Zum Tode Ulrich Becks Die Zukunft ist offen

Wagenburgdenken und Abgrenzung setzte Ulrich Beck das Modell einer offenen, zukunftsgerichteten Weltgesellschaft entgegen. Er war einer der großen deutschen Intellektuellen - den man international noch mehr schätzte als zu Hause.

Ulrich Beck, 2014: Intellektuelles Aushängeschild der offenen deutschen Gesellschaft
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Ulrich Beck, 2014: Intellektuelles Aushängeschild der offenen deutschen Gesellschaft

Ein Nachruf von Romain Leick


Ulrich Beck gehörte wie sonst vielleicht nur noch Jürgen Habermas zu einem im deutschen Geistesleben seltenen Typus: dem öffentlichen Intellektuellen. Dieser public intellectual in der angelsächsischen, aber auch der französischen Tradition war ein Kritiker und Mahner, vor allem aber ein Zeitdiagnostiker.

Er begnügte sich nicht damit, in seinem öffentlichen Wirken Meinungen zu verbreiten und zu verstärken. Er blieb ein der Wissenschaft verpflichteter analytischer Geist, nicht ein behender Thesenschmied in der kurzfristigen politischen Debatte. Auch seine Polemik, wo er sie denn für nötig hielt, etwa im Streit um die richtige Europa-Politik, untermauerte er stets mit Argumenten, die zur inhaltlichen Auseinandersetzung zwangen.

Seine Offenheit und seine Dialogbereitschaft machten ihn umgekehrt auch zugänglich für Gegenargumente, für die er ein offenes Ohr behielt, auch wenn sie aus dem nichtakademischen Bereich stammten. Über seine Texte, gerade über solche, die er in Zeitungen und öffentlichen Medien veröffentlichte, ließ er im ursprünglichen Sinne des Wortes mit sich reden, dankbar für jeden triftigen Einwand. Diese Haltung machte ihn auch international zu einem der am meisten beachteten deutschen Soziologen der Gegenwart.

Kosmopolitische Soziologie

Seine Aufsätze wurden in Großbritannien und in Frankreich womöglich noch aufmerksamer gelesen als zu Hause. Zu dieser Rolle passte sein Versuch, eine kosmopolitische Soziologie zu entwerfen, die den nationalen Rahmen des politischen und gesellschaftlichen Denkens systematisch überwinden sollte. Denn die Moderne, die sich am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer schärfer herausbildete, ist unweigerlich global - auch wenn sie die jeweiligen nationalen und regionalen Kulturkreise nur in zeitlicher Verschiebung erreicht. Die Erschütterungen der nationalen Grundlagen, Institutionen und Selbstgewissheiten treten nicht überall gleichzeitig ein.

Beck untersuchte die Globalisierung als von außen kommenden Wandel im Inneren. Er machte sie empirisch sichtbar in der Veränderungen der Familie, der Berufe, der Religionsgemeinschaften, der sozialen Klassen, der Bildungswege, ja sogar der privaten Liebesbeziehungen, die immer öfter zu Fernbeziehungen werden. Das Globale manifestiert sich im Lokalen, das Allgemeine transformiert das Besondere - die damit einhergehenden Konflikte und ihre Entschärfung steckten Becks Themenfelder ab.

Das moderne Individuum, das keine vorgegebene Ordnung mehr antrifft, braucht statt Emanzipation und Befreiung Kreativität und Selbsterfindung - ein ständiges Tasten im Ungefähren. Der Begriff, mit dem Beck diese Entwicklung moderner Gesellschaften zur Weltgesellschaft am anschaulichsten charakterisierte, war sein zum Schlagwort gewordener Fachausdruck der "Risikogesellschaft" (so der Titel seines bekanntesten Werks, eines in 35 Sprachen übersetzten Bestsellers).

Entgrenzte Risikogesellschaft

Das Risiko ist laut Beck nicht die Katastrophe, die eintritt und die wir erleben und erleiden, sondern deren Vermeidung. Das Mittel dafür ist die vorausschauende, auch berechnende Antizipation künftiger Gefahren, die sich durch präventives Handeln umgehen lassen. Das heißt: Mögliche und wahrscheinliche Katastrophen der Zukunft, etwa in der Umwelt oder im Klima, bestimmen unser gesellschaftliches und politisches Verhalten in der Gegenwart; das Imaginierte - das Noch-nicht-Geschehene - prägt das Reale - das, was gerade geschieht. Die Moderne befindet sich in einem ununterbrochenen Präventivkrieg, mit dem sie Gefahren abwenden will. Diese Risikogesellschaft ist entgrenzt, weil die Herausforderungen, vor denen sie steht, potenziell die ganze Welt gefährden. Die Antworten, die sie sucht, müssen deshalb auch global erarbeitet werden: Konsensfindung im Weltmaßstab. Die Risikogesellschaft funktioniert in internationaler Zusammenarbeit, nicht im freien Wettbewerb der Staaten und Systeme.

