S.P.O.N. - Der Kritiker Durch den Schlamm des Hasses

Kaum sagt jemand von der AfD etwas Idiotisches, wird er in die Talkshow eingeladen. Das ist reine Diskursromantik. Unsinn bleibt Unsinn, der muss nicht noch mal öffentlich wiederholt werden.

Eine Kolumne von


Ich finde, es ist eine große und auch kollektive Zeitverschwendung, sich über die AfD Gedanken zu machen, weil jeder dieser Gedanken von einer so großen negativen Kraft getragen ist und man doch in dieser Umbruchsituation eigentlich alle verfügbare Kraft braucht, um überhaupt das Positive zu sehen und zu denken.

Aber mehr noch: Es ist falsch, so viel Zeit und Energie mit der AfD zu verschwenden, wie es derzeit geschieht, nach jeder Idiotie wieder, als sei Idiotie ein Ticket, um bei Anne Will eingeladen zu werden - warum aber soll man den Unsinn, den etwa Alexander Gauland so oder etwas anders über Jérôme Boateng gesagt hat, überhaupt ernst nehmen?

Unsinn, wenn man ihn wiederholt, bleibt ja Unsinn, er vermehrt sich womöglich sogar und, so ist schließlich die öffentlich-rechtliche Hoffnung, verschwindet nicht einfach, wenn man den Mann, der den Unsinn gesagt hat, ins Studio einlädt und mit ihm spricht - das aber ist das magische Denken, das hinter der Diskursromantik steckt, die die Auseinandersetzung mit der AfD so lähmt.

Es ist ein Denken, auf das die BRD gebaut war, aus dem demokratischen Glauben an die Rettung und das Gute heraus, entstanden aus den Fundamenten der Aufklärung und übernommen von den westlichen Siegermächten, danke noch einmal dafür - ein Denken allerdings, das heute ganz deutlich an seine Grenzen stößt, wenn man es mit Menschen zu tun hat, die ja genau diese Tradition der Aufklärung, der Moderne, der Demokratie umdrehen wollen.

Als Theater müsse man "Schmerzpunkte thematisieren"

Sehr offensichtlich wurde das etwa in dem Interview, das zwei Redakteure der "Zeit", die ihren eigenen Konservativismus behaupten und bewahren wollten, mit Marc Jongen von der AfD führten, ein kruder Kopf des ständestaatlichen Rollbacks, von dem Teile des neuen rechts-intellektuellen Establishments träumen - die beiden "Zeit"-Redakteure scheiterten, ganz einfach, weil Jongen in grundsätzlich anderen Begriffen spricht und denkt und es so gut wie keine Verbindung zwischen dem BRD-Konservatismus der einen und dem Anti-BRD-Revanchismus des anderen gibt.

Ein anderes Beispiel ist das Missverständnis der Leitung des Schauspiels Köln, die es für eine gute Idee hielten, den AfD-Gründer Konrad Adam ausgerechnet zu einer Veranstaltung einzuladen, bei der es um die Opfer der Morde des NSU gehen sollte - die Antifa stürmte die Veranstaltung, der Theaterleiter Stefan Bachmann sprach von einem "Diktat" der Diskursverhinderer, und im halbautomatisierten Kritik-Sprech des Kulturmilieus fügte er noch hinzu, man müsse als Theater "Schmerzpunkte thematisieren", was von dem Glauben ausgeht, dass eine kritische Haltung schon ein gutes Ergebnis bewirken werde.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass das nicht der Fall ist, und vielleicht muss man erst mal diese möglicherweise bittere Einsicht haben, um zu erkennen, wie man anders und aggressiver mit der AfD umgeht. Es dauerte bis zur Boateng-Sentenz von Gauland/FAS, bis der Rassismus der AfD von weiteren Teilen der Medien als solcher benannt wurde. Ob das aus allen Wählern der AfD Rassisten macht? Zumindest müssen sie sich die Frage stellen, wie sie sich dazu verhalten, es reicht nicht mehr zu sagen, sie seien "besorgte Bürger".

Die sehr viel grundsätzlichere Frage aber ist, wie eine Gesellschaft, die so sehr auf Konsens gebaut ist, gebaut war wie das Nachkriegs-Westdeutschland, nun damit umgeht, dass es Milieus gibt, die sich diesem Konsens fundamental verweigern, weil sie ein anderes Land und damit einen anderen Konsens wollen, völkisch, rassistisch, kulturell homogen, eine fatale Fiktion, die Deutschland aus der Neuzeit katapultieren würde und in ein ewiges Rothenburg ob der Tauber verwandeln würde, aber das ist ja das Ziel.

Auf Knien durch den Schlamm von Hass und Vorurteilen

Die Konsens-Republik war darauf gebaut, dass es Unterschiede in den Argumenten gibt, aber Übereinstimmung in den Grundzielen oder Grundrechten. Das führte zu harten Auseinandersetzungen, die aber, ganz im Brandt'schen Sinn von "Mehr Demokratie wagen", das Land im Großen und Ganzen in die richtige Richtung gelenkt haben. Die Situation jetzt ist neu: Denn wer sich auf das Niveau der AfD begibt, muss sich auf Knien durch den Schlamm von Hass und Vorurteilen schieben.

