit in der Turbinenhalle der Tate Modern, lehnen an der Wand wie bestellt und nicht abgeholt.
Ballett der Veteranen
In der Raumabfolge des historischen Schlossbaus entfalten die Arbeiten, darunter auch Filme, ihre melancholische Poesie. Aneta Greszykoska etwa zeigt einen explodierten Körper; Arme, Hände und Füße schweben frei im schwarzen Raum und schlagen auf ein malträtiertes Gesicht ein. Und in Anna Molskas und Wojciech Bakowskis Film fahren einheitlich gekleidete Invaliden in bizarren Rollstühlen auf einem Flugfeld herum. Ein Ballett der Veteranen - und eine Hommage an die alten Helden?
So wie sich heute die polnische Wirtschaft vergleichsweise erfolgreich entwickelt, so wegweisend war das Land bei der politischen Umgestaltung Osteuropas. Eingeleitet hatten sie seinerzeit zwei konträre Ereignisse: das Entstehen der Solidarnosc 1980 und die Wahl des Polen Karol Wojtyla zum Papst zwei Jahre zuvor. Dieser Bruch im System, der radikale Wandel der Gesellschaft zwischen Kaltem Krieg, sozialistischem Niedergang und verspätet aufblühender Moderne, lebt in einem großen Teil der zeitgenössischen polnischen Kunst fort. Die ältere Generation folgt dabei ihren Spuren zurück bis vor die Zeit des Sozialismus.
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