Schon deshalb ist für Beck der Neoliberalismus als vermeintlich globale Ideologie der Moderne ein Irrweg, weil ein Widerspruch in sich. Die Risiken, um die es zum Beispiel in der Nutzung der Kernenergie geht, lassen sich weder abschieben noch auslagern, genausowenig übrigens wie die Risiken der Flüchtlingsströme. Das Problem dabei ist, dass die Wahrnehmung globaler Risiken auf der nationalen Ebene höchst unterschiedlich ausfällt.

Die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima veranlasste die Bundesregierung zum überhasteten Ausstieg aus der Kernenergie und zur vorgezogenen Abschaltung von Atomkraftwerken. Andere Staaten, sogar Japan selbst, fahren dagegen fort, in neue Atomkraftwerke zu investieren, da sie die Risiken für sich anders einschätzen - und eben dadurch andere wieder mitgefährden.

Theoretiker des Übernationalen

Die Risikogesellschaft ist eine Gesellschaft der Widersprüche. Das Ergebnis ist weniger ein Zusammenprall der Kultur, wie ihn der amerikanische Politologe Samuel Huntington in seinem Clash of Civilisations prognostiziert hatte, sondern ein Zusammenprall der Risikokulturen (Clash of Risk Cultures). Denn Antizipation und Prävention, so unvermeidlich und überlebenswichtig sie sein mögen, beruhen Beck zufolge immer auf einem Stück Ungewissheit, und das Nichtwissen lässt Raum für Ausflüchte ins Nichtstun. Die Angst ist ungleichmäßig verteilt, sie kann die Seiten wechseln, und das bewirkt, dass die Konfliktlinien und Diskussionsfronten in der Weltrisikogesellschaft kulturell gezogen werden. Fukushima war ein herausragendes Beispiel, ein anderes die noch immer nicht bewältigte Wirtschafts- und Finanzkrise.

Als Theoretiker des Kosmopolitischen und Übernationalen war Beck schon immer ein überzeugter Europäer. Auch darin ähnelte er Habermas. Die Finanzkrise, die den Euro und damit den europäischen Zusammenhalt bedrohte, verfestigte dieses Engagement nur noch mehr. In zahlreichen Aufsätzen, auch im SPIEGEL, entwarft er Rettungs- und Zukunftsszenarien für die weitere Entwicklung und den demokratischen Ausbau der EU. Das Risiko des Auseinanderfallens der EU, das er erkannte, machte ihn zu einem ätzenden Kritiker der unentschlossenen Europapolitik von Kanzlerin Angela Merkel. So schnell sie auf Fukushima reagiert hatte, so abwartend verhielt sie sich zunächst in der europäischen Krise.

Europa der Bürgerbeteiligung

Beck warf ihr Machiavellismus vor: Statt das vor Augen liegende Risiko anzupacken und auszuschalten, ziehe sie eine Strategie des "gezielten Zögerns" vor und benutze ihr Zögern als "Zähmungspolitik". "Merkiavelli" nannte er dieses Merkel-typische Vorgehen im SPIEGEL. Sie sei weder solidarisch mit den Europäern im In-und Ausland, die verbindliche deutsche Hilfszusagen forderten, noch unterstütze sie die Fraktion der Europa-Skeptiker, die jede Hilfe verweigern wollten. "Die Mischung aus Indifferenz, europäischer Verweigerung und europäischem Engagement ist die Quelle der deutschen Machtstellung im von der Krise geplagten Europa."

Deutschland, so befand Beck, stehe vor der Entscheidung über Sein oder Nichtsein von Europa. Es sei schlicht zu mächtig geworden, um sich den Luxus leisten zu können, keine Entscheidung zu treffen. In Merkels Politik nach Fukushima und nach Ausbruch der Schuldenkrise hatte Beck die beiden gegensätzlichen Verhaltensmöglichkeiten in der Risikogesellschaft ausgemacht: Handeln oder abwarten, beides in eine unbestimmte Zukunft hinein. Beim Abwägen der Alternativen zog Beck natürlich die erstere vor, eine Entscheidung schien ihm für einen Politiker immer besser als keine.

Als Wissenschaftler, Publizist und Akademiker lebte Beck vor, was er lehrte: Kosmopolitismus und Globalität. Er plädierte für ein Europa der Bürgerbeteiligung und veröffentlichte zusammen mit Daniel Cohn-Bendit den Aufruf "Wir sind Europa". Er unterrichtete, außer an seiner Heimatuniversität München, in Harvard und an der London School of Economics. Die französische Zeitung "Le Monde" schätzte seine Gastbeiträge. Mit ihm geht ein intellektuelles Aushängeschild der offenen deutschen Gesellschaft verloren.

