Kollegen erinnern an Ulrich Beck "Er wollte wirken - und das auch politisch"

Nach dem Tod des Soziologen Ulrich Beck erinnern sich für SPIEGEL ONLINE Kollegen wie Richard Sennett, Angela McRobbie oder Claus Leggewie an den visionären Denker, der auch viel Widerstand erfuhr.

"Herzlichkeit und Großzügigkeit": Kollegen gedenken Ulrich Beck
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"Herzlichkeit und Großzügigkeit": Kollegen gedenken Ulrich Beck


Ronald Hitzler ist Professor für Allgemeine Soziologie an der TU Dortmund. Von 1989 bis 1995 arbeitete er als Assistent von Ulrich Beck in Bamberg und München.
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Ronald Hitzler ist Professor für Allgemeine Soziologie an der TU Dortmund. Von 1989 bis 1995 arbeitete er als Assistent von Ulrich Beck in Bamberg und München.

Ronald Hitzler: Ulrich Beck dachte stets vor der Bugwelle des Nach-Denkens her: Er war uns Fachkollegen einfach immer ein Stück voraus. Was er so oft vorwegnahm, war weit weniger etwas Utopisches, als das, was sich in der nächsten Zukunft bereits schemenhaft abzuzeichnen begann. Dadurch, dass er gut und vor allem unglaublich schnell schreiben konnte, fanden seine Gedanken zumeist sehr rasch - und oft vielfältige Reaktionen provozierend - Eingang in die öffentlichen Debatten.

In der internationalen Soziologie war Ulrich Beck meines Erachtens sogar noch angesehener als in der deutschen. Mit seiner stark essayistischen Art zu schreiben hat er die - theoretisch und methodisch strenge - deutsche Fachkultur immer wieder irritiert. Ulrich Beck wollte stets Soziologie für die Gesellschaft machen. Das heißt, er wollte wirken - und das auch politisch. Das ist ihm zweifellos gelungen. Ohne ihn, davon bin ich überzeugt, würden wir zum Beispiel eine wesentlich ärmere Debatte über die europäische Integration führen.


Cornelia Koppetsch ist Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung an der TU Darmstadt. 2013 erschien ihr Buch "Die Wiederkehr der Konformität" (Campus).
Jan Hartung

Cornelia Koppetsch ist Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung an der TU Darmstadt. 2013 erschien ihr Buch "Die Wiederkehr der Konformität" (Campus).

Cornelia Koppetsch: Ulrich Beck gehört zu den Vätern der bundesrepublikanischen Zeitdiagnose. Mit seinem Buch "Die Risikogesellschaft" wurde er zum soziologischen Klassiker. Er hat soziologische Analysen einem breiteren Publikum verständlich gemacht und das Schreiben im Fach verändert. Seit Ulrich Beck ist das verquaste Formulieren desavouiert. Einer profunden Durchdringung von Theorie stand das nicht im Weg: Vor allem seine Arbeiten zur Individualisierung von Lebensformen und zur reflexiven Modernisierung waren weit über die Soziologie hinaus einflussreich und prägten die Debatten in den Achtziger- und Neunzigerjahren.

Mit Individualisierung meint Beck einen gesellschaftlichen Trend der massenhaften Herauslösung von Lebenslagen aus traditionellen Milieus und Herkunftsbindungen - der Herauslösung aus Klasse und Stand. Der Einzelne kann und muss sein Schicksal nun selbst verantworten. Dies wurde möglich durch die allgemeine Anhebung des Wohlstandsniveaus und die Ausweitung des Sozialstaates in der prosperierenden Nachkriegsepoche und durch die Pluralisierung von Lebensstilen seit den Siebzigerjahren.

