Ostkreuz-Fotoausstellung: Grenzen sind Narben

Von Lena Reich

Mauern, Nähte, Vorhänge - die eindrucksvolle Fotoausstellung "Über Grenzen" im Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigt, was Menschen und Länder trennt. Oder wo der schmale Grat zwischen gesund und krank verläuft. Das Fazit der Schau: Auch Mauern hinterlassen Narben.

Der ehemalige deutsche Todesstreifen ist Urwald geworden, die leerstehende Wartehalle des zyprischen Flughafens über und über mit Vogeldreck bedeckt. Während manche politische Grenzen dahinvegetieren, machen sich andere immer wieder aufs Neue bemerkbar: In einem Betongarten hüpft munter ein kleines Mädchen auf einem Trampolin. Ein schwarzes Sicherheitsnetz sorgt dafür, dass es nicht von der Spielfläche fällt. Die meterhohe Mauer, an die das Grundstück grenzt, gehört zum Alltag. Immer wieder werden Steinbrocken über die sogenannte Friedenslinie geworfen, die Belfast seit rund vierzig Jahren in katholische und protestantische Teile trennt.

Wie verschachtelt das System aus Mauern, Zäunen und Gewässern ist, zeigt noch bis Ende Dezember die Fotoausstellung "Über Grenzen". Unweit des Grenzgebiets, durch das einst die Berliner Mauer führte, steht das Haus der Kulturen der Welt. Mit beeindruckenden Bildern erinnern die 18 Fotografen der Bildagentur Ostkreuz in der dortigen Schau an Länder und Menschen, die sich eben über Grenzen definieren.

In karminroten Uniformen wacht die Nationalgarde über den Präsidenten des Südsudan, der vor einem Jahr seine Unabhängigkeit erklärt hat. Während im Stadion in der Hauptstadt Juba Männer hoch oben auf einer Mauer sitzen und die alleinige Macht über den neuen Staat zu haben scheinen, wird an der Permanenz eines einzigen Gesichts gefeilt. Eine überlebensgroße Statue von Salva Kiir hier, eine Krawatte mit dem Konterfei da. Das Ideal von der Grenze als Neuanfang bleibt umstritten: Zwar liegen 80 Prozent des sudanesischen Öls im Südsudan, dafür hat die Militärmacht Sudan die Kontrolle über die Pipelines. Die Teilung, die Frieden bringen sollte, hat bereits ein neues Monster erschaffen.

Eulen fallen tot vom Himmel

Auch in Kanada geht Macht über Öl. Als Konzerne die Röhre quer durchs Land zogen, wurden die Lubicon Cree einfach vergessen. Seitdem erste Lecke auftraten, verschimmeln Häuser. Eulen fallen tot vom Himmel. Die Fotografie eines Taubenjägers, mit dem die Ausstellung wirbt, erinnert vage an den einstigen Erwerb der Ureinwohner. Heute bleibt den meisten nur noch die Invalidenrente. Exil. Duldung. Frontex. Die Assoziationskette über Grenzen ist lang.

Zu den Bildern der Zellen aus der Abschiebehaft in Berlin halten Akten die Chronologie der Ausgrenzung fest. Die Bleistiftzeichnung einer Ikone unter einem Hochbett erzählt von der Einsamkeit Asylsuchender in Deutschland. Annette Hauschild dokumentiert mit gestochen scharfen Blicken Romafamilien in ihren Herkunftsländern: Da stehen fensterlose Plattenbauten in einem slowakischen Dorf. Qualmende Aschehaufen erzählen von der rücksichtslosen Räumung einer Siedlung im Kosovo. In dem Kaleidoskop der transparenten Grenzen spielen zwei Kinder mit der wohnlichen Spitzengardine Hochzeit. Trotz der bedrohlichen Lebenssituation ist das hier auch Heimat. Auf einer vermüllten Wiese steht ein junger Typ mit rotem Kapuzenpulli und lüftet orientalische Teppiche an einem Strommast. Es ist alles da, mag er stolz sagen: Land. Mobiliar. Ich. Hierhin wurde er im letzten Jahr aus Deutschland ausgewiesen.

Für das Machtspiel von hier und drüben braucht es nicht viel, nur den sogenannten kleinen Unterschied. Das Selbstporträt von Linn Schröder zeigt den schmalen Grat zwischen Leben und Tod: Die rechte Brust amputiert, hält die Fotografin ihre neugeborenen Zwillinge in den Armen. Während das eine Baby beim Milchtrinken eingeschlafen ist, liegt das andere noch wach und hungrig da. Der Arm eines Mannes greift in das Geschehen ein und animiert es mit dem Finger zum Saugen. Angesichts der intimen Dreieinigkeit scheint dieser Eingriff brutal. Zudem sind die Körper von beinah unerträglich hässlichen zu Kleidern umfunktionierten Netzstrumpfhosen umhüllt. Sofort misstraut man ihrem Schutz. Auch die Umgebung hat mit dem braun-goldenen Bettdeckenmuster einen seltsam anstößigen unwirtlichen Charme.

Versinnbildlichte die barocke Allegorie der "Ecclesia" mit einem säugenden und einem weinenden Kind die Hilflosigkeit der Kirche, so kommt Schröders Bildnis wie ein Alp daher: nicht von der nackten Haut, die vor der Krebserkrankung eine Brust gewesen ist, geht diese kaum auszuhaltende Spannung aus. Es ist diese grobe Naht der zum Body zusammengenähten Strumpfhosen, die die andere Brust bedeckt. Wie eine fette Narbe zieht sie sich vom Dekolleté über den Bauch der Mutter bis hinunter zur Scham. Immer wieder gleitet der Blick des Betrachters diese Wulst hinab und wird im selben Moment abgestoßen.

Mit "Über Grenzen" zeigt Ostkreuz, wie sehr Mauern Narben hinlassen. "Revolutionen sind wie Autobahnen", schreibt einer der Grenzautoren. "Niemand weiß genau, wo sie anfangen und wie sie enden."


"Über Grenzen" - Eine Ausstellung von "Ostkreuz-Agentur der Fotografen", Haus der Kulturen der Welt, Berlin. 9.11.-30.12.2012

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