"Ödipus"-Darsteller Ulrich Matthes: Keine Gnade für den Menschen

Von Anke Dürr

Brutal, aber menschlich: Der Schauspieler Ulrich Matthes, einer der Stars am Deutschen Theater Berlin, spielt die Tragödie des Königs von Theben in einer modernen Fassung des antiken Stücks. Eine Rolle, die für ihn so "kraftraubend" wie "beglückend" ist.

Schauspieler Matthes (mit Susanne Wolff als Kreon): "Versteckte Humanität" Zur Großansicht
Arno Declair

Schauspieler Matthes (mit Susanne Wolff als Kreon): "Versteckte Humanität"

Freud hat Ödipus missbraucht. Für seine gewagte These, dass jeder kleine Junge die eigene Mutter begehrt und deshalb den Vater hasst, brauchte der Psychoanalytiker ein Schlagwort, und er fand es beim griechischen Dichter Sophokles. Seitdem denkt man bei Ödipus fast reflexartig an den Komplex. Glückwunsch, Herr Freud.

Dabei geht es in dem antiken Drama eigentlich um was anderes: Thebens König Ödipus erschlug zwar seinen Vater und heiratete die eigene Mutter, aber ohne zu wissen, mit wem er es da zu tun hatte. Seinen Eltern, König Laios und Königin Iokaste, waren der Vatermord und die ungehörige Mutterliebe des Sohnes prophezeit worden - und um diesem Schicksal zu entgehen, gaben sie das Baby einem Diener, der es töten sollte. Der aber brachte es nicht fertig, gab das Kind weg, und gerade deshalb konnte sich der Orakelspruch erfüllen. Genau das ist die Tragödie.

Nicht das Unterbewusstsein und der Sexualtrieb sind hier das Problem - die griechischen Tragöden kamen ohne Psychologie aus -, sondern Ödipus' schuldlose Schuld. Den Fluch der Götter kann er auch dadurch nicht bannen, dass er sich selbst blendet; auch seine vier Kinder haben später noch schwer daran zu tragen.

Wie egoman muss man sein als König von Theben?

Harter Stoff. "Die Inszenierung ist für uns alle sehr kraftraubend, das kann man nicht jeden Tag durchbrettern", sagt Ulrich Matthes. Der Schauspieler Matthes, 53, vielfach ausgezeichnet, unter anderem als Schauspieler des Jahres, gehört seit 2004 dem Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin an. Dort spielt er jetzt Ödipus, den König von Theben, unter der Regie von Stephan Kimmig. "Ödipus Stadt" nennt sich die Inszenierung, die am 31.8. Premiere hat, eine Verdichtung von vier großen antiken Dramen, die die Geschichte von Ödipus und seiner Sippe bis zum bitteren Ende erzählen.

Es ist Montagmorgen, eine halbe Stunde vor Probenbeginn, noch vier Tage bis zur Premiere. Der Samstag war frei, ein Luxus, der bei vielen Regisseuren in der Probenendphase völlig undenkbar ist. "Von dieser Vorstellung muss man sich zwischendurch erholen. Emotional wie gedanklich", sagt ein offenbar gutgelaunter und energiegeladener Matthes am Telefon in Berlin. "Man merkt, dass es kein psychologischer Realismus ist, den man mit feinen, pastellhaften Strichen zeichnen kann. Aber es ist beglückend, sich an solchen Großstoffen abzuarbeiten."

Das Stück kennt keine Gnade mit den Menschen; nach Ödipus' Blendung zerfleischen sich seine Söhne im Kampf um die Macht gegenseitig. Sein Schwager Kreon, der daraufhin den Thron besteigt, liefert sich einen erbitterten Kampf mit Antigone, den sein eigener Sohn nicht überlebt. Es ist zum Verzweifeln.

Aber nein, sagt Matthes, "selbst in diesem düsteren Stück ahnt man ja die versteckte Humanität. Das ist auch das Zeitlose an dem Stoff". Er sei gerade in Philosophierlaune, sagt der Schauspieler, und macht weiter: "Es gehört ja zum Menschen, dass er seiner dunklen Seite, der eigenen Brutalität und Monomanie, doch immer wieder was Humanes, Helles, Menschenfreundliches entgegenzusetzen in der Lage ist. Oder zumindest danach strebt. Auf dieser Balance bewegt sich die ganze Weltliteratur."

Natürlich ist "Ödipus Stadt" auch ein hochpolitisches Stück - der neue Titel betont noch einmal, dass Ödipus immer als Herrscher von Theben handelt, nicht als Privatperson. "Es geht ganz wesentlich in diesem Stück um verschiedene Möglichkeiten von Machtausübung", sagt der Ödipus-Darsteller Matthes: "Wie verhält man sich als jemand, der Macht hat? Wie geht man damit um, wie verformt es einen, was bedeutet Verantwortung, wie egoman muss man sein, ab wann wird es schädlich für die Gesellschaft?" Auch hier erweist sich das Stück als zeitlos.

