Steuersünder Hoeneß: Der Doppelmoral-Apostel

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Uli Hoeneß: Ein Leben für den FC Bayern Fotos
AFP

Rücktritt kommt nicht in Frage! Gerade als mutmaßlicher Steuerhinterzieher ist Uli Hoeneß der angemessene Repräsentant einer bayerischen Elite, die gerne dem Rest der Welt Vorschriften macht - es bei sich selbst aber nicht so genau nimmt.

Das schafft nur ein begnadeter Spieler: Uli Hoeneß soll mit Börsengeschäften ein hübsches Vermögen auf einem Schweizer Konto zusammenspekuliert haben. Dass er seine Gewinne wohl nicht versteuert hat, bringt ihm nun viel Ärger ein - und möglicherweise ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung.

Die Bewunderer des großen Bayern sind trotzdem milde gestimmt: Jeder Mensch macht doch Fehler, wird zu seiner Verteidigung vorgebracht, etwa in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Und überhaupt: Die anderen sollen mal nicht so tun, als wären sie besser. Bezahlen doch alle ihre Handwerker, Putzfrauen und Autoschrauber schwarz.

Hat er nicht schon genug Steuern gezahlt?

Ja, und hat Uli Hoeneß etwa nicht genug getan für den Staat und die Gemeinschaft? Hat er nicht allein in den vergangenen 20 Jahren weit mehr als 50 Millionen Euro an Steuern bezahlt, wie es die "Süddeutsche Zeitung" berichtet? Hat Hoeneß nicht Millionen für wohltätige Zwecke gespendet, zugunsten von Bedürftigen auf Vortragshonorare und Werbeeinnahmen verzichtet? Kümmert er sich etwa nicht vorbildlich um die FC-Bayern-Familie, lässt keinen gestrauchelten Ex-Spieler hängen, hilft schnell und ohne große Worte?

So argumentieren Hoeneß-Freunde und FC-Bayern-Fans, die sich jetzt auf Facebook oder in Umfragen von Fernsehteams vor dem Vereinssitz in der Säbener Straße zu München über die vermeintliche Hatz auf Hoeneß erregen. Und es stimmt ja auch, was sie sagen.

Das Problem ist nur: Uli Hoeneß selbst tat gerne so, als wäre er besser. Seine in diesen Tagen zahlreich wiedergegebenen Zitate aus Talkshows und Interviews der vergangenen Jahre über Steuerehrlichkeit und Verantwortung für die Gemeinschaft lesen sich heute wie die Aussagen eines Mannes, der entweder dreist die Öffentlichkeit belogen hat - oder der seine eigenen Fehler so erfolgreich verdrängt hat, dass er sich als moralische Instanz inszenieren konnte, ohne sich dabei als Heuchler zu erkennen.

"Ich muss nicht auf die Malediven"

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Unvergessen auch Hoeneß' Rolle bei der Verhinderung des "verschnupften" Christoph Daum als Nationaltrainer. Es ist nicht ohne Ironie, dass "Bild" angesichts der "Börsen-Zockerei" des Bayern nun per Schlagzeile fragt: "Ist Hoeneß süchtig?"

Nun heißt es, Uli Hoeneß müsse als Präsident des FC Bayern zurücktreten. Das will er nicht, und er muss es selbstverständlich auch nicht tun. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt zwar wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung gegen Hoeneß. Ob diese Ermittlungen jedoch schließlich zu einer Verurteilung führen oder Hoeneß mit seiner Selbstanzeige der Strafverfolgung entkommen kann, ist noch völlig unklar. Selbst wenn Hoeneß tatsächlich verurteilt werden sollte, weil die Selbstanzeige unvollständig war oder zu spät kam, würde das noch lange nicht das Ende seiner Karriere beim FC Bayern und in der deutschen Medienöffentlichkeit bedeuten.

Hohle moralische Überlegenheit

Bei jedem anderen Konzern der Größe des FC Bayern wäre ein Steuerhinterzieher als Chef unvorstellbar. Verheerend wäre die Signalwirkung auf Kunden und Mitarbeiter, würde man einen schummelnden Chef gewähren lassen - das Vertrauen der Öffentlichkeit wäre dahin, und die Angestellten würden sich von internen Verhaltensregeln kaum noch beeindrucken lassen.

Doch in Bayern und beim FC Bayern wäre das anders. Als verurteilter Steuerhinterzieher wäre Uli Hoeneß der angemessene und ehrliche Repräsentant einer Elite, die gerne anderen erklärt, nach welchen Gesetzen sie zu leben haben, es bei sich selbst aber nicht ganz so genau nimmt. Hoeneß verkörpert mit dieser Doppelmoral den insbesondere in Bayern noch weitverbreiteten Typus des Patriarchen, der unter der Woche am Familientisch unhinterfragt die Regeln von Zucht und Anstand diktiert, um dann (wenn überhaupt) beim Kirchenbesuch dem Pfarrer seine Verfehlungen zu beichten.

Es ist dieselbe Geisteshaltung, die es auch der Staatspartei CSU ermöglicht, trotz zahlreicher Skandale kaum angefochten seit 1957 Bayern zu regieren. Im Freistaat zählt Stallgeruch und Erfolg mehr als die Frage, ob dieser Erfolg auch regelkonform erlangt wurde. Zuletzt war es der CSU-Mann Karl-Theodor zu Guttenberg, der so lange von Anstand und Ehre schwadronierte, bis man ihm den erschlichenen Doktortitel wegnahm. Die in Bayern gerne zur Schau gestellte, aber im Inneren hohle moralische Überlegenheit und Selbstgerechtigkeit ist das fortdauernde Erbe des bajuwarischen Übervaters Franz Josef Strauß.