Mittlerweile, so würde ich sagen, erleben wir jedoch das Ende der Individualisierung. Eigenverantwortung und Autonomie haben im Zeitalter des Neoliberalismus und des aktivierenden Sozialstaates einen negativen Beigeschmack bekommen. Zudem ist für viele ein autonomer Lebensentwurf in Zeiten von Unsicherheit und Abstiegssorgen ohnehin nicht zu denken. In seinen späteren Schriften zur Globalisierung arbeitete Beck zwar stärker die problematischen Aspekte der Individualisierung heraus und benannte sie als gesellschaftliche Zumutung. Die Rückkehr zur Klassengesellschaft, wie ich sie diagnostizieren würde, sah er jedoch nicht voraus.


Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der New York University und der London School of Economics and Political Science (LSE), wo Ulrich Beck eine Gastprofessur innehatte. Zu Sennetts wichtigsten Veröffentlichungen gehören "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens" (1986) und "Der flexible Mensch" (1998).
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Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der New York University und der London School of Economics and Political Science (LSE), wo Ulrich Beck eine Gastprofessur innehatte. Zu Sennetts wichtigsten Veröffentlichungen gehören "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens" (1986) und "Der flexible Mensch" (1998).

Richard Sennett: Über Jahrzehnte hinweg wurde ich immer wieder Zeuge davon, wie Ulrich Beck gegen das akademische Establishment ankämpfen musste. Dennoch ließ er sich nicht davon unterkriegen und behielt seine Herzlichkeit und Großzügigkeit. Für viele seiner Studierenden wie auch für seine Freunde was das seine herausragende Eigenschaft: Er war immer hilfsbereit, auch wenn ihm selbst im Laufe seines Lebens nur selten Hilfe angeboten wurde.

Als Ulrich begann, regelmäßig die London School of Economics zu besuchen, war er, glaube ich, überrascht und dankbar, wie herzlich er und seine Frau Elisabeth in Großbritannien willkommen geheißen wurden. Beide wurden schnell ein Teil unserer Gemeinschaft. Deshalb weiß ich, dass ich im Namen vieler, vieler Menschen in London spreche, wenn ich mein tiefes Bedauern über seinen Tod ausdrücke.


Saskia Sassen lehrt Soziologie an der Columbia University und Gastprofessorin an der LSE. 2008 erschien ihr Buch "Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter" bei Suhrkamp.
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Saskia Sassen lehrt Soziologie an der Columbia University und Gastprofessorin an der LSE. 2008 erschien ihr Buch "Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter" bei Suhrkamp.

Saskia Sassen: Fragmente/Erinnerungen: Wie soll man einen unserer größten Denker würdigen, wenn sich so viele Ausgangspunkte anbieten?

In den Neunzigerjahren: Ich sitze in einem Café in Kampala und bewege mich von Website zu Website. Ein Schlagwort sticht aus der Masse der akademischen Veröffentlichungen immer wieder heraus: Risikogesellschaft - wenn aus Risiken Profit geschlagen wird. Ein brillantes, erhellendes, minimalistisches Konzept.

In den Nullerjahren: Ein Abendessen mit Ulrich und Elisabeth im Rahmen einer Konferenz zum Thema Erinnerungen. Wir reden über Liebe, Ehe und die komischen Momente von gemeinsam gelebten Leben.

Im Jahr 2008: Ich sitze mit Ulrich in einem Restaurant an der London School of Economics in London. Er fragt mich nach dem Titel meines neuen Buches. Ich sage: "Territorium, Autorität, Rechte". Eine Sekunde später sagt er: "Das Paradox des Nationalen" - der mit Abstand bessere Titel, weil er sowohl spezifisch als auch zeitlos ist. Plötzlich geht mir auf, wie typisch diese Mischung für Ulrichs Denken ist. Seine Bücher sind sowohl eindringliche Zeitdiagnosen als auch zeitlose Erkundungen.

Und das sind nur die ersten Erinnerungen, die mir spontan gekommen sind.


