Umstrittene Kunst in Hamburger Problemviertel Gold an der Hauswand, nichts in der Tasche

Die Veddel ist einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs. Ausgerechnet hier will ein Künstler eine Hauswand vergolden - für 85.000 Euro. Es ist ein Streit mit Ansage.

Boran Burchhardt
DPA

Boran Burchhardt


Gerade schaut die Welt auf die endlich fertiggestellte Elbphilharmonie im Hamburger Hafen. Die Elbinsel Veddel, nur wenige Autominuten von hier entfernt, leidet dagegen unter chronischem Aufmerksamkeitsmangel. Hier leben die meisten Sozialhilfeempfänger Hamburgs. Der Künstler Boran Burchhardt will nun den Fokus auf das Viertel lenken - mit einer Aktion, die mächtig provoziert.

Burchhardt plant, die Wand eines Wohnhauses zu vergolden. Material: 23,5 Karat Doppelrollengold. Kostenpunkt: 85.000 Euro. Das Geld wird aus einem Topf für Kunst im öffentlichen Raum kommen, den die Hamburger Kulturbehörde stellt. Es handelt sich also um Steuergeld. Die Arbeiten sollen im März 2017 beginnen und zwei Monate dauern.

Sein Anliegen beschrieb Burchhardt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: "Der Sinn des Projektes ist Kommunikation". Es gehe darum, Wirkung zu erzielen für einen Stadtteil, der sonst oft in einem negativen Kontext auftauche. Aus der Kunstszene habe er schon viele positive Rückmeldungen bekommen.

Viele negative Rückmeldungen gibt es aber auch. Nach Ansicht des SPD-Vizefraktionschefs in Hamburg-Mitte, Klaus Lübke, passt die Vergoldung der Hauswand überhaupt nicht zum Stadtteil und ist überflüssig. Auch Michael Osterburg, Grünen-Fraktionschef im Bezirk Mitte, monierte: "Das ist ein falsches Zeichen".

Besonders deutlich äußerte sich am Donnerstag Sabine Glawe vom Bund der Steuerzahler. "Es ist kaum zu glauben, wofür in unserer hoch verschuldeten Stadt plötzlich Geld da ist", sagte sie. Solange viele soziale Einrichtungen aus finanziellen Gründen von der Schließung bedroht seien, sei das Projekt "Hohn gegenüber den hilfsbedürftigen Menschen dieser Stadt".

Die Eigentümerin des Gebäudes, die städtische Wohnungsbaugesellschaft Saga GWG, stimmt der Aktion dagegen zu. Sprecher Michael Ahrens sagtegegenüber der Zeitung "Die Welt": "Kunst und Kultur bringen Menschen zusammen, regen zu Diskussionen an und stärken die Identifikation mit dem Quartier."

Boran Burchhardt ist seit 1. Januar 2016 "Quartierskünstler auf der Veddel", ein Stipendium, das die Saga seit 2006 vergibt. In der Ausschreibung dafür heißt es: "Die Ausloberin erwartet, dass der/die Preisträger/in sich mit dem Stadtteil beschäftigt, diesen künstlerisch reflektiert und die Bewohner und Bewohnerinnen in den künstlerischen Prozess aktiv einbindet." Zumindest für Aufmerksamkeit hat Burchhardt schon einmal gesorgt.

kae/dpa

Mehr zum Thema


insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
irene_vaplus 03.11.2016
1. Goldene Gossen
Wenn Geld für die Benachteiligten verschwendet wird, kommt grundsätzlich der Einwand, dass man mit dem Geld ja hätte helfen können. Wollte man aber noch nie. Deswegen ist Verschwendung für die Armen wirklich super. Goldene Gossen.
nett54 03.11.2016
2. Bravo!
Das ist echt mal eine geile Aktion, finde ich super. Diese Wand wird eine Menge Aufmerksamkeit ( und Touristen, die dort auch Geld ausgeben ) in diesen Stadtteil bringen.
Kamatipura 03.11.2016
3. vom Lohn abziehen
ich empfehle, derjenige, der Steuergelder für so einen Schwachsinn frei gegeben hat, soll den Betrag aus seiner eigenen Tasche zahlen. Mal sehen, was er dann von "Gesprächen der Menschen untereinander und vom kulturellem Austausch hält!
Xavier 03.11.2016
4. Das ist eben Kunst
Gute Kunst provoziert. Und bringt so den Beobachter ins Grübeln. Über sich und über die Umgebung. Gut gemacht.
tagesgast_01 03.11.2016
5. nach der Wende gabs die Mauerspechte ;)
Würde mich nicht wundern, wenn die Bewohner nächtens mit kleinen Hämmerchen und Spatel die Goldfassade schnell wieder abtragen. ;)) Aber mal im Ernst, für so einen Unsinn renne ich ungern zur Arbeit. Langsam sollte der Steuerzahler mal wieder motiviert werden, statt immer nur Elbphili, Oettinger, die vielen Bundespräsidenten a.d. etc..., man muß ja schon einen leichten Hang zum Masochismus haben, um jeden Morgen freudestrahlend aus dem Bett zu springen um unser Bruttosozialprodukt zu stärken ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.