Die Herausforderung ist also, ein Denken zu finden, das anders funktioniert als die Konsens- und Kritik-Automatismen der Vergangenheit. Ein Denken, das Antagonismen akzeptiert und möglicherweise als unversöhnlich nebeneinanderstehen lässt. Ein Denken, das dann eine härtere Auseinandersetzung ermöglicht, weil der Feind als Feind benannt wird. Carl Schmitt also statt Jürgen Habermas? Angenehm ist das nicht.

Andererseits befreit einen solch ein Denken, das möglicherweise einen erst mal befristeten Abschied vom Konsens bedeutet. Man kann, man muss klarer und deutlicher als bisher benennen, was man will, wohin man will, als Einzelner und als Gesellschaft. Man kann Ziele benennen, positive Ziele, und man kann für diese Ziele kämpfen. Man kann es auch Realismus nennen.

Ich weiß, ich habe nun doch wieder von der AfD geredet, und ja, möglichweise war das Zeitverschwendung. Und ja, es wird wohl, wie die Dinge liegen, auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Aber so ist das eben. Widersprüche sind Teil des Wesens der offenen Demokratie.

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insgesamt 255 Beiträge
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Seite 1
sojetztja 12.06.2016
1.
>Ich weiß, ich habe nun doch wieder von der AfD >geredet, Grämen Sie sich nicht, im FAlle dieses Artikels war das nötig und sinnvoll. Das gilt aber nur bedingt für unzählige andere Spiegel (online)-Artikel der letzten Tage/Wochen. Da muss man sich schon oft fragen, ob die mediale Lust an der Skandalisierung nicht meist denen in die Karten spielt, die man doch zu kritisieren vorgibt. Mal abgesehen davon, dass es nicht immer das Bild rationalen und seriösen Journalismus abgibt...
ronni123456 12.06.2016
2. Georg Diez
Was würden Sie nur machen, über was würden Sie schreiben, gäbe es die AFD nicht?
thos77 12.06.2016
3. Hass? - Wohl eher Unzufriedenheit/Verärgertsein bis Wut.
Her Dietz: "Die sehr viel grundsätzlichere Frage aber ist, wie eine Gesellschaft, die so sehr auf Konsens gebaut ist, gebaut war wie das Nachkriegs-Westdeutschland, nun damit umgeht, dass es Milieus gibt, die sich diesem Konsens fundamental verweigern, weil sie ein anderes Land und damit einen anderen Konsens wollen,..." - Herr Dietz, der Konsens wurde durch den Umgang mit der Migrantenkrise (offene Grenzen) stark und nachhaltig beschädigt. Da fing es an und auch die Eurokrise hat ihren Anteil. Der Aufstieg der AfD ist doch nur eine recht natürliche Reaktion, ist nicht Ursache von was sondern erstmal die Folge von etwas Dramatischem. (Die Politik der offenen Grenzen damals kann jetzt sogar das entscheidende Element sein, daß GB aus der EU austritt.) - Und warum gebrauchen viele (Sie eingeschlossen und wohl bewußt) den Begriff "Hass"? Sollte man damit nicht vorsichtig sein? Wut oder Unzufriedenheit haben viele, aber Hass? Ich haben den Eindruck, der sog. Hass wird zum großen Teil nur herbeigeredet. Verantwortung der Medienleute und Politiker hierbei!?
janowitsch 12.06.2016
4. AfD instrumentalisiert die Medien
Gauland und andere werden mit jeder neuen abseitigen Aussage ins Zentrum des Medieninteresses gerückt. Hat nicht Frau Petry gesagt, man müsse provokative Aussagen in der Öffentlichkeit machen, um im Gespräch zu bleiben? Diese Strategie geht auf. Anstatt sie zu ignorieren, skandalisieren die Medien diese absichtlichen Provokationen, für die jeder normal Denkende nur ein müdes Lächeln und eine Scheibenwischer-Geste übrig hätte.
sonicmiles 12.06.2016
5. Scheindebatte
In Deutschland wird eine ganz scheinheilige Debatte geführt... Es wird über Integration und Rassismus geredet aber eigentlich geht es um Umverteilung und zwar zu Gunsten der Zuwanderer... Zahlenbeispiel: Für die eigenen Leute die ihren Lebensunterhalt nicht selber tragen können (Arbeitslosengeld2) geben wir 33 Mrd. im Jahr aus. Jetzt geben wir nur vom Bund pro Jahr fast 20 Mrd. für die Flüchtlinge aus. Wenn wir davon ausgehen dass es 1,5 Mio Flüchtlinge gibt aber 6 Mio Arbeitslosengeld II Empfänger kommen wir bei den Arbeitslosengeld II Empfänger auf ein pro Kopf Einkommen von 5500 € und bei den Flüchtlingen auf über 13000 €. Wir geben für die Flüchtlinge also weit mehr als das doppelte aus als wie für einen Einheimischen? Ist das gerecht? Wer ist dafür verantwortlich? Das sind Fragen die diskutiert werden müssen...
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