Umstrittene Ausstellung Folter in Öl

Der Maler Fernando Botero hat sich als erster Künstler von Weltrang kritisch an den Folterskandal von Abu Ghureib gewagt. Er ist wütend: Museen in den USA weigern sich bis heute, die Werke zu zeigen. Jetzt durchbricht eine New Yorker Galerie das selbst auferlegte Bilderverbot.

Von , New York


New York - Fernando Botero, Maler und Bildhauer von Weltrang, wirkt auf den ersten Blick wie ein gemütlicher, älterer Herr. Er trägt eine grüne Lodenjacke über seinem Karohemd, und in der Hand hält er eine Lesebrille. Sein Silberbärtchen ist sorgsam frisiert. Höflich begrüßt er Besucher, mit festem, jovialem Handschlag.

Künstler Botero (vor seinem Folter-Triptychon, 2005 in Venedig): Kriegszeitalter am Kreuzweg
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Künstler Botero (vor seinem Folter-Triptychon, 2005 in Venedig): Kriegszeitalter am Kreuzweg

Nur tief in seinen Augen, da glimmen Funken. "Ich war so zornig", sagt er. "Ich bin es immer noch." Botero, 74, bittet in ein Hinterzimmer der Kunstgalerie Marlborough an der West 57th Street in Manhattan. Es ist die zweite Heimat des Kolumbianers, der hauptsächlich in Paris lebt: Hier stellt er oft aus, meist farbenfrohe Gemälde von massigen, rundlichen Menschen, Comicfiguren fast - mal augenzwinkernde, mal satirische Kommentare auf die Gesellschaft.

Diesmal jedoch hat Botero seine unschuldige Verspieltheit und die lukrativen Sphären der Pop-Art weit hinter sich gelassen. Vorne in den Ausstellungssälen arrangieren die Arbeiter gerade den Ausdruck jener inneren Wut, die sich Botero von der Seele malte. Ein Aufschrei mit dem Pinsel. Es sind Bilder von apokalyptischer Düsternis, die einen fast mehr erschüttern als das brisante Thema selbst, das er als erster Kunstweltstar anpackt: die Folterszenen von Abu Ghureib.

"Die USA foltern nicht"

Einige der Bilder waren schon in Deutschland kurz zu sehen, im Museum Würth in Künzelsau, außerdem in Athen und in Rom. Doch kein einziges US-Museum will sie zeigen, bis heute.

Selbstzensur? Immerhin enthält die US-Regierung ihren Bürgern noch immer einen Großteil der echten Abu-Ghureib-Fotos vor, wegen "potentiell aufrührerischer" Wirkung - als sei es ein reines PR-Problem. Da muss dann schon die Kunst als Gedankenhilfe einspringen.

Zehn Museen hatten eine Botero-Schau mit rund 100 seiner Gemälde geplant - doch alle hätten plötzlich abgesagt, als er das Repertoire um die Abu-Ghureib-Serie ergänzen wollte, berichtet der Maler. "Nicht ein einziges war mehr interessiert. Niemand wollte es anpacken. Keine Begründung. Aber die man kann sich denken."

Also griff Botero auf die private Marlborough Gallery zurück. Dort wurde die Ausstellung mit 45 Gemälden und Kohlezeichnungen gestern Abend eröffnet. Passenderweise am selben Tag, an dem US-Präsident George W. Bush in Washington das umstrittene neue Gesetz zum Umgang mit Kriegsgefangenen mit den Worten abzeichnete: "Die USA foltern nicht."

Schockierender als die echten Fotos

Die sadistische Misshandlung von irakischen Gefangenen im US-Militärgefängnis Abu Ghureib nahe Bagdad spielte sich Ende 2003 ab, kam aber erst im Frühjahr 2004 ans Licht, durch Recherchen des TV-Senders CBS und des US-Wochenmagazins "New Yorker". Wie Millionen Menschen war Botero entsetzt über die grausigen Berichte. Er las die ersten Meldungen auf einem Flug. Noch an Bord begann er zu zeichnen: "Ich bat die Stewardess um Papier."

14 Monate lang brachte er in seinem Pariser Studio seine "Rage" auf die Leinwand. Es entstanden rund 40 Zeichnungen und ebenso viele Ölbilder, in seinem bekannt üppigen Stil, mit jenen erotischen Zwischentönen, die den Betrachter diesmal in höchst unbequeme Gefilde treiben. "Ich war wie besessen", sagt Botero. "Ich konnte nicht aufhören. Ein Bild. Noch ein Bild. Noch ein Bild. Ich dachte an nichts anderes mehr."

