Umstrittener Contergan-Film "Ich habe immer daran geglaubt"

Nach langem juristischem Hickhack darf Michael Souvignier jetzt seinen Zweiteiler "Contergan" in der ARD zeigen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Produzent darüber, wie die Pharma-Firma Grünenthal seine Arbeit behinderte - und was die Opfer von seinem Film halten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Souvignier, das nennt man wohl perfektes Timing: Ihr Film "Contergan" wird nun fast punktgenau zum 50. Jahrestag der Markteinführung des Medikaments (1.10.1957) in der ARD gezeigt. Hatten Sie das Jubiläum bei der Entwicklung des Stoffes schon im Hinterkopf?

Souvignier: Nein, diese Jahreszahl war für uns nicht so entscheidend. Meine Frau und ich haben das Thema unabhängig davon recherchiert und dann entsprechend umgesetzt. Nur durch den Prozess hat es sich ergeben, dass Ausstrahlung und 50. Jahrestag jetzt ganz eng beieinander liegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich also einfach gesagt: Den Contergan-Skandal aufzubereiten, das wäre mal ein interessanter Filmstoff?

Souvignier: Wenn Sie als Produzent tätig sind und sich mit historischen Stoffen und der deutschen Geschichte beschäftigen, streifen Sie ja die verschiedensten Themen, ob das jetzt "Das Wunder von Lengede" ist oder zuletzt "Tarragona". Erst wenn man tiefer in die Geschichten eintaucht, entdeckt man ihr Kapital und ihre Dramatik. Bei der tieferen Recherche zu Contergan war das Thema so unglaublich bewegend und umfassend, dass ich gedacht habe, mein Gott, hoffentlich schafft man das überhaupt in einem Zweiteiler.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie eigentlich Denise Marko gefunden, die die Contergan-geschädigte Tochter des Protagonisten spielt?

Souvignier: Bei der Besetzung dieser Rolle gab es zunächst verschiedene Überlegungen. Es gibt ja weiterhin Contergan-geschädigte Kinder, vor allem in Dritte-Welt-Ländern, weil der Wirkstoff Thalidomid auch gegen Lepra eingesetzt wird – aber das sind dunkelhäutige Menschen. Und dann haben wir recherchiert, dass es einen seltenen genetischen Defekt gibt, den ein Außenstehender nicht von einer Contergan-Schädigung unterscheiden kann. Wir haben Ärzte kontaktiert, die darauf spezialisiert sind, und haben so Denise gefunden – nicht wissend, ob sie überhaupt spielen kann und möchte. Wir haben dann Gespräche mit ihr und ihren Eltern geführt und sind jetzt sehr glücklich, dass sie so eine tolle Performance abgegeben hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie angesichts der Brisanz des Stoffs mit juristischen Problemen seitens des Contergan-Herstellers Grünenthal gerechnet?

Souvignier: Dass Grünenthal aggressiv reagiert, haben sie ja in der Vergangenheit auch schon gezeigt. Insofern habe ich mir vorstellen können, dass es zu juristischen Auseinandersetzungen kommt. Zumal das Unternehmen sich frühzeitig das Drehbuch besorgt hatte – über Kanäle, die sich mir am Anfang nicht erschlossen haben. Zunächst sind sie auf uns zugekommen mit Forderungen – also: Grünenthal nicht Grünenthal zu nennen oder Contergan nicht Contergan –, denen ich nicht zustimmen konnte. Damals haben sie uns die juristischen Auseinandersetzungen auch schon avisiert. Aber ich habe mir nicht ausmalen können, dass die Chancen von Grünenthal allzu groß sein würden; es gibt ja Tausende von Filmen, die sich mit historischen Begebenheiten beschäftigen, und Konzerne haben ja in dem Sinne kein Persönlichkeitsrecht. Aber dann haben sie sich sehr schnell mit dem ehemaligen Opfer-Anwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen verbündet – und das hat mich doch sehr gewundert.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie im Umgang mit Schulte-Hillen, der die Hauptfigur des Films inspiriert hat, im Nachhinein etwas besser oder anders machen können?

Souvignier: Nein, keineswegs. Wir hatten ja Gespräche mit ihm, die positiv waren. Erst als dann ein größeres Gespräch mit ihm und seiner Familie stattfand und auf einmal der ehemalige Grünenthal-Justiziar Herbert Wartensleben dabeisaß, wurde mir klar, dass das jetzt nicht mehr zwei Paar Schuhe sind, sondern nur noch ein Paar. Und dass die Menschen, die mal Gegner waren, sich längst miteinander verbündet haben. Das war umso überraschender, als man schon anhand des Drehbuchs feststellen konnte, dass hier eine heroische Figur gezeichnet wird, ein außerordentlich positives Bild eines Menschen – wobei Schulte-Hillen nur als Urbild diente. Wir haben diese Figur so verfremdet und weiterentwickelt, dass eine vollkommen eigenständige Kunstfigur entstanden ist. Das hat das Gericht auch in allen Aspekten anerkannt.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem seitens der Kläger zunächst auf Basis des Drehbuchs 32 Punkte beanstandet worden waren, mussten Sie am fertigen Film nur eine Szene ändern – eine Episode mit einem Privatdetektiv. Alle anderen monierten Punkte haben Sie also beim Dreh aus freien Stücken anders umgesetzt?

