Überlebenspanik Wut ist leichter zu erzeugen als Liebe

Menschen ärgern sich gerne, das macht ein so gutes Gefühl. Aber wir sind gefangen in der Empörungsmaschine - und uns droht schnell todesangstähnliche Dauerpanik.

Zeitschriften (Symbolbild)
DPA

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Eine Kolumne von


Die Welt war vermutlich schon immer so verwirrend wie heute. Sie stand kurz vor ihrem vermeintlichen Untergang, die Menschen wussten es nur einfach nicht. Sie empörten sich über lokale Ungerechtigkeiten, über Baupfusch, mysteriöse Todesfälle, bröckelnde Schulaußenwände und was es noch so in den Lokalnachrichten zu lesen gab. Menschen empören sich gerne, das macht so ein gutes Gefühl. Sie lieben es, sich Klatsch zu erzählen, ein Hobby aus der Steinzeit, das Wissensvorsprung bedeutet.

Vielleicht ist eines der Probleme heute, dass alle zu viel und zu wenig wissen, dass die meisten jeden Tag nach dem Konsum von 40 kreischenden Überschriften, und einigen halb gelesenen Artikeln das Gefühl haben, in der furchtbarsten aller Zeiten zu leben. Aus der gepflegten Empörung wird eine todesangstähnliche Dauerpanik. Danke Internet! Danke Medien, ihr Geschmacksverstärker der gefühlten Realität.

Medien heute folgen aus schierer Überlebenspanik oft dem Prinzip von YouTube-Algorithmen, die die Nutzerinnen mit immer drastischeren Vorschlägen versorgen - irgendwann hat man alle Enthauptungsvideos durch, da muss das Geschnetzelte ran. Wut ist leichter zu erzeugen als Liebe oder Zufriedenheit, sie ruht in jeder von uns, basiert auf der großen Kränkung, sterblich zu sein.

Aber was bringt dieser dauererregte, hechelnde Zustand eigentlich? Was hilft es - und wem - zu wissen, was Idioten mit der Welt anstellen. Und das jeden Tag. Und das in allen Medien, in allen Plattformen. Trump, Putin, Action - Hinterhergerenne, die Empörungskurve, Sie wissen schon. Nach einer Stunde im Netz, nach dem Lesen aller Artikel mit ähnlichem Inhalt und dem Betrachten der immer gleichen Beiträge, bleibt der Einzelne/die Einzelne mit dem Gefühl von Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit zurück. Und das ist auch richtig. Denn außer kleinen Aktionen in einem überschaubaren Rahmen hat kaum einer/eine, außer ihm/ihr gehört aus Versehen Amazon, die Macht, in die Weltpolitik einzugreifen.

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Diese Empörungsmaschine ist vermutlich nicht einmal eine geplante. Es kam halt alles zusammen. Das Netz, die Beschleunigung, die Algorithmen und Bots - und das Gefühl, alles besser zu wissen, gab es oben drauf. Menschen, die aussehen wie man selber, einfach ein Kopf und ein Körper und was man so braucht als Mensch, die angeblich Politiker/Politikerinnen sind und Wissenschaftler/Wissenschaftlerinnen, und dabei hat man doch auch alles gelesen und verstanden.

Erinnert sich noch jemand an den guten alten Satz, der vermutlich von Herrn Geddes geprägt wurde: "Think global, act local"? Der ist so ausgelutscht, dass wir ihn vermutlich vergessen haben in dieser prächtig globalisierten Welt. In der uns Vorkommnisse im Regenwald genauso empören wie der Regierungsskandal in Papua- Neuguinea. Ich las in einem Gespräch mit Herrn Snyder einen einfachen und erhellenden Gedanken, den man in der großen Weltuntergangsstimmung kaum hört, weil er so klein scheint.

Lokale, gute Recherche. Würde uns wohler sein, wenn wir, statt von den in allen Medien ähnlichen Themen aus den immer gleichen Ländern zu erfahren, sehen würden, was auf der Welt wirklich passiert? Im "Arte Journal" gibt es das. Diese Umschau der Topthemen aus anderen Ländern, die oft nichts mit dem zu tun haben, was wir in immer gleichen Erregungskurven konsumieren. Nach dem Globalen dann Berichte von da, wo die Leute etwas ändern können. Lokal. In ihren Gemeinden, Städten, Bezirken. Endlich neuer Gesprächsstoff, der sich nicht nur um Nazis, Trump, Rechte, Linke, Putin, Brasilien, Polen dreht. Oder interessiert das keinen? Sind darum alle kleinen Zeitungen eingegangen oder von schlauen Nationalkonservativen aufgekauft (wie in der Schweiz) oder...?

