Überwachung Der Staubsauger hört mit

Sie wollen die Kontrolle über Ihre Privatsphäre zurück? Erster Schritt: Geben Sie sie nicht einfach weg! Bald ist ja eine Wahl, da kann man auch über digitale Themen mitentscheiden.

Pilotprojekt zur Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz
DPA

Pilotprojekt zur Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz

Eine Kolumne von


Hurra, ab Herbst werden im Flughafen Zürich die ersten Check-ins mit biometrischer Gesichtserkennung eingeführt. Super - seit vergangener Woche greift das neue Nachrichtengesetz in meiner kleinen Wahlheimat, das die totale Überwachung der Bürger gestattet.

Verwanzung, Abhören von Telefonaten mit Spähware, Rechner infizieren, wenn Terrorgefahr oder Gewaltbereitschaftsgefahr besteht. Wann die besteht, entscheidet eine Richterin.

Der oder die Überwachte wird eventuell erst nach Beendigung der Überwachung informiert. Oder auch nicht. Schau'n wir mal. Für die vollkommene Auflösung der Privatsphäre sind wir selbst verantwortlich. In einer Abstimmung hat das Schweizer Volk mehrheitlich erfreut für seine eigene eventuelle Vollüberwachung gestimmt. Süß. Der Terror, Sie wissen schon. Besonders in der Schweiz, dem von islamistischen Terroranschlägen gebeutelten Land, eine große Gefahr.

Die viel größere Gefahr besteht allerdings in der Ungewissheit, was eine Richterin, oder auch im Vorfeld der Schweizer Geheimdienst, für gefährlich hält.

Langt es bereits, wenn man in einer Mail an einen Freund das Wort Bombe erwähnt, damit die Suchalgorithmen anspringen? Reichen Witze im SMS-Verkehr, in dem man jemandem den Tod wünscht? Dem Schwiegervater zum Beispiel, oder Trump? Was ist das große unklare Gefährderpotenzial, das ausreicht, um in der eigenen Wohnung beobachtet, abgehört zu werden, jeder Briefwechsel gelesen, die Nacktbilder begutachtet, die Kontostände, der Besuch der Pornoseiten dokumentiert.

Wie gut sind die Algorithmen wirklich, die das Leben der Menschen, Tausender vielleicht, oder Millionen, durchleuchten? Irren sie sich? Kommt dann ein Transportwagen, die U-Haft, und wie sieht so ein Prozess aus? Wie erklärt man irgendwelche blöden Witze in einer Mail an die Freundin von vor einem Jahr? Wie erklärt man das Gespräch, das das Mobiltelefon ohne dein Wissen aufgenommen hat, als man mit seinem Partner einen Horrorfilm gesehen hat und ihn kommentierte?

Wie kommen wir aus dieser Nummer wieder raus?

Wie kommt man aus dem Knast wieder raus, wenn doch kaum einer sich an alle Gespräche, Mails, SMS erinnern kann, die man während eines Jahres so abgelassen hat? Die Schweizer haben der Überwachung zugestimmt, weil sie ihrer Regierung so sehr vertrauen wie zum Beispiel die Schweden, die sich auf funny Partys Chips einsetzen lassen, um ihre Überwachung auch dann zu gewährleisten, wenn sie ihren Pass, biometrisch natürlich, zu Hause gelassen haben.

Speziell traurig. Aber auch für alle anderen gilt - wie kommen wir aus dieser Nummer wieder raus? (Wählen hilft!). Wie bekommen die Bürger die angenommene Kontrolle über ihr Leben zurück, bei all den Siris und Alexas, die gehackt werden, den Staubsaugern, die dem Kühlschrank Anweisungen geben, der Kontrolle, die einige begeistert mit Fitnesstrackern an ihre Krankenkasse liefern.

Hilft es, alles wieder auf 1.0 zu setzen, die Stecker zu ziehen, und macht man sich damit erst recht verdächtig? Wie bekommt man sein Leben zurück, wenn alle Transportmittel nur mehr mit Gesichtserkennung funktionieren, der Chip im Arm mit der Kryptowährung auf dem Konto verbunden ist, der mit dem Staatsschutz verbunden ist. Das smarte Haus sich nicht öffnen lässt, weil man über eine rote Ampel gefahren ist, der Flieger ohne einen fliegt, weil jemand den biometrischen Zugang gehackt hat, oder man eben einfach ein Gefährder ist. Und was geht Sie das alles an, in Deutschland oder Österreich?

Tja - keine Ahnung. Man kann sich ja benehmen. Kontrollieren, was man schreibt und welche Fotos man macht, was man in seiner Wohnung redet, mit wem man Sex hat. Besser ist das, weil sich zu schützen, gelingt den wenigsten.

