Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Thinking Together"-Kongress in Kiew: Der interessanteste Ort der Welt

Aus Kiew berichtet

Intellektuelle in Kiew: Noch einmal an der Front Fotos
REUTERS

Wie geht es weiter nach der Revolution? In Kiew versammelte der US-Historiker Timothy Snyder Intellektuelle, um über die Zukunft der Ukraine und Europas nachzudenken.

Barrikaden sehen eigenartig aus, wenn sie stehen bleiben, obwohl die Straßenkämpfe längst vorbei sind. Es gibt noch eine Menge Reifenhaufen, die im Stadtzentrum von Kiew einfach liegen geblieben sind, es riecht auch immer noch verbrannt, was allerdings genauso mit den vielen improvisierten Öfen der Maidan-Besetzer zu tun haben kann, wie mit der ausgebrannten Ruine des Gewerkschaftshauses mitten in der Stadt.

Die Revolution von Kiew ist vorbei, den Maidan gibt es noch immer. Und er hat etwas Tragisches. Seine Besetzer sind noch da, in vielen Dutzend Zelten leben sie hier, wenn es in Kiew Touristen gäbe, wären sie wohl eine Touristenattraktion. So sind sie einfach Übriggebliebene.

Denn wer ein Leben hat, dürfte längst dorthin zurückgekehrt sein. Wer heute auf dem Maidan lebt, hat einfach nichts, wohin es sich lohnt zurückzukehren. Es sind die Übriggebliebenen, die Traumatisierten. Sie hatten die beste Zeit ihres Lebens hier - und die schlimmsten Tage. Sie haben hier erfahren, wie es sich anfühlt, wenn das Leben einen Sinn hat. Daran halten sie sich fest. Dafür schlafen sie weiter auf Feldbetten, essen aus Büchsen, tragen ihre Fantasieuniformen und achten auf die Fotos der Toten, die überall hängen.

Jungbrunnen für ältere Männer

"Thinking Together" hieß der Kongress, den der amerikanische Historiker Timothy Snyder vom vergangenen Donnerstag bis zum heutigen Montag in Kiew organisiert hatte, eine große Veranstaltung, für die Intellektuelle und Aktivisten aus den USA, der EU, der Ukraine und Russland gekommen waren. Sie fand nur wenige hundert Meter vom Maidan entfernt statt - und natürlich kreiste sie immer wieder um das Erbe der Kämpfe dieser Männer. Ist der Aufstand vom Maidan die Fortsetzung der osteuropäischen Freiheitsbewegungen? Hat das ehemalige sowjetische System nun Mittel gefunden, erfolgreich zurückzuschlagen? Was hat all das für den Rest Europas zu bedeuten? Die Ukraine sei heute der "wahrscheinlich interessanteste Ort der Welt", sagte Snyder zu Beginn der Konferenz. Da ist was dran.

Snyder ist ein erstaunlicher Mann. In Augenblick dürfte er der wahrscheinlich wichtigste öffentliche Intellektuelle sein, der in Europa aktiv ist. Hartnäckig, freundlich und unnachgiebig hat er die Ukraine, dieses vergessene Land zwischen Ost und West, auf die europäische Landkarte zurückgeholt. Insbesondere in Deutschland, wo man auf die Vergangenheitsbewältigung und das umfassende Wissen über die Verbrechen von Nazis und Wehrmacht im Osten ja ziemlich stolz ist - und nun leicht peinlich berührt feststellen muss, die Ukraine dabei weitgehend übersehen zu haben.

Aus der Geschichte lernen hieß in Deutschland ja bislang fast immer, den Ausgleich mit Russland zu suchen. Snyder hat sein Engagement in Kiew zum Popstar gemacht, nach seinem Eröffnungsvortrag muss er Autogramme geben, was ihm sichtlich peinlich ist.

