Athen/Hamburg - Nur harsche Kritik oder schon schwere Beleidigung? In Athen hat heute der Prozess um die "Stinkefinger-Aphrodite" auf dem Cover des Magazins "Focus" begonnen. Mit dem Satz "Betrüger in der Euro-Familie" hatte der "Focus" am 22. Februar 2010 die griechische Liebesgöttin mit ausgestrecktem Mittelfinger auf dem Titel gezeigt und damit auf die desolate Finanzlage Griechenlands angespielt. Griechische Rechtsanwälte erstatteten daraufhin Anzeige. "Ich fühle mich als Grieche auf übelste Art beleidigt", sagte Theodoros Frangakis, einer der klagenden Rechtsanwälte, am ersten Verhandlungstag.
Wegen übler Nachrede, Verleumdung und Verunglimpfung griechischer Staatssymbole müssen sich nun mehrere Redakteure des Münchner Magazins, darunter Ex-Chefredakteur Helmut Markwort, sowie der Reisejournalist Klaus Bötig verantworten. Die Beklagten erschienen zum Prozessauftakt am Dienstag nicht selbst vor Gericht. Ihre Verteidiger bezeichneten die Anzeige als "absurd". Sechs der Angeklagten hatten bereits im Vorfeld Verfahrensfehler bei der Zustellung der Vorladung moniert. Ihr Verfahren wurde abgetrennt. Die sieben restlichen Angeklagten ließen am ersten Prozesstag ähnliche Einwände vortragen und bezweifelten zudem die örtliche Zuständigkeit des Gerichts. Diese Einsprüche wies die dreiköpfige Kammer jedoch ab und legte als nächsten Verhandlungstermin den 9. Dezember fest. Dann wird es wohl erstmals um die eigentlichen Vorwürfe gehen.
Nicht nur das Titelbild der umstrittenen "Focus"-Ausgabe wird von den Klägern als ehrabschneidend empfunden, auch der dazugehörige Text im Inneren des Heftes erregt ihren Widerspruch. In dem Artikel wurde die griechische Finanzmisere ausführlich beschrieben: Von säumigen Steuerzahlern war da die Rede, missglückten Bauvorhaben und verirrten Fährschiffen - alles in allem konstatierten die Autoren "2000 Jahre Niedergang" in Griechenland. Alles nicht wahr, finden die sechs klagenden Griechen: Die Geschichte enthalte falsche Behauptungen und sei zudem beleidigend.
Die griechischen Anwälte seien bereit, die Klage zurückzunehmen, wenn die Zeitschrift sich entschuldige, sagte Frangakis. Der Prozess war im August zunächst verschoben worden. Die Richter stellten damals fest, dass sechs der Angeklagten nicht vorschriftsmäßig geladen worden waren. Zudem fehlten zwei Verteidiger des frei für den "Focus" und "Focus Online" schreibenden Reisejournalisten Klaus Bötig - sie konnten nicht rechtzeitig in Athen sein.
Bei einer Verurteilung könnte das Gericht im Höchstfall zwei Jahre Haft verhängen.
vks/dpa, Mitarbeit: Ferry Batzoglou
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