Paul Gilroy ist Professor für Amerikanische und Englische Literatur am King's College London. Zuvor unterrichtete er Sozialtheorie an der LSE. Gilroy ist u.a. Autor von "The Black Atlantic" und "After Empire: Multiculture or Postcolonial Melancholia".
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Paul Gilroy ist Professor für Amerikanische und Englische Literatur am King's College London. Zuvor unterrichtete er Sozialtheorie an der LSE. Gilroy ist u.a. Autor von "The Black Atlantic" und "After Empire: Multiculture or Postcolonial Melancholia".

Paul Gilroy: Ulrich Beck war ein subtiler, origineller Denker, dessen auffällige intellektuelle Großzügigkeit und grundlegende geistige Offenheit ihn aus dem heutigen universitären Leben herausragen lassen. Die Bandbreite seiner akademischen und politischen Interessen war genauso einzigartig, und sein Verlust wird weit jenseits der soziologischen Gebiete, auf die sich die Mehrheit seiner ideenreichen Unternehmungen bezog, spürbar sein.

Seine bahnbrechenden Beiträge zu den Sozialwissenschaften werden zu Recht nicht nur unter seinen Studierenden Bestand haben, sondern auch dort, wo seine Ideen auf deutlichen Widerstand stießen - etwas, das er immer als produktiv zu erachten schien. Becks Einfluss ist vor allem dort merkbar, wo er eine ganze Konstellation von Konzepten, die lose an die Herausforderungen eines neuen Kosmopolitismus' an Europas Wirtschaft, Kultur und Politik anknüpfen, wiederbelebte und erweiterte.

In den Jahren, in denen wir eng zusammenarbeiteten, fiel mir wiederholt auf, wie sehr Ulrich an den Traditionen der deutschen Universität hing und er dennoch begriff, dass diese lokalen Gewohnheiten nicht mehr ausreichen, um unserer stürmischen Zukunft gerecht zu werden. Sein Tod ist ein großer Verlust.


Sighard Neckel ist Professor für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. 2008 erschien von ihm "Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft".
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Sighard Neckel ist Professor für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. 2008 erschien von ihm "Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft".

Sighard Neckel: Vielleicht wird es mir wieder so gehen, wenn ich in den nächsten Tagen manchen Nachruf auf Ulrich Beck lese: Immer dann, wenn seine nicht selten überspitzten Thesen zur Soziologie unserer Gegenwart mal mit feiner Ironie, mal mit unverhohlener Häme durch den Kakao gezogen wurden, fühlte ich mich am meisten mit ihm verbunden. Ganz unabhängig davon, ob man ihm tatsächlich zustimmen mochte (und er hat es einem damit gewiss nicht einfach gemacht), verkörperte Ulrich Beck für mich einen geradezu besessenen Soziologen.

Seine Leidenschaft für die Analyse des gesellschaftlichen Wandels unserer Zeit war von einer persönlich tief empfundenen Bindung an die Ideen der Moderne geprägt, deren selbstzerstörerische Tendenzen ihm keine Ruhe ließen. Gegenüber einer auch wissenschaftlichen Blasiertheit, der alles irgendwie interessant, aber nichts wirklich wichtig erscheint, war Ulrich Beck auf eine manchmal fast naive Art davon getrieben, die Welt nicht nur besser erklären zu wollen, sondern sie besser zu machen.

Die Gefährdungen unserer modernen Existenz, seien sie technologisch, wirtschaftlich oder politisch bedingt, hat er daher mit einem feinfühligen geistigen Sensorium früher wahrgenommen als andere gerade auch aus dem eigenen wissenschaftlichen Fach. Nicht wenige von ihnen haben sich später dann über seine Zeitdiagnosen mokiert, deren reale Anlässe der eigenen Beobachtung allerdings vollkommen entgangen waren.

Ulrich Beck hatte etwas, worauf überhaupt nur wenige Sozialwissenschaftler je verweisen können: eine eigene Idee vom Zustand unserer Welt, die er in den Begriffen der "Individualisierung" und der "Risikogesellschaft" populär gemacht hat. Die soziologische Zeitgenossenschaft dieser Begriffe ist aus unserem heutigen öffentlichen Selbstverständnis gar nicht mehr wegzudenken. Noch wer (mit triftigen soziologischen Gründen) heute von der Rückkehr der Klassengesellschaft spricht und die Risikogesellschaft im sich abzeichnenden Zusammenbruch eines ganzen wirtschaftlichen Weltsystems implodieren sieht, wird auf Ulrich Becks Gesellschaftsdiagnosen abstellen müssen.