Man kann sich überlegen, was für eine Kunst man macht, oder auch nur, was man sich im Netz ansieht. Ob man Alkohol trinkt, Drogen nimmt, ausreichend Sport treibt, korrekt die Steuer zahlt, die Ampel überquert, sich ans Tempolimit hält, sein Konto nicht überzieht, seine Nachbarn grüßt, was man kauft und wie oft und, hey, - die gute Nachricht: Es gibt jetzt Drohnen mit Greifarmen. Geil!

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
unky 16.09.2017
1. Liebe Frau Berg, ...
... ich sehe das Problem genau so wie Sie. Aber ich habe keine Hoffnung, dass dieser Prozess - von wem auch immer - aufgehalten wird. Eine Mehrheit, wie ja auch in der Schweiz, begrüßt diese Entwicklung. Wahrscheinlich ohne zu begreifen, dass mit diesen digitalen Werkzeugen der totale Überwachungsstaat nur noch eine Frage der Zeit ist. Wir verteidigen damit aber nicht unsere Freiheit, sondern beenden sie freiwillig. Und wer nun meint, er habe ja nichts zu verbergen - dem sei gesagt: Was Du zu verbergen hast oder nicht zu verbergen hast, das entscheidet der Staat!
noch_ein_forenposter 16.09.2017
2. Liebe Frau Berg
Da kann ich Ihnen nur absolut zustimmen. Leider scheinen die jüngeren Generationen da deutlich weniger Probleme mit zu haben. Ich kenne da leider nur sehr wenige Ausnahmen. Siehe auch WeChat in China, da habe ich einige Verwandte. Mir jedenfalls wird niemand einen Chip implantieren. Zumindest nicht mit meiner Zustimmung.
beob_achter 16.09.2017
3. Willkommen in der Gegenwart,
Frau Berg. Nun, man kann bezüglich seiner "Spielzeuge" und seines Kommunikationsverhaltens das weiterführen - oder wieder ausgraben - was man in der Zeit vor Snowden betrieben hat. Damals arglos und relativ sorglos - heute nehmen die Angriffe massiv zu! Niemand braucht ein "Haushaltsgerät" oder eine "Smart" Home Anlage zu kaufen: Es gibt weiterhin anonyme Staubsauger und gewöhliche Sicherheitsschlüssel, Rolläden & Co., die über das Internet nicht angreifbar sind. In Supermärkten wird man immer stärker erfaßt, wenn man mit seinem Mäusekino dort herumläuft - auch das kann man abschalten, oder man nimmt den Akku heraus, wenn das möglich ist. Im Öffentlichen Raum ist man den Begierden der Sammler schutzlos ausgeliefert, es sei denn, man tarnt sich. Also bleibt man besser zu Hause und liest SPON. Verweigerung ist das "Hausmittel"...
oldskool 16.09.2017
4. Liebe Frau Berg,
Solange sie nichts zu verbergen haben, ist doch alles gut, sagt zumindest der gemeine Bürger. Solange die Sicherheit gewährleistet ist, selbstverständlich. Bitte mehr Überwachung. In so exorbitant unsicheren Zeiten... Haben Sie denn etwa keine Aaaangst? Sie müssen Angst haben, sonst kommt vielleicht noch jemand auf die Idee, das ganze Thema könnte übertrieben sein - naja, der Richter wird's schon richten :)
dr.joe.66 16.09.2017
5. zwei Fragen, die sich jeder beantworten muss
1. Frage: ist die kommende Total-Überwachung oder -Transparenz jetzt gut oder schlecht? Wer das Buch "The Circle" liest und den Film "The Circle" sieht, wird einigermaßen fassungslos sein, dass der Film gut ausgeht und das Buch schlecht ausgeht. Warum nur hat Hollywood daraus ein Happy End gemacht? In einem anderen Buch wird davon geschrieben, dass Menschen, die sich nicht das entsprechende Zeichen an die rechte Hand oder die Stirn machen lassen, nichts mehr kaufen oder verkaufen können. Und warum beschreibt das besagte Buch das Zeichen als böse, als negativ? Bei dem Buch handelt es sich übrigens um die Bibel: Off. 13, 16-17, geschrieben vor fast zweitausend Jahren. Wie kann der Autor dieses Buches damals schon ahnen, mit was wir uns heute herumschlagen würden?? 2. Frage: Wie sicher sind wir, dass unser Staat, Deutschland, die EU oder die Schweiz auch in Zukunft noch freiheitlich sind? Und was passiert, wenn sich das ändert? Anders gefragt: Hätte man 1928 dem erfolgreichen Kunstgroßhändler Blumenreich in der blühenden Republik-Hauptstadt Berlin gesagt, dass sein Geschäft 10 Jahre später liquidiert wird, und er und seine Familie vergast werden, hätte er das geglaubt? Oder hätte er die Warnung als Spinnerei abgetan? Was glauben wir?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.