Ein Problem, das andere gerne hätten. "Thinking Together" ist auch ein Jungbrunnen für ältere Männer. Ob es der französische Intellektuellendarsteller Bernard-Henri Lévy, 66, ist oder die ganze Riege amerikanischer und europäischer Liberaler, von dem "New Republic"-Redakteur Leon Wieseltier, 61, bis zu Wolf Biermann, 77: Der Wunsch ist unverkennbar, noch einmal an der Front dabei zu sein, den guten Kampf zu kämpfen, den Geruch der Barrikaden zu riechen.

Viel interessanter ist, was die Ukrainer zu erzählen haben - typischerweise ein bis zwei Generationen jünger als die Silver-Ager aus dem Westen. Da gibt es etwa Konstantin Skorkin, 34, einen Historiker und Journalisten aus Luhansk im Osten des Landes, er war dort Euromaidan-Aktivist und musste vor vier Wochen nach Kiew fliehen, er fühle sich wie ein Emigrant im eigenen Land, sagt er. Für ihn ist die Situation Teil der großen postsowjetischen Transformation, ein Kampf zwischen Menschen, die sich an ihre Identität als ehemalige Sowjetbürger klammern, und Menschen, die in Europa leben wollen. Wie sein Leben weitergeht, weiß er nicht.

Oder die Soziologin Tatjana Zhurzhenko, 46, die berichtet, wie der Riss dieses Konflikts im Osten der Ukraine quer durch Freundeskreise und Familien geht, wie diese Grenze, die es erst seit 1991 überhaupt als internationale Grenze gibt, gerade zum Ende Europas wird und die Bewohner des Grenzgebiets sich entscheiden müssen. Oder der Schriftsteller Serhiy Zhadan, 40. Sein rasanter Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass" erschien vor anderthalb Jahren in Deutschland und las sich damals, als wäre der Osten der Ukraine etwas ähnliches wie der Westen der USA, ein Abenteuerland, ein Sandkasten der unendlichen Möglichkeiten - nur mit deutschen Panzerwracks unter den Hügeln. Jetzt wird im Donbass gekämpft und Zhadan saß deprimiert auf der Bühne und bekannte, in den vergangenen Monaten den Glauben an die Kultur verloren zu haben, sie habe sich als schwach und nutzlos erwiesen.

Eurasisches Projekt vs. Europäische Union

Eine Erkenntnis zieht sich aber durch alle Panels und alle Diskussionen: Die Europäische Union hat einen Feind, zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Es fällt ihren Bürgern und ihren Institutionen schwer, das zu verstehen, weil ihre Erfolgsgeschichte ja gerade darauf basiert, das Freund-Feind-Denken immer wieder überwunden zu haben. Mit Diplomatie, der Suche nach dem Kompromiss, der Bereitschaft aller Beteiligten, Souveränität abzugeben und dafür Sicherheit zu bekommen.

Dieser Feind ist nicht einfach Wladimir Putin und die russische Militärmacht. Es ist etwas komplizierter. Putin und seine Helfer haben einen durchaus komplexen Gegenentwurf zur Europäischen Union aufgezogen, das Eurasische Projekt, das zugleich Wirtschaftsraum und Wertegemeinschaft ist. Sie basiert auf sozial konservativen Vorstellungen, auf der Idee, dass gegen die umfassende westliche Dekadenz nur die Besinnung auf die sogenannten Familienwerte helfe, dass die Herkunft in Ehren gehalten werden müsse, dass Homosexualität nicht toleriert werden könne.

Auf der einen Seite ist dieser Feind dadurch leicht zu erkennen, er steht ja für einen anderen Zivilisationsentwurf. Auf der anderen Seite eben nicht: Er hat nämlich starke Verbündete in der Europäischen Union selbst, die diversen rechten Parteien und auch manche Linke. Der Feind weiß auch, dass er die Europäische Union nicht besiegen kann, dass seine Kräfte dazu nicht ausreichen. Aber er kann sie schwächen, ihre Mitglieder gegeneinander aufbringen, ihre Kompromisskultur stören. Sie zu sehr zu schwächen, liegt dabei gar nicht in seinem Interesse, er lebt ja von ihr, verkauft ihr sein Gas.

Manchmal allerdings geht es diesem Feind aber auch um die direkte Konfrontation. Die Ukraine ist eines seiner ersten Opfer. Ein Test, wie weit er gehen kann. Sie wird nicht das letzte gewesen sein.