Der Künstler nahm sich dafür nicht nur die wenigen publizierten Abu-Ghureib-Fotos zum Vorbild, die die Soldaten zur eigenen Unterhaltung geknipst hatten. Sondern auch Artikel, Bücher, Untersuchungsberichte. Er besteht darauf, nichts erfunden zu haben - sondern nur in die Wirklichkeit umgesetzt zu haben, was ohnehin dokumentiert sei. So sind die Bilder schockierender geworden, als es die bekannten Fotos je sein konnten.

Wie bei einem Leichenschmaus

Das zentrale Stück ist ein mannshohes Tryptichon, es zeigt drei nackte Gefangene in einer Zelle. Sie sind massiv-muskulös überzeichnet, sie haben purpurne Kapuzen über den Köpfen, blutige Wunden am ganzen Körper und die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden. Einer steht gekrümmt, einer wendet sich gebeugt ab, jener in der Mitte baumelt an einem Seil kopfüber von der Decke. Man kommt sich vor, als stehe man vor einem barocken Flügelaltar. Abu Ghureib, ein Kreuzweg des modernen Kriegszeitalters.

Doch dies sind keine Martyrien der Vergangenheit. Keine mittelalterlichen Alpträume, wie sie Hieronymus Bosch malte. Boteros "Vision der Hölle auf Erden", wie es der Ausstellungskatalog nennt, ist brandaktuell. Sie handelt von einem Krieg, der weiter tobt, während die Elite der New Yorker Kunstszene, Händler, Sammler, Kritiker gestern betreten übers Parkett wanderten und dessen erste große, malerische Bewältigung in Augenschein nahmen.

"Keiner traut sich, laut zu lachen", merkte der Dekorateur Richard Duncan an. "Wie bei einem Leichenschmaus."

Es war das erste Mal, dass Marlborough für eine Vernissage extra Wachschutz anheuerte, für den Fall politischer Proteste. Bullige Bodyguards, die den Bildern entsprungen zu sein schienen, filzten die Taschen aller Gäste. "Sicher ist sicher", sagt Verkaufsdirektorin Janis Gardner Cecil.

"Mein bisher politischstes Werk"

Boteros Gemälde sind extrem. Sie zeigen erzwungene Sexpositionen, schmerzverzerrte Gesichter, bis aufs Blut beißende Hunde. Von den Folterknechten sind oft nur die Hände zu sehen, mit Knüppeln und Latexhandschuhen, oder ihre schweren, ins Bild hineintretenden Stiefel. Einige der männlichen Gefangenen tragen rote Büstenhalter - eine verbürgte Erniedrigung der muslimischen Opfer von Abu Ghureib. Die Farben sind gedämpft, trübe, matt.

Botero befasste sich schon mit Militärjuntas und dem Drogenkrieg in Kolumbien. Doch dies, sagt er, "ist mein bisher politischstes Werk". Seine Folterbilder will er nicht als pauschale Kritik an den USA missverstanden sehen. Auch wenn es die Ernüchterung nach dem Vietnam-Krieg war, die ihn einst von New York nach Paris trieb.

"Es ist wichtig, dass die US-Öffentlichkeit diese Werke sieht, denn die, die diese Gräueltaten begangen haben, waren Amerikaner", sagt Botero. Und fügt hinzu: "Es ist aber auch die US-Presse, aus der ich das erfuhr, und ich bin sicher, dass die Mehrheit der Amerikaner missbilligt, was in Abu Ghureib geschah." Es ist jener Zwiespalt zwischen Gut und Böse, der den Künstler heute noch hilflos und wütend macht.

Parallelen zu Picassos "Guernica"

Auffällig ist, dass sich ausgerechnet ein Ausländer als Erster in großem Rahmen an Abu Ghureib wagt, jene "Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber Menschen", wie es der Kunstkritiker David Ebony nennt. Amerikaner haben sich dem heiklen Thema bisher nur zaghaft genähert, anders als in früheren Konflikten. Zum Beispiel Richard Serra mit dem Bild "Stop Bush" (2004), in dem er die Silhouette eines Folteropfers verfremdete.

Ist Kunst Politik? Kritiker wie David Ebony vergleichen Boteros Abu-Ghureib-Serie schon mit Picassos Anti-Kriegs-Werk "Guernica", und Philip Kennicott von der "Washington Post" sieht "Ähnlichkeiten" mit Francisco de Goya, der mit "Desastres de la Guerra" napoleonische Bluttaten anklagte.

Botero winkt ab: "Ach, ich kann doch nichts ausrichten", sagt er wenige Stunden vor der Eröffnung der Ausstellung. "Ich kann nur Zeugnis ablegen. Wenn die Zeitungen Müll sind und die Menschen vergessen, was gestern passiert ist, dann ist die Kunst das Einzige, was bleibt." Deshalb will er auch keines der Gemälde verkaufen, sondern sie alle einem Museum stiften.

Eines hat schon Interesse - das Museum Würth in Künzelsau.



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