Ulrich Beck starb am Neujahrstag durch einen Herzinfarkt im Alter von 70 Jahren. Seine Schaffenskraft war bis zuletzt ungebrochen.



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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Hornblower, 03.01.2015
1. Es tut mir leid,
dass ich ihn nie gelesen habe, auch nicht Luhmann übrigens. Mein Studienphilosoph in der Soziologie, Philosophie oder Politik etc. war eben Habermas, Foucault, Nietzsche.... Dann mußte in meinem Alter und den drängenden Aufgaben - speziell der Wiedervereinigung - Politik gemacht werden und entsprechend zu der Politik, die man mit-machte Theorie entworfen werden. Wie ich sehe hat Beck die Zeit hervorragend begleitet, Risiko-freudig, aber nicht Neo-liberal usw. Dazu kenne ich ihn zu wenig. Seine Kritik an Merkel ist gut. Das war es doch, abwarten bis andere alles diskutiert hatten und dann entscheiden, was schon lange in die Wege geleitet worden war, von anderen. Das nennt sich nicht einmal Machterhalt, man könnte es auch als Betrug am Wähler bezeichnen, denn Merkel wurde nicht gewählt, um andere entscheiden zu lassen und in einer Demokratie ist die Entscheidung eben dann von allen entweder zu begrüßen oder abzulehnen, was sich in Wahlen oder Ab-wahlen niederschlagen sollte. Unter Merkel hat sich das Volk gewissermassen führungslos selbst abgenickt. Ein Zeichen dafür, dass in der Tat mehr Volksentscheide angesagt sind. Das Volk regiert in Deutschland schon seit Merkel. Unsere parlamentarische Demokratie bietet allerdings mehr als die s c h l i c h t e Ebene von Volksentscheiden. Wir sind Staats-orientiert, d.h. das Volk ist "häuslich" eingerichtet. Diese Stelle ist sei Merkel vakant. Es wäre schön, wenn mal wieder "jemand" - gehen auch zwei oder drei? - sich traut, Politische Entscheidungen zu treffen auf die Gefahr seiner Abwahl hin oder seines frühzeitigen Rücktritts, denn bei TTIP werden wir alle noch überrascht sein wie entscheidungsfroh Merkel sein kann. Also möchte ich anmerken, dass es sehr wohl mehr gibt als Risiko in einer Gesellschaft. Ich füge also an, Solidarität - auch wenn man anderer Meinung ist, dann eben Zusammenstehen im Konflikt -und gesellschaftlich gestützte Intelligenz. Damit sind wir gut gewappnet für die kommenden Auseinandersetzungen. Da hat doch einer was getan. Danke Dorothee Sehrt-Irrek
Siebengestirn 03.01.2015
2. Die Risikogesellschaft trauert um einen ihrer Besten
Auch wenn er das selbst wohl eher nicht gewollt und Frau Merkel es vermutlich kaum zugelassen hätte: Ulrich Beck wäre ein ausgezeichneter Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gewesen. Solche Männer/Frauen braucht die Republik, Europa und unser Planet. So bleibt zwar große Traurigkeit, aber auch etwas Hoffnung, dass Ulrich Beck Nachfolger seines Zuschnitts finden wird.
doppelpost123 03.01.2015
3.
Und wieder ist ein kritischer Geist gegangen..
Nabob 03.01.2015
4. Die Generation der Wissenden geht von uns
Es bleibt nichts, nichts als billige Motive.
Palmstroem 03.01.2015
5. Nicht die Zukunft besorgt uns
"das Imaginierte - das Noch-nicht-Geschehene - prägt das Reale - das, was gerade geschieht." Die Frage ist doch - was verbirgt sich hinter der imaginierten Zukunft. Gerade Fukushima zeigt, dass nicht die Vernunft, sondern die Angst die Zukunft verändert. Denn die 100.000 möglichen Opfer einer Atomkatastrophe haben mehr Einfluss auf eine Zukunftsentscheidung als die realen sieben Millionen Opfer pro Jahr der Kohleverstromung. Um heute Entscheidungen für die Zukunft treffen zu können, müsste ein neuer Mensch geschaffen werden. Denn unser Handeln wird meist von unseren Emotionen bestimmt und selten durch unseren Verstand. Der Psychologe Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin drückt es so aus: „Menschen treffen Entscheidungen, – und jetzt sage ich etwas Radikales, gerade für uns Ökonomen – meistens, ohne Nutzen und Wahrscheinlichkeiten zu berechnen.“
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