Sie haben uns die Chancen moderner Selbstbestimmung und die Risiken der Individualisierung vor Augen geführt, die Versprechungen einer Moderne, die er die "zweite" genannt hat, und die Verluste, denen wir entgegensehen, wenn wir das humane, solidarische und demokratische Potenzial unserer "ersten" aufgeklärten Moderne vollkommen vergessen sollten. Sein Tod ist ein schwerer Verlust, den wir heute noch gar nicht begreifen können.


Claus Leggewie ist Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen.
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Claus Leggewie ist Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen.

Claus Leggewie: Ulrich Beck war ein herausragender Soziologe, der seine scharfe analytische Gabe mit zupackender Zeitdiagnose und gezielter politischer Intervention verband, wofür er sich bisweilen dem Neid vieler Fachkollegen ausgesetzt sah. Auch unser Institut hat er damit bereichert. Eingenommen hat ihn für mich außer seinem sanften und positiven Wesen die Tatsache, dass er mit seiner Frau auch wissenschaftlich gearbeitet und publiziert hat. Er ist viel zu früh von uns gegangen, wir werden ihn sehr vermissen und seinen Kosmopolitanismus pflegen.

Angela McRobbie ist Professorin für Kommunikationswissenschaften an der Goldsmiths University in London, an die sie Ulrich Beck zu zahlreichen Vorträgen während seiner Zeit an der LSE einlud.

Angela McRobbie ist Professorin für Kommunikationswissenschaften an der Goldsmiths University in London, an die sie Ulrich Beck zu zahlreichen Vorträgen während seiner Zeit an der LSE einlud.

Angela McRobbie: Ulrich Beck war in vielerlei Hinsicht der Max Weber unserer Zeit. Er nahm sich selbst nicht zu wichtig und bestach durch seinen Witz. Aber wie Weber hatte er den großen Anspruch, eine herausragende Sozialtheorie der Moderne zu entwickeln (die er in erste und zweite Moderne unterteilte). Er war sich der vielen Katastrophen der westlichen Moderne akut bewusst und war trotzdem in der Lage, eine überzeugende, nach vorne schauende Perspektive zu entwickeln, die wir durchaus vorsichtigen und umsichtigen "Optimismus" nennen können.

Das stand quer zu so vielen Ansätzen in den Sozialwissenschaften, die sich - aus wohl offensichtlichen Gründen - in der Pflicht sahen aufzuzeigen, auf wie viele Weisen Macht verführt und systemstabilisierend wirkt. Was für eine Leistung, ein fröhlicher Soziologe zu sein, wenn man größtenteils von Menschen - mich eingeschlossen - umgeben ist, die sich der schonungslosen Analyse der Selbstbeschränkungen im Neoliberalismus seinem Dogma der Alternativlosigkeit verschrieben haben.

Aber Ulrichs unverwechselbarem Werk, geprägt von seinen frühen Verbindungen zu den Grünen und seinem lebenslangen Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit, lag eine Wärme und Offenheit zugrunde, aus der heraus sich auch seine sanfte, aber nachdrückliche Form der Gesellschafts"kritik" entwickelte. Letztlich suchte er immer nach den gesellschaftlichen Möglichkeiten von Wandel. Nirgendwo war das deutlicher zu spüren als in seinen jüngsten Arbeiten zu Europa in Zeiten der Eurokrise. In seinem Engagement für ein kosmopolitisches Europa war zugleich die Grundlage für eine nicht-autoritäre und anti-totalitäre Weltpolitik zu erkennen. Dafür wird er zu Recht in Erinnerung bleiben.