Demnächst wieder zu Gast in Talkshows?

Nein, die Bayern werden Uli Hoeneß nicht fallenlassen. Zwar heißt es in der Vereinssatzung, "nur unbescholtene Personen" könnten in den FC Bayern aufgenommen werden. Aber erstens ist Hoeneß ja bereits Mitglied, und zweitens stört es dort offensichtlich auch niemanden, dass der Ehrenvorsitzende des Verwaltungsbeirats Erich Kiesl (CSU) wegen Steuerhinterziehung und Falschaussage vorbestraft ist. Zwar steht auch in der Satzung, jedem Mitglied müsse "in seinem Verhalten zum Club und dessen Mitgliedern Ehre und Ansehen des Clubs oberstes Gebot sein" und man werde "bei unehrenhaftem Verhalten innerhalb oder außerhalb des Clubs" aus dem Verein ausgeschlossen, aber dieser Ausschluss erfolgt durch das Präsidium - also, wenn überhaupt, durch Uli Hoeneß selbst.

Uli Hoeneß scheint sich nicht aus der Affäre ziehen zu wollen, gerade hat er in der "Sport Bild" seinen "schweren Fehler" eingestanden. Er könnte es sich leichtmachen wie der ehemalige Post-Chef Klaus Zumwinkel, von dem nach seiner Steueraffäre nur noch wenig zu hören war. Viel interessanter und lehrreicher wäre es jedoch, wenn Uli Hoeneß demnächst wieder zu Gast in Talkshows wäre - als gestrauchelter Moralapostel, der Demut zeigt. Wenn er diese Rolle glaubwürdig darstellt, wäre Hoeneß wieder das, was er schon am Anfang seiner langen Karriere war: ein begnadeter Spieler.

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insgesamt 203 Beiträge
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1.
zynik 23.04.2013
Zitat von sysopRücktritt? Aber nicht doch! Gerade als mutmaßlicher Steuerhinterzieher ist Uli Hoeneß der angemessene Repräsentant einer bayerischen Elite, die gerne dem Rest der Welt Vorschriften macht - es bei sich selbst aber nicht so genau nimmt. Uli Hoeneß verkörpert das bayerische Patriarchat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/uli-hoeness-verkoerpert-das-bayerische-patriarchat-a-896064.html)
Schöne Zusammenfassung der bayerischen Mentalität. So, und jetzt Helm auf und den shitstorm von rechts überstehen.
2. Noch so ein Apostel
Palmstroem 23.04.2013
Zitat von sysopRücktritt? Aber nicht doch! Gerade als mutmaßlicher Steuerhinterzieher ist Uli Hoeneß der angemessene Repräsentant einer bayerischen Elite, die gerne dem Rest der Welt Vorschriften macht - es bei sich selbst aber nicht so genau nimmt. Uli Hoeneß verkörpert das bayerische Patriarchat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/uli-hoeness-verkoerpert-das-bayerische-patriarchat-a-896064.html)
Auch Peer Steinbrück nutzte den Rat von Uli Hoeneß in seiner Zeit als Finanzminister, wie die Leipziger Volkszeitung berichtet. Dabei soll es auch um das Steuerabkommen mit der Schweiz gegangen sein. Dass nun Peer Steinbrück versucht Abstand zu gewinnen ist wohl nicht verwunderlich - denn mit seinen Beratern als Finanzminister hatte er wohl kein Glück. So gab er auch Millionen für die Beratung durch die Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer aus. Immerhin bekam er dafür ja wieder einige Tausend zurück!
3. Erledigt
sunburner123 23.04.2013
Hoeneß ist erledigt, alles andere wäre ein echter Witz. Bin auch mal gespannt, was beim Adidas Engagement beim FCB im Zusammenhang mit den 20 Mios an Hoeneß noch so rauskommt. Bestechung würde ich dem Raffzahn mittlerweile auch noch zutrauen!!!
4. ????
vincent1958 23.04.2013
Zitat von sysopRücktritt? Aber nicht doch! Gerade als mutmaßlicher Steuerhinterzieher ist Uli Hoeneß der angemessene Repräsentant einer bayerischen Elite, die gerne dem Rest der Welt Vorschriften macht - es bei sich selbst aber nicht so genau nimmt. Uli Hoeneß verkörpert das bayerische Patriarchat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/uli-hoeness-verkoerpert-das-bayerische-patriarchat-a-896064.html)
...Hoeneß wieder in Talk Shows?Ne danke,den feinen Herren möchte ich nicht mehr zu Gesicht bekommen,und sollte er als FCB Präsident nicht zurücktreten,würde ich den Laden mal von der Steurfahndung auseinander nehmen lassen.Der Fisch stinkt vom Kopf....!
5. Das Amigosystem funktioniert
thorsten wulff 23.04.2013
solange der Rest des sogenannten Freistaats weiterläuft. Da da unten genug Kohle vorhanden ist mache ich mir keine Sorgen darüber daß Ehrlichkeit und Transparenz in München zu befürchten sind.
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