Umstrittene Waldschlösschenbrücke Dresden geht übers Wasser

Und sie bewegt sich doch: Wegen des Baus der Waldschlösschenbrücke verlor das Elbtal den Titel Weltkulturerbe, eine Blamage für Dresden. An diesem Sonntag schieben Kräne die Brücke Millimeter für Millimeter über die Elbe - für Fans des Projekts ein Grund zum Jubel.

DPA

Von Rick Noack, Dresden


Hundert Jahre lang habe Dresden auf diesen Augenblick gewartet, sagt Dieter Michalzik, 74. Nun kann er die Spannung kaum ertragen, starrt begeistert durch den Bauzaun: "Oh, sie bewegt sich." Endlich, meint Michalzik.

Für den Rentner war es ein denkwürdiger Moment, als die Dresdner Waldschlösschenbrücke vergangene Woche in Bewegung geriet. Da wurde sie noch über Land geschoben. Inzwischen sind die Arbeiten in der sächsischen Landeshauptstadt deutlich vorangekommen: Am Samstag schoben 35 Arbeiter und Ingenieure den Brückenbogen vom Ufer auf die Pontons auf der Elbe. Der Stahlkoloss lag am Abend mit einem Ende auf dem Wasser, mit dem anderen auf dem sogenannten Vorschubwagen noch an Land.

An diesem Sonntagmorgen hat auf der Baustelle das sogenannte Einschwimmen des Brückenbogens begonnen. Dabei wird die 1800 Tonnen schwere Stahlkonstruktion auf den Pontons und über den Schubwagen millimetergenau auf die Stützpfeiler bewegt, das ganze dauert mehrere Stunden lang. Viele Schaulustige an den Elbufern sehen sich das an. In den kommenden Tagen und Wochen soll der Bogen dann mit der restlichen Konstruktion verschweißt werden.

Das Projekt war viele Jahre lang höchst umstritten. Obwohl im Jahr 2005 fast 68 Prozent der Dresdner bei einem Bürgerentscheid für die Brücke gestimmt hatten, gab es danach jahrelang Proteste der Gegner. Aus ihrer Sicht hat sich Dresden mit der Waldschlösschenbrücke der Autofahrer-Lobby unterworfen. Aktivisten besetzten Bäume, strengten Klagen an und ließen keine Ruhe. Sie scheiterten.

Der Status "Weltkulturerbe" ist futsch

Letztlich verlor das Dresdner Elbtal im vergangenen Jahr den Unesco-Titel "Weltkulturerbe". Das hatte es bis dahin weltweit noch nie gegeben. Die Welterbehüter hatten gerügt, das vierspurige Bauwerk verschandele eine einmalige Kulturlandschaft. Bürgerinitiativen hatten für einen Tunnel als Alternative geworben, um den Titelverlust abzuwenden. Das lehnten Stadtspitze und Land Sachsen allerdings kategorisch ab.

Nach bisherigen Plänen soll die Autobrücke Anfang 2012 für den Verkehr freigegeben werden. Dieter Michalzik und Gleichgesinnte sehen sich am Ziel. "In meinem Haus gibt's auch einen Brückengegner. Aber den Kontakt mit ihm aufrecht zu erhalten, wird immer schwieriger", sagt er und schaut ein wenig verbittert. Er wolle sich nicht mehr aufregen, sagt der Rentner. Und tut es dann doch: "Das sind doch die Leute von Stuttgart 21, die hier in den Osten kommen, um bei uns zu protestieren. Und morgen liegen sie dann vor dem Castor-Transport."

Während sich im Rest Deutschlands eine "Dagegen-Republik" etabliert und "Wut-Bürger" zum Wort des Jahres gekrönt wurde, sind die Dresdner Brückengegner seltsam still geworden. Wo die TV-Kameras sind, sind fast alle dafür. Anfang Oktober scheiterten mehrere Umweltverbände, die im Eilverfahren vor Gericht den Weiterbau verhindern wollten. Zuletzt erklärte vor kurzem der Umweltverein Grüne Liga Sachsen, man könne die Brücke ja auch einfach wieder zurückbauen.

Michalzik lacht darüber nur. 1996 ging er in Frührente, aber das war ihm wohl schnell zu langweilig. Die Brücke kam, das Weltkulturerbe ging - und alles wurde gut, aus seiner Sicht. Zwei Kisten voller selbstgeschossener Fotos vom Brückenbau lagern bei ihm zu Hause: mehr als 1080 Bilder, jedes einzelne säuberlich nummeriert, beschriftet, archiviert. "Ich war sogar dabei, als die ersten Bagger die Muttererde wegtrugen", erzählt Dieter Michalzik stolz. Mutter Erde und Papa Dieter - wahre Liebe.

Brückenpicknick: Schade, dass August der Starke nicht mehr regiert

Regelmäßig trifft sich Michalzik in einer Gaststätte neben der Baustelle mit anderen Brücken-Befürwortern. Sie nennen das "Brückenpicknick". Es gibt Glühwein und Baupläne. "Nur der Altersdurchschnitt ist eben nicht mehr so jung hier", sagt Christiana Schädlich, 68, und schaut sich um. Keine Frage: Es ist ein Treffen der alten Generation. "Ich verstehe das nicht. Schließlich profitieren doch die jungen Leute am meisten von der neuen Verkehrsanbindung", sagt Schädlich und marschiert davon.

