Umstrittene Doku-Soap RTL II sucht den Superskandal

In der Doku-Soap "Willkommen in der Nachbarschaft" wetteifern Transsexuelle und bigame Schwarze um die Gunst ihrer spießigen Nachbarn. Medien und Politiker finden das diskriminierend, der Sender RTL II spricht von einem "lohnenden Experiment".

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Die Geschichte von "Willkommen in der Nachbarschaft" ist denkbar simpel: Fünf Familien bewerben sich um ein Haus im Wert von 250.000 Euro. Zu den Kandidaten zählen nach Angaben der Programmzeitschrift "Hörzu" unter anderem Schwarzafrikaner, Transsexuelle, Punks und Palästinenser. Jede Familie bleibt eine Woche, zum Schluss entscheidet das Urteil der Nachbarn, wer neben ihnen einziehen darf.

Bereits die Ankündigung der Sendung, Start: heute Abend um 21.15 Uhr, entfachte einen Sturm der Entrüstung. Politiker, Medienvertreter und Schauspieler monierten gleichermaßen, das Konzept der Sendung sei "diskriminierend". Die "Bild am Sonntag" nannte die Doku-Soap "Hetz-Fernsehen von bislang unbekannter Dimension". RTL II rekrutiere seine Kandidaten zielgerichtet aus sogenannten Randgruppen und konfrontiere sie mit einer Nachbarschaft mit "eher schlichtem Gemüt".

"Hörzu" forderte RTL II sogar dazu auf, die Sendung aus dem Programm zu nehmen. "Massenmedien haben die Aufgabe, gesellschaftlich spaltende Klischees abzubauen, anstatt diese zu verstärken", sagte Martin Häusler, Ressortleiter Aktuelles. Die Sendung verbreite inakzeptable Stereotype, "wobei wir doch gerade dabei sind, diese endlich zu eliminieren". Außerdem, so Häusler, fehle der Sendung jeglicher erklärender Kontext.

"Diskriminierend und menschenverachtend"

Maria Böhmer, 57, Staatsministerin im Bundeskanzleramt für Migration, Flüchtlinge und Integration, sagte in der "Bild am Sonntag", Sendungen wie "Willkommen in der Nachbarschaft" schürten "Vorurteile gegen Zuwanderer und Homosexuelle". Erstens würden die Kandidatenfamilien zu "Randgruppen der Gesellschaft stilisiert", zweitens würden sie "in einem künstlichen Wettbewerb gegeneinander ausgespielt". Das sei "diskriminierend und menschenverachtend".

Der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss, bekannt durch seine Rolle als Axel Richter in der Fernsehserie "Der Alte", brachte die Ankündigung der Doku-Soap so sehr auf die Palme, dass er sich per E-Mail an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Böhmer wandte. SPIEGEL ONLINE sagte er: "Die Entwickler der Sendung sollten dazu verdonnert werden, ihre eigene Sendung einen Nachmittag lang auf einem Zeltplatz in Mecklenburg-Vorpommern zu gucken - um zu begreifen, was für Reaktionen sie hervorruft."

Bei RTL II verteidigt man hingegen das Sendekonzept: "Es war nie unsere Absicht, irgend jemanden zu diskriminieren, und wir haben dies mit 'Willkommen in der Nachbarschaft' auch nicht getan." Ganz im Gegenteil habe die Sendung dazu geführt, "dass sich diese Nachbarschaft mit ihren eigenen Vorurteilen auseinander gesetzt" und am Ende "einen Riesenschritt" hin zu mehr Toleranz gemacht habe, sagte Programmdirektor Axel Kühn.

Rassistische Statements und Sexspielzeug-Partys

Die Sendung läuft die nächsten sechs Wochen immer Montagabends, die Entscheidung, wer in das 250.000-Euro-Haus einziehen darf, wird am 5. November ausgestrahlt. In der ersten Folge zieht ein Schwarzafrikaner mit seinen beiden Ehefrauen in das zu gewinnende Haus. Laut "Bild am Sonntag" kommentieren die Nachbarn dies mit den Worten, der Afrikaner sei doch nur in Deutschland, "um den Unterhalt seiner Familie durch unseren Sozialstaat erfolgen zu lassen".

Folge zwei kreist laut RTL-II-Webseite um einen transsexuellen Tischler und seine lesbische Lebensgefährtin. Um die Nachbarn auf ihre Seite zu ziehen, plane das Paar eine ganz besondere Überraschung: eine Sexspielzeug-Party. Das Homosexuellen-Portal "Queer" hält zu dem Thema gerade ein Voting ab. Demnach sind 70 Prozent dafür, die Sendung absetzen zu lassen.



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