Überwachung Die wissen doch sowieso alles

Wer sich nichts zuschulden kommen lässt, muss auch nichts befürchten. Der kann locker bleiben angesichts Drohnen, Kameras und Smartphone-Überwachung. Frohes Fest!

Überwachungskamera in Berlin
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Überwachungskamera in Berlin

Eine Kolumne von


Ist es exponentielles Wachstum, das diese prächtige Zahl hervorgebracht hat? Die 300 reichsten Schweizer besitzen heute 674.000.000.000 Franken. Das sind über 60 Milliarden mehr als im Vorjahr. Das nullgewordene Lob des Fleißigen! Das Überleben des Fittesten. Aber who cares. Es gab schon immer die da oben und den Rest. Der französische Ökonom Thomas Piketty verkündete jüngst, was wir ohnehin schon wissen: Die Welt wird immer ungleicher. Überraschung!

Im Jahr 2050 wird das reichste Tausendstel so viel besitzen wie die globale Mittelschicht zusammen. Vermutlich wird es schneller gehen. Den Steuergeschenken sei Dank, die von den marktfreundlichen Neurechten oder altkonservativen Regierungen verabschiedet werden. Nun ja. Keiner hat uns eine gerechte Welt versprochen.

Wäre da nicht das kleine Problem, dass gravierende Ungleichheit des Besitzes immer zu gesellschaftlichen Spannungen führt. Zu Aufständen, Streiks und Bürgerkriegen. Denken wir nur an die Französische Revolution. Hoch unerfreulich, eine wahre Shoppingspaßbremse, so eine Revolution. Was tun, um dem vorzubeugen? Sehen wir uns an, wie China das Problem der eventuell aufkommenden Unzufriedenheit von einer Milliarde Mitbürgern löst, so kann das durchaus einen Vorbildcharakter haben: die komplette Überwachung.

Fleißbienchen-System

Endlich möglich durch die künstliche Intelligenz und den Segen der biometrischen Gesichtserkennung. Jeder Bürger jedes Landes ist an fast jedem Ort auffindbar, sichtbar, die intimsten Daten einsehbar. Herr Meier, 55, homosexuell, keine Vorstrafen, neigt zum Querulantentum, überquert die Straße bei Rot. Herrn Meiers Gesicht leuchtet sofort auf einem elektronischen Billboard auf. Das gibt einen Sozialpunkt Abzug.

Das System der Bürgerpunkte, so etwas wie Fleißbienchen, stößt auf große Begeisterung. Mit gutem, marktkonformem und sozialem Verhalten kann jeder Pluspunkte sammeln, die über Reisen ins Ausland, Warmwasser und schnellere Bearbeitung von Anträgen entscheiden. Smart. Chinesen halt. Die sind weit weg und Kommunisten.

Obwohl - je homogener, konservativer die Regierung, desto bereitwilliger eifern sie dem chinesischen Vorbild nach. Das ungestörte Wachstum fest im Blick. Schwamm über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 12 - der Schutz der Privatsphäre. Denn die Überwachung erfolgt zum Schutz der Bürger. Und der Bürger hat ANGST.

Das hat er gelernt. ANGST zu haben, vor Terror, der trotz Überwachung stattfindet. Es leuchtet dem Bürger ein, dass er oder sie, um einen schrecklichen Terroranschlag zu verhindern, sein Leben transparent macht. Seine Mails, seine Leberwerte, seine sexuellen Vorlieben, seine Gespräche, seine Kontobewegungen. Die wissen ja eh alles.

Zum Wohle der Bürger

In Österreich heißt es jetzt für Querulanten mal schön Obacht geben, denn kaum im Amt, beschließt die neue recht-rechte Regierung, die nun Militär, Polizei und Geheimdienst vorsteht, den Ausbau der Kontrolle, zum Wohle der Bürger. Denn - die haben nichts zu verbergen.

In Deutschland wird für einen trägen Staatsapparat jede Gesetzesänderung, die die Freiheit der Bürger beschneidet, in auffälliger Geschwindigkeit verabschiedet. Aber das ist kein Problem. Wenn man sich nichts zuschulden kommen lässt. Und es ist doch geselliger, mit dem Staatsschutz zusammen Youporn zu schauen.