Souvignier: Genau. Der Film, so wie er jetzt gezeigt wird, ist ja seit anderthalb Jahren fertig. Die Punkte, die in dem Verfahren am Hamburger Landgericht auf Drehbuchbasis beanstandet wurden, stammten aus einer von vielen Skriptfassungen. Und es ist ganz automatisch der Fall, bei jeden Dreharbeiten, dass sich Dinge noch mal ändern. Die gerichtliche Auseinandersetzung begann übrigens erst, nachdem wir die Dreharbeiten beendet hatten. Was den einen Punkt mit dem Detektiv angeht: Da haben wir nichts rausgeschnitten, sondern eine Szene dazugedreht, weil es darum ging darzustellen, dass der Detektiv bei konkreten Handlungen nicht im Auftrag von Grünenthal gehandelt hat. Daraus hätte man negativ auf den Konzern schließen können, hat das Gericht entschieden – wohl wissend aus der Anklageschrift, dass Grünenthal damals zwei Detektive angeheuert hat, die für die Firma "recherchiert" haben. Deshalb ist die Darstellung des Detektivs als solche auch in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jemals ernsthaft in Betracht gezogen, dass Ihr Film verboten wird?

Souvignier: Ich habe immer daran geglaubt, dass wir gewinnen, weil wir einfach sorgfältig gearbeitet haben. Aber dass es so ein mühseliger, langer Weg wird – das war ja ein Eilverfahren, das anderthalb Jahre gedauert hat –, das habe ich mir nicht so vorgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie als letztes Mittel eventuell doch Medikamenten- und Herstellername geändert, wenn der Film dann hätte laufen können?

Souvignier: Wozu hätte das führen sollen? Das ist ja nun mal kein Krankheitsbild, das es alle Tage gibt, sondern ein einmaliger Fall. Jeder, der einen Contergan-Geschädigten sieht, weiß ja, dass es sich bei den Missbildungen um Contergan-Folgen handelt. Produkt oder Firma anders zu nennen wäre für mich daher nicht in Frage gekommen - wir wollten diesen Fall künstlerisch aufarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Noch immer ist der Prozess nicht ganz beendet; es gibt noch Punkte, die beim Landgericht Hamburg anhängig sind.

Souvignier: Richtig, jetzt geht das wieder von vorne los im sogenannten Hauptsacheverfahren.

SPIEGEL ONLINE: Was kann da noch passieren? Gezeigt wird der Film ja nun.

Souvignier: Was das Hauptsacheverfahren an dieser Stelle neu bringen soll, entzieht sich im Moment auch meinem Verständnis.

SPIEGEL ONLINE: Könnte der Auslandsverkauf des Films davon betroffen sein?

Souvignier: Der Film ist jetzt als Trailer auf der Messe in Cannes vorgeführt worden, und unser Weltvertrieb führt Gespräche. Wir haben in Deutschland gewonnen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass in einem anderen Land anders entschieden wird. Schließlich ist der Schutz der Persönlichkeitsrechte hier sehr weitgehend.

SPIEGEL ONLINE: Ärgert es Sie eigentlich, dass Sie nun nach dem ganzen langen Kampf um die Ausstrahlung ausgerechnet gegen Champions-League-Fußball antreten müssen?

Souvignier: Ich persönlich hätte schon gedacht, dass das ein hochinteressanter Film auch für Sonntag/Montag gewesen wäre, aber der Mittwoch/Donnerstag-Sendeplatz ist auch etabliert und gut. Und dass wir jetzt ausgerechnet gegen Fußball laufen – nun, das ist so, das lässt sich nicht vermeiden. Insbesondere bei der prozessbedingten Planungsunsicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Film schon Contergan-Geschädigten gezeigt?

Souvignier: Wir haben ihn mittlerweile den Contergan-Verbänden gezeigt. Wir hatten ja von vornherein engen Kontakt zu Contergan-Geschädigten, aber jetzt haben sehr viele von ihnen den Film gesehen, und der positive Widerhall, der dort entstanden ist, ist für mich eigentlich die größte Bestätigung. Wir hatten eine Team-Premiere, an der ungefähr 20 Contergan-Geschädigte teilgenommen haben, und als zum Schluss einer von ihnen aufstand und sagte: "Wir möchten uns bei Ihnen bedanken, Herr Souvignier, dass Sie diesen Film gemacht haben, denn Sie haben uns vor der Vergessenheit bewahrt" – das hat mich doch sehr berührt und auch stolz gemacht.

Das Interview führte Peter Luley


"Contergan - Eine einzige Tablette" (Teil 1), Mittwoch, 7. November, 20.15 Uhr, ARD

"Contergan - Der Prozess" (Teil 2), Donnerstag, 8. November, 20.15 Uhr, ARD



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