Auch Gerhard Kühn zeigt wenig Verständnis. "Die Dresdner sind doch dem Zeitalter von August dem Starken, ihrem früheren Barock-König, sehr zugetan", erklärt er genüsslich und macht eine Pause. "Aber wenn August der Starke hier noch etwas zu sagen hätte, dann würde er die Grünen sonstwohin treiben!" Der Ingenieur wird grundsätzlich: "Diese Tendenz, dass wir uns dem Neuen verweigern und die Technik beschuldigen, ist gefährlich. Durch diese Form der Demokratie machen wir uns alles kaputt." "Irgendwann muss man sich mal fügen", ergänzt Egon Engelhardt, ebenfalls Ingenieur.

Dieter Michalzik steht am Bauzaun und ist sicher: "Die Brücke bringt nur Vorteile mit sich. So viele Touristen wie dieses Jahr waren noch nie in Dresden." Auch die Stadt sieht durch den Brückenbau keine Auswirkungen auf die Zahl der Touristen. "Viele Menschen im In- und Ausland haben den Diskurs mitverfolgt und bringen Dresden mit dem Brückenthema in Verbindung. Aber trotzdem hat sich Dresden mit dem durchgesetzt, was es ist: eine schöne Stadt mit großer Geschichte", sagt Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH.

"Die Touristen kommen alle, um unsere Brücke zu sehen", sagt Eberhard von Alberti, 66, und lacht. "Ich weiß, wie wir das Weltkulturerbe zurückbekommen. Denn unsere Brücke sieht wie ein Schwibbogen aus. Mit Beleuchtung hätten wir den größten Schwibbogen der Welt." Schwibbögen sind eine Tradition aus dem Erzgebirge - Lichterbögen als Weihnachts-Deko. Die Idee, die Waldschlösschenbrücke zu Weihnachten als großen Schwibbogen zu vermarkten, ist kein Scherz. Sie stammt ursprünglich von Gerhard Fettweis, einem Professor der Technischen Universität Dresden.

Michalzik bräuchte dann keine Weihnachtsdekoration mehr am Fenster. Und August der Starke wäre stolz auf die Dresdner.

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Baldus1 19.12.2010
1. tradion und moderne
Ich finde, tradion und moderne, beides ist zusammen möglich. Ansonsten wäre unsere Gesellschaft schon lange stehen geblieben. Manchmal scheint es in unserer Gesellschaft keinen mittelweg mehr zu gegeben. Nur noch wie bei einen Computer 1 oder 0. Aber sollten wir Menschen uns nicht davon unterscheiden?
genugistgenug 19.12.2010
2. unlogisch
---Zitat--- "In meinem Haus gibt's auch einen Brückengegner. Aber den Kontakt mit ihm aufrecht zu erhalten, wird immer schwieriger", sagt er und schaut ein wenig verbittert. Er wolle sich nicht mehr aufregen, sagt der Rentner. Und tut es dann doch: "Das sind doch die Leute von Stuttgart 21, die hier in den Osten kommen, um bei uns zu protestieren. Und morgen liegen sie dann vor dem Castor-Transport." http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,735515,00.html ---Zitatende--- was für eine Logik - wenn man seinen Mitbewohner als reisenden Berufsdemonstranten bezeichnet. Ich kann mir gut vorstellen wie diese Person immer wieder die angeblichen Vorteile der Brücke runterbetet und dem anderen nicht zuhört. Zur Brücke selbst kann ich nur wiederholen - Land und Stadt gegen die UN und damit sozusagen gegen den Rest der Welt.
zwischendominante 19.12.2010
3. Glückwunsch
Zitat von sysopUnd sie bewegt sich doch: Wegen des Baus der Waldschlösschenbrücke verlor das Elbtal den Titel Weltkulturerbe, eine Blamage für Dresden. An diesem Sonntag schieben Kräne die Brücke Millimeter für Millimeter über die Elbe - für Fans des Projekts ein Grund zum Jubel. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,735515,00.html
Da erlaube ich mir mal, die von den Bürgern demokratisch gewollte Brücke elegant zu finden und glaube, die Stadt gewinnt dadurch - nicht nur für ihre Infrastruktur. UNESCO-Gegacker hin oder her ...
Volker Tuermer 19.12.2010
4. Glückwunsch
Zitat von sysopUnd sie bewegt sich doch: Wegen des Baus der Waldschlösschenbrücke verlor das Elbtal den Titel Weltkulturerbe, eine Blamage für Dresden. An diesem Sonntag schieben Kräne die Brücke Millimeter für Millimeter über die Elbe - für Fans des Projekts ein Grund zum Jubel. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,735515,00.html
Glückwunsch an die Dresdner. Der Bau zeigt, dass es auch in Deutschland noch möglich ist sinnvolle Infrastrukturprojekte durchzusetzen wenn man bereit ist, den Kampf mit den Berufsdemonstranten aufzunehmen.
hansulrich47 19.12.2010
5. Kinderkram
Und jetzt sollen wir uns wieder als "Wutbürger" zeigen dürfen? Ich finde es lächerlich, wenn ein "Ensemble" von Fluß, Landschaft und Gebäuden nur dann "Weltkulturerbe" ist, wen es sich NIE verändert. Dann ist dieser Titel eh nur Mist. Es ändert sich doch ständig alles, oder etwa nicht. Nur die Werbung behauptet, "es ist so schön, wie ist, so soll es bleiben." Sowas ist für Doofe. Nur wer Veränderung akzeptiert überlebt. Oder darf auf den Ponyhof. Ist das etwa das Lebensziel Ponyhof für alle? Locker bleiben, neues wollen, sonst kommt doch nur muffige Langeweile auf. Ich werde gerne über diese Brücke fahren, wenn sie erst mal fertig ist. Und wegen des Titels würde ich nicht kommen, sondern wegen Dresden und dem Elbstandsteingebirge.
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