Angeblicher Terrorverdacht Putins Geheimdienst hält ukrainischen Regisseur fest

Auf der Krim greift der russische Geheimdienst hart durch gegen Dissidenten: Der Regisseur Oleg Sentsov wird in Simferopol vom russischen Geheimdienst festgehalten. Der Vorwurf lautet Terrorismus, ihm drohen zehn Jahre Haft.

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Regisseur Sentsov: Vorwurf der "Teilnahme oder Organisation eines Terroraktes"
Corbis

Regisseur Sentsov: Vorwurf der "Teilnahme oder Organisation eines Terroraktes"


Die Mitarbeiter des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB klopften nachts an der Tür von Oleg Sentsovs Wohnung auf der Krim. Der 37-Jährige ist als Regisseur über die Grenzen der Ukraine hinaus bekannt, Sentsovs nächster Film sollte in Deutschland mitproduziert werden. Sentsov hatte die Maidan-Revolution unterstützt und die Annexion der Krim kritisiert.

Als die Geheimdienstler ihn abholten, schaffte er es noch, eine SMS an eine Freundin zu schicken. Dann fuhr ihn der FSB in sein Hauptquartier auf der Krim. Seitdem blocken die Behörden jeden Kontaktversuch ab. Es heißt, dem Regisseur Sentsov werde die Organisation eines Terroranschlags vorgeworfen.

"Sentsov war auf der Krim bekannt als aktiver Unterstützer des Euro-Maidans. Er ist immer wieder nach Kiew gefahren, um gegen Janukowitsch zu demonstrieren", sagt Jewgenija Wradij, Regisseurin und enge Freundin von Sentsov aus Simferopol, SPIEGEL ONLINE. Zum Referendum über die Abspaltung der Krim von der Ukraine organisierte Sentsov eine Demonstration für eine "geeinte Ukraine". Nach der Angliederung an Russland half er Angehörigen ukrainischer Soldaten dabei, auf das Festland zurückzukehren.

Russische Internetseiten behaupten nun, Sentsov sei Mitglied der radikalen Nationalistengarde "Rechter Sektor" gewesen. Er habe einen Terroranschlag vorbereitet, bei seiner Festnahme am 12. Mai sei er im Besitz von Sprengstoff gewesen. Vor einigen Tagen hatte Dmytro Jarosch, Führer des "Rechten Sektors" und Präsidentschaftskandidat, tatsächlich im ukrainischen Fernsehen dazu aufgerufen, auf der Krim einen "Partisanenkrieg" zu entfesseln.

Sentsovs Vertraute Wradij sagt, er habe nie etwas mit dem "Rechten Sektor" zu tun gehabt. Sentsov habe lediglich in der nächsten Zeit nach Kiew fahren wollen, um Verhandlungen mit einem TV-Sender über die Ausstrahlung seines Films zu führen.

"Regime wird zur Diktatur"

Der russische Anwalt Dmitrij Dinse, bekannt geworden als Verteidiger der Aktivisten von Pussy Riot und der Künstlergruppe Woina, hat nun Sentsovs Verteidigung übernommen. Er habe zwar noch keine Dokumente gesehen, jedoch habe der zuständige Ermittler ihm mitgeteilt, dass der Vorwurf gegen Sentsov "Teilnahme an oder Organisation eines Terroraktes" laute. Darauf stehen in Russland mindestens zehn Jahre Haft.

Sentsov gilt als aufstrebendes Talent. Sein erster Film "Gaamer" über einen spielsüchtigen Jungen war international auf Filmfestivals erfolgreich, unter anderem 2012 in Rotterdam. Er ist alleinerziehender Vater. Um seine beiden Kinder kümmert sich momentan Sentsovs Schwester.

"Im März sollten eigentlich die Dreharbeiten seines neuen Films beginnen, dann haben wir sie wegen der politischen Lage auf den Sommer verschoben", sagt Filmproduzentin Christine Haupt, die Sentsovs neuen Film "Rhino" produziert. Finanziert wird der Film unter anderem vom Medienboard Berlin-Brandenburg, das in einer Erklärung die sofortige Freilassung Sentsovs forderte.