Würden Sie so eine Zeitung lesen, online? Auf Papier? Würden Sie dafür bezahlen? Ja, das wären die Fragen heute, Antworten wie immer: keine.

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
dieter-ploetze 08.12.2018
1. die welt war immer schon verwirrend .......
aber bisher stand sie kaum je vor einer katastrophe wie dem klimwandel, dazu ueberbevoelkerung, moeglicherweise ein kollabierendes finanzsystem. da kann und soll auch wut aufkommen, sonst aendert sich doch nichts, sonst sind wir chancenlos. dazu kommt, kritik und aerger, auch wut, wird viel schneller und leichter artikuliert als lobesgesaenge. es ist auch wichtiger, aergernisse zu benennen und zu beklagen, als irgendetwas angenehmes in gleicher lautstaerke zu loben. der mensch ist nun mal auch so veranlagt, das gute ziemlich schnell als das normale zu betrachten, waehrend die aergernisse doch immerzu stoerend wirken. also ist das verhalten der menschen voellig im rahmen, so ist es nun mal.
dasfred 08.12.2018
2. Nicht nur das Arte Journal
Auch unsere dritten Programme gehen dorthin, wo die Menschen sind. Und nicht nur die Empörten. Wobei ein gesunder Geist es schafft, sich täglich ein paar Minuten Erregung zu gönnen um den Kreislauf in Gang zu bringen, dann aber von sich aus in Gleichmut herunterschaltet. Im Grunde weiß doch jeder von uns wo er keinen Einfluss mehr hat und deshalb jede Aufregung zwecklos ist. Trotzdem hilft dieser kurze Moment, selbst alles besser zu wissen, dem eigenen Gefühlshaushalt einen Kick zu geben. Dieses, wenn man mich gefragt hätte, währe es nie soweit gekommen, Gefühl, in kleinen Dosen genossen, schafft innere Zufriedenheit. Erhöht man allerdings diese Dosis, dann führt sie zur Sucht und darüber zur Selbstzerstörung. Was mich ja gerade aufregt, in der Vorweihnachtszeit haben die Amazon Mitarbeiter besonders viel Stress. Muss man dann Amazon im Text erwähnen und noch einen Querverweis auf die Bestellmöglichkeiten einflechten. Wer Donnerstag Southpark gesehen hat, weiß, wie dort die Menschen leiden, wenn die Packer streiken.
Poli Tische 08.12.2018
3. Angst, eine Überlebensstrategie.....
natürlich interessiert uns Menschen was auf der Welt passiert - es könnte ja sein, dass wir davon betroffen werden. Die Steinzeitmenschen und alle die danach geboren wurden und überlebt haben, wussten, dass man auf alles vorbereitet sein muss, um sich wenn möglich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Vorsicht ist besser als Nachsicht - ganz ohne Panik.
Darwins Affe 08.12.2018
4. Apokalypse?
1) Der Hang zur Apokalypse der Deutschen besteht angeblich seit dem 30jährigen Krieg und wird von manchen Parteien trefflich befeuert (Überfremdung, Euro, Klima, Trump etc.). 2) Das politische Klima in D wird zunehmend vergiftet: Es geht immer weniger um vernünftige (und realistische) Lösungen, sondern um Ideologie --- wobei jeder den anderen als moralisches Ungeheuer darstellt. Der Abstieg der SPD und Aufstieg von AfD und Grünen sind symptomatisch. 3) Frau Berg, vielleicht gibt es (in ihrer Wahlheimat) bei uns diese Probleme nicht so sehr, weil wir die Volonté générale nicht unbedingt einigen Parteibonzen überlassen. Vielleicht liegt`s auch daran, dass wir vier gleichberechtigte Sprachgemeinschaften haben und uns schon 1291 die Freiheit erkämpften.
Erythronium2 08.12.2018
5.
Ich bin vor allem ganz froh, in einem Land zu leben, in dem die revolutionäre Tradition nicht so stark entwickelt ist und in dem auch deshalb ganz sicher keine gewalttätigen Gelbwesten auf der Straße herumlaufen. Nachrichten aus exotischen Ländern mögen eine nette Sache sein, sind aber nur als Beimischung brauchbar. Und Apokalyptisches wird sich hoffentlich nicht ereignen. Für Presseprodukte möchte ich eher nicht noch mehr bezahlen, zumal mich das maßgeblich von deutschen Verlagen durchgepeitschte europäische Leistungsschutzrecht sehr geärgert hat und ich sowieso schon Abonnent des gedruckten SPIEGEL bin. Aber eine größere Spende für die DUH kann ich mir im kommenden Jahr gut vorstellen, da diese Leute nämlich auch meine Interessen vertreten, nicht aber die Grenzwerte-Erhöher und Fahrverbotsverhinderer von der CDU. Aber Panik ist in jedem Fall schlecht.
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