Überraschende Entlassung RTL-Chef Conrad muss gehen

Nach nur vier Monaten hat sich der Kölner TV-Sender RTL von seinem Geschäftsführer Marc Conrad getrennt. Offizielle Gründe nannte der Sender nicht, aus gut informierten Kreisen hieß es, er habe in seiner Zeit zu wenig bewegt. Conrads Posten übernimmt erneut der Chef der RTL-Group, Gerhard Zeiler.


RTL-Chef Conrad: Aus nach vier Monaten
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RTL-Chef Conrad: Aus nach vier Monaten

Hamburg - Marc Conrad hatte die Verantwortung für den Sender erst am 1. November 2004 übernommen, doch nun soll schon wieder Schluss sein mit der RTL-Karriere des 44-jährigen, teilte der Kölner Privatsender heute mit. Conrad war zuvor als selbständiger TV-Produzent tätig, kennt RTL aber noch aus den Anfangstagen, als er unter RTL-Chef Helmut Thoma als Programmchef diente und unter anderem Erfolgs-Sendungen wie "Tutti Frutti" durchsetzte.

Über die Gründe für Conrads vorzeitige Entlassung kann nur spekuliert werden. Für Missstimmung und Kritik in den eigenen Reihen hatte in den vergangenen Wochen gesorgt, dass Conrad, der als Hoffnungsträger betrachtet wurde und den Sender aus seiner derzeitigen Quotenschwäche führen sollte, bisher kein schlüssiges Konzept für eine Umgestaltung des Sendekonzepts vorgelegt hatte.

Offiziell will RTL nichts über den überraschenden Abgang Conrads sagen, in Senderkreisen heißt es jedoch, der Druck sei vor allem aus der nervösen werbetreibenden Industrie gekommen. Im Januar, drei Monate nach Conrads Antritt, blieb RTL erneut unter 16 Prozent Marktanteil bei der entscheidenden Zuschauergruppe der 14- bis 49-Jährigen, der schlechteste Jahresauftakt für den Sender seit zehn Jahren. Gespannt zeigten sich Mediaplaner und Werbekunden, wohin Conrad den ehemaligen Marktführer steuern will, doch der ließ außer ein paar allgemeinen Floskeln über den Niedergang des anspruchsvollen Fernsehens kaum etwas Konkretes verlauten. Thomas Koch von den Mediaplanern TKM Starcom sagte Anfang Februar in der "Financial Times Deutschland": "Wir wissen nicht, wo RTL hin will, und unser Eindruck ist, dass RTL es selbst nicht so genau weiß", sagte er dem Blatt. "Alle Anzeichen sprechen für eine gewisse Hilflosigkeit bei RTL."

Neuer und alter RTL-Chef: Gerhard Zeiler mit Vox-Chefin Schäferkordt, Super-RTL-Chef Claude Schmit und n-tv-Chef Johannes Züll, v.l.
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Neuer und alter RTL-Chef: Gerhard Zeiler mit Vox-Chefin Schäferkordt, Super-RTL-Chef Claude Schmit und n-tv-Chef Johannes Züll, v.l.

Erst vor zwei Tagen hatte der Evangelische Mediendienst (EPD) das erste große Interview mit Conrad nach seinem Antritt bei RTL veröffentlicht, in dem der Senderchef die Hinkehr zu einer "gewissen Ernsthaftigkeit" bei RTL ankündigte. Programminnovationen seien aber erst im nächsten Jahr in Sicht, so Conrad. Zu spät, zu schwammig, wurde intern kritisiert. "Man hatte den Eindruck, er ist gar nicht in der Geschäftsführung angekommen", hieß es laut dpa in unternehmensnahen Kreisen. Eine kaufmännische Vision als entscheidender Lenker innerhalb der deutschen Senderfamilie habe er nie entwickelt.

RTL verfügt derzeit zwar über ein paar Quotenhits wie die "Super-Nanny", in den letzten Monaten waren jedoch gleich mehrere Programme gefloppt, darunter die Skisprungübertragungen und groß beworbene Shows wie "Big Boss" und "Bachelorette" oder die OP-Serie "Beauty Queen".

Die RTL-Geschäftsführung übernimmt zunächst wieder Conrads Vorgänger und Chef der RTL-Group in Luxemburg, Gerhard Zeiler. Zeilers Stellvertreterin wird Anke Schäferkordt, bisher Geschäftsführerin des Senders Vox. Die 42-jährige Managerin werden laut RTL künftig die Direktionen Finanzen, Technik, Information und Medienpolitik, das Generalsekretariat, die Vermarktungsorganisation IP sowie die Vox-Geschäftsführung unterstehen. Weiter soll sie für die Beteiligungen der RTL Group an den Sendern n-tv und Super RTL verantwortlich sein. Schäferkordt hat dem einstigen Problemkind Vox mit einem geschickten Mix aus US-Lizenzware und Eigenproduktionen Profil verliehen und den Sender in die Gewinnzone geführt.

"Marc Conrad ist ein herausragender Fernsehmacher und Kreativer", sagte Zeiler in einer offiziellen Mitteilung. "Ich danke ihm für die vielfältigen Anregungen in den vergangenen drei Monaten. Dass wir beschlossen haben, die Zusammenarbeit in der bestehenden Form nicht fortzuführen, bedeutet nicht, dass wir nicht auch künftig zusammenarbeiten werden." Die Trennung hätten Zeiler und Conrad gemeinsam beschlossen, hieß es.



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