Dem schloss sich die European Film Academy (EFA) an. Die EFA-Vorsitzende Agnieszka Holland erklärte: "Jedes Mal, wenn Künstler von einem politischen Regime unterdrückt werden, wird dieses Regime zu einer Diktatur." Aber auch russische Kollegen machen sich für Sentsov stark: Der Verband der Filmschaffenden Kinosojuz forderte vom FSB in einem offenen Brief die sofortige Freilassung des Regisseurs.

Kein Einzelfall

Die Lage für proukrainische Aktivisten ist auf der von Russland annektierten Halbinsel schwierig. Sentsovs Unterstützer erinnern daran, dass der FSB in den vergangenen Tagen neben Sentsov auf der Krim zwei weitere proukrainische Aktivisten festgesetzt hat. Die beiden warten ebenso wie Sentsov in Simferopol auf die Anklage.

Dem Führer der proukrainisch eingestellten Krimtataren, Mustafa Dschmelijew, wird seit Wochen die Einreise auf die Krim verweigert. Am Sonntag wurde ein krimtatarischer Journalist in Simferopol von Unbekannten festgenommen, nachdem er mit einem Kamerateam über eine Demonstration zum Gedenken an die Deportation der Krimtataren durch Stalin berichtet hatte. Die Journalisten wurden ausgeraubt und geschlagen, jedoch nach vier Stunden wieder freigelassen.

Andererseits behindert die Ukraine seit Wochen gerade russische Journalisten bei der Arbeit, insbesondere durch Einreiseverbote. Am Sonntag wurde zudem bekannt, dass der ukrainische Geheimdienst in der Nähe der umkämpften Stadt Kramatorsk zwei Journalisten des russischen Senders Lifenews festgenommen hat. Die stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrats Wiktorija Sjumar verdächtigt die beiden der "Beihilfe zum Terrorismus". Sie wurden angeblich zusammen mit einer Gruppe Bewaffneter aufgegriffen, die einen Angriff auf die ukrainische Armee planten. Inzwischen sind die beiden Journalisten zum Verhör nach Kiew gebracht worden.

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Kontraste35 20.05.2014
1.
Putins Regime verliert weiter an Legitimation und isoliert sich. schade für ein Land wie Russland mit großern Leistungen für die europæische kunstund kultur
kleinMischa 20.05.2014
2. Danke
Für das Schweigen von festgenommenen Journalisten durch die ukrainische Armee ;) Mitlerweile sitzen 3 russische Journalisten und ein Engländer fest. "Mitte Mai nahm die ukrainische Nationalgarde nahe der umkämpften Stadt Kramatorsk die Reporter Oleg Sidjakin und Marat Sajtschenko des russischen Senders LifeNews wegen Verdachts auf „Terrorismus“ fest. Trotz der Appelle aus Moskau und von der OSZE wurden die Reporter bisher nicht freigelassen." uuuu scheiß auf die. Krim ist interessanter ;D
juergw. 20.05.2014
3. Nun,ja ,dafür hat sich Kiew..
Zitat von sysopCorbisAuf der Krim greift der russische Geheimdienst hart durch gegen Dissidenten: Der Regisseur Oleg Sentsov wird in Simferopol vom russischen Geheimdienst festgehalten. Der Vorwurf lautet Terrorismus, ihm drohen zehn Jahre Haft. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ukraine-regisseur-von-russischem-geheimdienst-festgenommen-a-970506.html
den Britischen Reporter Graham Philips gegriffen,der für RT arbeitet.Scheinbar für Journalisten zur Zeit gefährliche Gegend, die Ukraine....
harald_haraldson 20.05.2014
4. Die nächste Pussy Riot
wird durch´s Dorf getrieben; natürlich selbst vollkommen unschuldig und Putin hat es wieder höchstpersönlich angeordnet.. *gähn*
gievlos 20.05.2014
5. Danke!
Zitat von kleinMischaFür das Schweigen von festgenommenen Journalisten durch die ukrainische Armee ;) Mitlerweile sitzen 3 russische Journalisten und ein Engländer fest. "Mitte Mai nahm die ukrainische Nationalgarde nahe der umkämpften Stadt Kramatorsk die Reporter Oleg Sidjakin und Marat Sajtschenko des russischen Senders LifeNews wegen Verdachts auf „Terrorismus“ fest. Trotz der Appelle aus Moskau und von der OSZE wurden die Reporter bisher nicht freigelassen." uuuu scheiß auf die. Krim ist interessanter ;D
für das gründliche lesen des Artikels. Denn am Ende wird genau davon geschrieben.
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