Macht nichts. Ihr Smartphone, anderes Wort für tragbares Überwachungsgerät, weiß, wo Sie warum sind, es hört Ihren Gesprächen zu. In Berlin und Zürich nimmt der Passant erfreut an biometrischen Experimenten teil.

Die Angst

Wird schon gut gehen. Wir haben ja eine Demokratie. Egal, ob die gerade rechts oder links dominiert ist. Egal, ob wir in einem Jahr in einem kommunistischen oder faschistischen System leben werden. Die Angst. Sie wissen schon. Und vielleicht gibt es ja auch bald weltweit diese großartigen Fleißpunkte.

England entwickelt mit den Karma-Punkten ein Belohnungs- und Bestrafungssystem dem chinesischen Vorbild folgend, und das ist gut so. Der Bürger wird sich ordentlich benehmen. Nicht bei Rot über die Ampel gehen. Seinen Müll trennen. Nicht in der Wohnung rauchen, keinen Geschlechtsverkehr in Ufernähe ausüben. Sich kontrollieren. Sich kontrollieren lassen. Und die kleinen Fehler des Systems. Die Fehlerquoten sind fast minimal.

Da verwechselt man schon mal einen Unschuldigen mit einem gesuchten Mörder.

Vielleicht sind wir bald schon einen Schritt weiter und haben eine unparteiische AI-Regierung.

Und eine Bevölkerung, die das Beste aus sich herausholt. Denn der Beste überlebt. Vielleicht. Haben Sie ein frohes Fest. Reden Sie deutlich, zeigen Sie beherzt Ihr Gesicht, und frohes Surfen im Netz. Es wird alles gut.

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insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
Ein_denkender_Querulant 23.12.2017
1. Ich habe nichts zu verbergen!
Es ist ein Drama was in der Welt passiert und wie bereitwillig die Menschen alles von sich Preis geben. Alleine schon, angemeldet im SPON- Forum an politischen Umfragen teilzunehmen ist "wahnsinn", denn wer weiß, wann die Daten von wem ausgewertet werden?
Actionscript 23.12.2017
2. Sie beschreiben in ihrer Kolumne
sehr schön, wie Diktaturen (China) funktionieren oder wie man die Demokratie schrittweise abbaut. Totalüberwachung eines jeden zu welchem Zweck auch immer und Demokratie passen nicht zusammen, Auswahlüberwachung schon.
Outdated 23.12.2017
3. Die Gedanken sind frei!
War einmal. Wenn noch nicht heute heute, dann ist es schon bald so, das man all ihre Gedanken, Gesinnungen, beurteilen kann. Man mache sich nichts vor, die absolute Diktatur wird kommen, wenn wir uns nicht von diesem Zeug trennen.
gersois 23.12.2017
4.
Dank Groko und Fraktionszwang ist es ja auch kein Problem, die Freiheiten der Bürger einzuschränken. Das Parlament ist eine Ja-Sage-Maschine geworden, Debatten sind nicht nötig. Bestenfalls hilft noch etwas das Bundesverfassungsgericht - einige Jahre später.
schwarzeliste 23.12.2017
5. U8
Die Chinesen übertreiben es sicherlich. Aber ich weiß nicht, fahren sie regelmäßig mit der U-Bahn? Ich fahre ständig mit der U8 in Berlin, der „gefährlichsten U-Bahn-Linie Deutschlands“. Ich bin dort selbst schon Zeuge einer gefährlichen Körperverletzung geworden. Und ich fühle mich wesentlich wohler, wenn dort Videoüberwachung stattfindet, als wenn nicht. Das heißt nicht, dass nichts passiert und hat nichts mit Terrorismus zu tun. Sondern damit, dass ich weiß, dass, wenn etwas passiert, die Täter dank Videoüberwachung so gut wie immer geschnappt werden, und das ist mir sehr wichtig. Was das Internet etc. angeht, so muss man sagen, dass so gut wie alle Menschen dort freiwillig sehr viel Daten preisgeben und damit nicht wirklich ein Problem haben. Ich würde dieses Phänomen aber nicht als Überwachung oder Kontrolle bezeichnen.
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