Und noch eine Wahrheit verkündet das Stück: "Was dir nach Wunsch ging, war dein Unglück", sagt Kreon zu Ödipus, als der sein Schicksal erkannt hat. "Man ist einfach abhängig von bestimmten Konstellationen", sagt Matthes dazu, "heute würde man vielleicht nicht mehr wie Ödipus Apollon oder das Schicksal dafür verantwortlich machen, sondern die DNA. Nach dem, was die Hirnforschung herausgefunden hat, scheint es ja auch so zu sein, dass sehr viel, von dem wir glauben, wir hätten es erfunden und es wären ganz bewusste Entscheidungen, einfach irgendwelche neurophysiologischen Impulse sind, die durch uns hindurchrattern." Es sei die Frage, ob der moderne Mensch jetzt damit glücklicher sei, wenn er statt Apollon der Neurophysiologie die Schuld geben könne. Matthes überlegt kurz. "Wahrscheinlich war es schöner zu sagen, Apollon war schuld", sagt er. Dann legt er auf. Gleich beginnt die Probe.


Ödipus Stadt. Premiere am 31.8. im Deutschen Theater Berlin. Auch am 1., 4., 7., 8., 14. und 20.9., Tel. 030/28 44 12 25.

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1. Oh je
chuckal 29.08.2012
Pappkrone, Schiesser-Untewäsche, Kreon eine junge Frau, Titel mit Zusatz STADT, die üblchen Mythen: kraftraubend, abe beglückend, der Regisseu unbarmherzig von seiner Vision getrieben gibt mal einen Samstag frei... jetzt noch ein paar Eimer Blut eine Videokamera ud Mikros an die Rampe. Es lebe das Hauptstadttheater. Gruß aus Arschbackshausen
2. genug
toskana2 29.08.2012
Zitat von sysopBrutal, aber menschlich: Der Schauspieler Ulrich Matthes, einer der Stars am Deutschen Theater Berlin, spielt die Tragödie des Königs von Theben in einer modernen Fassung des antiken Stücks. Eine Rolle, die für ihn so "kraftraubend" wie "beglückend" ist.
" ...sagt Matthes dazu, heute würde man vielleicht nicht mehr wie Ödipus Apollon oder das Schicksal dafür verantwortlich machen, sondern die DNA." Na ja, Herr Matthes, Sie haben nen schlechten Philosophier-Tag erwischt! Man muss nicht die DNA anstelle des Apollon oder des Schicksals bemühen. Die DNA ist ja Schicksal genug!
3. Zu Freud
müllers 29.08.2012
Freud hat nicht im Mindesten Sophokles unterstellt, dass er ein Pychoanalytiker war, denn das war er selbst. Er hat aber die Tragödien analysiert, wie die Handlungen seiner Patienten, aber da im Unterschied zu den diesen die griechischen Tragödien idealtypische und für die berührende Allgemeinheit Konflikte der Menschheit darstellen, hat er sie genutzt, um seine ja nicht minder allgemeingültige Entdeckung darzustellen und natürlich zu popularisieren - was sein gutes Recht war. Meinen Sie nicht, Frau Dürr, dass hieraus den Vorwurf des Mißbrauchs abzuleiten - zumal die Verbindung von "Mißbrauch" und "Freud" ja eine ziemlich unterschwelllig sexuelle Bedeutung hat - nicht selbst doch ziemlich gewagt ist, und nicht auch wieder der Analyse bedürfte?
4. Papperlapapp....
tylerdurdenvolland 29.08.2012
Zitat von chuckalPappkrone, Schiesser-Untewäsche, Kreon eine junge Frau, Titel mit Zusatz STADT, die üblchen Mythen: kraftraubend, abe beglückend, der Regisseu unbarmherzig von seiner Vision getrieben gibt mal einen Samstag frei... jetzt noch ein paar Eimer Blut eine Videokamera ud Mikros an die Rampe. Es lebe das Hauptstadttheater. Gruß aus Arschbackshausen
Es gehört nunmal zum Grundwissen. Wenn ein Mann mit seiner Mutter schläft, dann bricht am nächsten Tag IMMER eine Seuche aus. Das ist wissenschaftlich belegt... Und deshalb sind solche Theaterstücke in ihrer Bedeutung gar nicht zu überschätzen! Ohne klassische Bildung dieser Art wären wir am Ende! Und der Qualität solcher Inhalte sind solche Inszenierungen doch völlig angemessen.
5. stimmt natürlich!
chuckal 29.08.2012
Zitat von tylerdurdenvollandEs gehört nunmal zum Grundwissen. Wenn ein Mann mit seiner Mutter schläft, dann bricht am nächsten Tag IMMER eine Seuche aus. Das ist wissenschaftlich belegt... Und deshalb sind solche Theaterstücke in ihrer Bedeutung gar nicht zu überschätzen! Ohne klassische Bildung dieser Art wären wir am Ende! Und der Qualität solcher Inhalte sind solche Inszenierungen doch völlig angemessen.
ich vergaß. sorry
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