Zusammengestellt und übersetzt von Hannah Pilarczyk

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Seite 1
von_scheifer 04.01.2015
1. Wenn er politisch wirken wollte, dann war das, was er schrieb, allerdings reichlich unsinnig.
Seine Ideologie (als Wissenschaft betrachtete ich das nie) von der einen, globalisierten Welt berücksichtigte nicht, dass der Mensch die Reduzierung von Wirklichkeit braucht, um sich in einer kleinen Welt zurechtzufinden. Seine geforderte globalisierte Welt überfordert jeden Menschen. Ähnlich wie bei Karl Murks, bei dem die Bedingungen und Beschränkungen des Menschen in dessen Ideen ebenfalls nicht vorkamen. Und die damit per se menschenfeindlich waren. Mir geht dieses Schwärmen im globalisiert Galaktischen genauso auf den Geist, wie die "Führer", die sich vor Weltkarten präsentieren. Das gleiche Denken in Totalität und aufgeblasener Wichtigtuerei. Voll am Menschen vorbei.
von_vittlar 04.01.2015
2.
Zitat von von_scheiferSeine Ideologie (als Wissenschaft betrachtete ich das nie) von der einen, globalisierten Welt berücksichtigte nicht, dass der Mensch die Reduzierung von Wirklichkeit braucht, um sich in einer kleinen Welt zurechtzufinden. Seine geforderte globalisierte Welt überfordert jeden Menschen. Ähnlich wie bei Karl Murks, bei dem die Bedingungen und Beschränkungen des Menschen in dessen Ideen ebenfalls nicht vorkamen. Und die damit per se menschenfeindlich waren. Mir geht dieses Schwärmen im globalisiert Galaktischen genauso auf den Geist, wie die "Führer", die sich vor Weltkarten präsentieren. Das gleiche Denken in Totalität und aufgeblasener Wichtigtuerei. Voll am Menschen vorbei.
Dass sie ihre Antipathie gegen Herrn Beck in diesem inoffiziellen Kondolenzbuch kundgetan haben, spricht nicht für Sie, aber für sich allein. Replikwürdig hingegen finde ich die von ihnen in erstaunlicherweise dargebotene Konsistenz von Denken und Handeln. Nicht nur scheint ihnen die Reduktion von Denken auf die Anthropologik der "Reduktion von Komplexität" als Grenzstein zwischen Wissenschaft und Ideologie zu gelten, nein, auch das Konzept an sich erscheint bei ihnen in stark kompexitätsreduzierter Form: nicht die Komplexität der vom Biosystem wahrgenommenen Umwelt wird (je nach individueller kognitiver Kompetenz) reduziert, um sich eine konsistente virtuelle Wirklichkeit zu bilden, nein, die "Wirklichkeit" soll da reduziert werden. Dass Herr Beck v.a. auf die Beschreibung bisher unterkomplex behandelter Zusammenhänge abzielte und den menschlichen Drang zur "Reduktion von Komplexität" zwar eingedachte, aber niemals als Rechtfertigung für viel zu kleine Horizonte gelten ließ, immer auf Erdenkung neuer Zusammenhänge aus war, machte ihn also zum Träumer. Denn dank ihnen wissen wir ja: Wissenschaft ist, wo Ambivalenzen nicht behandelt sondern ausgeblendet werden. In diesem Sinne sind sie auch im Folgenden erstaunlich "wissenschaftlich": Denken in "Totalitäten" ist ihnen ein Dorn im Auge, DEN Menschen reduzieren sie aber nebenbei auf eine Komplexitätsreduktionsmaschine. Chapeau. Der gute Beck "forderte" im übrigen keine globalisierte Welt, sondern beschrieb die sich entwickelnde u.a. als solche. Auch dass sie das Beck'sche oeuvre und seine Affinität auch für (scheinbar) alternierende Ansätze wie Luhmanns Systemtheorie nicht kennen: geschenkt. Ein wirkliches Studium Becks'scher Schriften wäre für DEN "homo-subcomplexa" sicher auch nur störend.
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