Und die Ukraine selbst? Die Demonstranten des Maidan wollten nach Europa, waren gegen Korruption und forderten ein transparentes politisches System. Nun wird am kommenden Sonntag aller Voraussicht nach ein Oligarch zum Präsidenten gewählt, ein anderer Oligarch entscheidet im Osten des Landes darüber, wie die Zukunft der Grenzprovinzen aussieht. Die große Frage aller Revolutionen, wie sich der Wunsch nach Veränderung in stabile Institutionen übersetzen lässt, die die Veränderung zu garantieren vermögen, ist offen. Trotz der Zelte auf dem Maidan und den Männern, die dort Wache halten.


"Der Krieg findet statt" - Lesen Sie das SPIEGEL-Gespräch mit Timothy Snyder, dem polnischen Schriftsteller Konstanty Gebert und dem ukrainischen Politologen Anton Schechowzow im Heft 21/2014, Seite 117.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. raro
raro 19.05.2014
alles steht zwischen den Zeilen wer sie lesen kann der lese den in ihnen steckt Weisheit
2. Der Feind schäft nie!
t21164a 19.05.2014
"Manchmal allerdings geht es diesem Feind aber auch um die direkte Konfrontation. Die Ukraine ist eines seiner ersten Opfer. Ein Test, wie weit er gehen kann. Sie wird nicht das letzte gewesen sein." Also mein Feind ist das nicht...vielleicht Ihrer Herr Rapp"
3. Keine Touristen auf dem Maidan?
adorfer 19.05.2014
> Seine Besetzer sind noch da, in vielen Dutzend Zelten > leben sie hier, wenn es in Kiew Touristen gäbe, wären > sie wohl eine Touristenattraktion. Ich weiss nicht auf welchem Maidan der Autor des Artikels in den letzten Tagen gewesen ist, aber dort wimmelt es von Touristen. Die sich mit Reifenstapeln, Backsteinhaufen, Öfen, Zelten, aber eben auch mit den übrig gebliebenen Käpfern, den Wasserwerfern und aus ausgebrannten Autowracks fotografieren lassen. Und ja, es ist ist eine ziemlich surreal, dort zwischen den Fotogalierien, den Souvenir-Kitsch-Ständen zu schlendern und dabei von Walking-Acts wie Mickeymouse zum Schnappschuss gedrängt zu werden.
4. Keine Touristen auf dem Maidan?
adorfer 19.05.2014
> Seine Besetzer sind noch da, in vielen Dutzend Zelten > leben sie hier, wenn es in Kiew Touristen gäbe, wären > sie wohl eine Touristenattraktion. Ich weiss nicht auf welchem Maidan der Autor des Artikels in den letzten Tagen gewesen ist, aber dort wimmelt es von Touristen. Die sich mit Reifenstapeln, Backsteinhaufen, Öfen, Zelten, aber eben auch mit den übrig gebliebenen Käpfern, den Wasserwerfern und aus ausgebrannten Autowracks fotografieren lassen. Und ja, es ist ist eine ziemlich surreal, dort zwischen den Fotogalierien, den Souvenir-Kitsch-Ständen zu schlendern und dabei von Walking-Acts wie Mickeymouse zum Schnappschuss gedrängt zu werden.
5. Scheuklappen
acre 19.05.2014
Zitat von t21164a"Manchmal allerdings geht es diesem Feind aber auch um die direkte Konfrontation. Die Ukraine ist eines seiner ersten Opfer. Ein Test, wie weit er gehen kann. Sie wird nicht das letzte gewesen sein." Also mein Feind ist das nicht...vielleicht Ihrer Herr Rapp"
Das geht auch nicht! Für einen Putinversteher kann nur der Westen der Feind sein! Herr Rapp hat Fakten genannt, die in Russland die Zukunftplanung betreffen und nichts anderes.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Krise in Osteuropa: Die wichtigsten Player in der Ukraine

Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ukraine-Reiseseite


Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Russland-Reiseseite


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: