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Umstrittener Sterbehilfe-Film: Der sanfte Freitod des Mister E.

Von Philip Oltermann, London

Ein kranker Mann nimmt sich das Leben und wird dabei gefilmt. "Makabren Voyeurismus" und "Quotenhascherei" werfen Sterbehilfe-Gegner der britischen TV-Doku "Recht zu sterben" vor - zu Unrecht. Das Werk ist eine sensible Studie zur Alltäglichkeit des Todes.

Ein Mann trinkt eine Flüssigkeit durch einen Strohhalm, verzieht das Gesicht - und schläft wenig später zu Beethovens 9. Symphonie ein. Überraschend, wie viele Leute sich über diese Szene bereits aufregt haben. Als "ghoulish vouyeurism", "makabren Voyeurismus" also, als "Werbefilm für begleitende Sterbehilfe" und als "Quotenhascherei" wurde der Film bezeichnet, der mit dieser Sequenz endet.

Dabei lief "Recht zu sterben" erst am Mittwochabend um 21 Uhr über den Bildschirm – also mindestens 24 Stunden, nachdem die Moralwächter bereits ihre Rezensionen abgeliefert hatten – und zudem noch auf dem eher obskuren britischen Nischenkanal Sky Real Lives.

Wer sich den Film des Oscar-prämierten Dokumentarfilmers John Zaritsky selbst anschaut, mag eigentlich nicht mehr von Skandal reden: Auf undramatische, intime Weise wird hier von dem Schicksal zweier älterer Paare erzählt. Craig Ewert ist 59, ein pensionierter Informatik-Professor aus Amerika, der mit seiner irischen Frau Mary in Harrogate im englischen Landkreis Yorkshire lebt. Im April 2006 wird bei Ewert die unheilbare Muskel- und Nervenkrankheit ALS diagnostiziert – fünf Monate später entschließt er sich zu sterben. Seine Lähmung behindert ihn zunehmend beim Schlucken – er will sich das Leben nehmen, solange er es noch aus eigener Kraft kann.

Zaritskys Film beginnt mit dem Text einer E-Mail, die Ewert an die Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas schickt. Vorgelesen wird sie von ihm selbst, mit stockender Stimme, begleitet vom Zischen seiner Atemmaschine: "Ich sterbe. Es würde keinen Sinn machen, diese Tatsache zu leugnen. Mich überrascht, dass ich mich dabei so fühle wie sich die amerikanischen Einwanderer im 19. Jahrhundert gefühlt habe müssen: Ich befinde mich auf einer Reise, über deren Ziel ich nur vage Gerüchte gehört habe."

Ewert redet den ganzen Film über so: Clever, einprägsam, rhetorisch versiert. Eine Art agnostischer Advocatus Diaboli. Seine Kritiker fertigt er schon im Voraus ab: "Ohne modere Medizin und Technologie wäre ich wahrscheinlich schon längst tot. Ärzte dürfen Gott spielen. Aber wenn leidende Menschen ihr Schicksal selbst bestimmen wollen, regen sich die Christen auf: 'Oh, ihr dürft euch doch nicht wie Gott aufführen!'."

Ein "Werbefilm für Sterbehilfe" ist "Recht zu sterben" trotzdem nicht. Neben Craig und Mary Ewert zeigt der Film auch Betty und George Coumbias, ein griechisch-kanadisches Paar in ihren frühen Siebzigern. George hat drei Herzinfarkte hinter sich – "Mein Arzt sagt, mein Herz sei wie ein Motor mit vier Kolben, von denen nur noch einer funktioniert." Er kann weder einen Tennisschläger halten noch Sex haben. Er will deswegen sterben, seine kerngesunde Frau auch, trotz zwei erwachsener Töchter: "Wenn er stirbt, will ich nicht mehr leben."

Freitod als Luxus

Auch Betty und George wenden sich am Anfang von Zarotskys Film an Dignitas. Beide Paare reisen dann nach Zürich, um sich mit dem Dignitas-Gründer Ludwig Minelli zu treffen und ein ärztliches Urteil einzuholen. Ewerts Antrag wird angenommen. Die Coumbias allerdings werden abgewiesen.

Zarotsky schneidet die Szenen so, dass man als Zuschauer kaum anders kann, als diese Entscheidung als gerecht zu empfinden: Für den leidenden Craig Ewert, suggeriert Zarotsky, ist der Freitod der einzige Ausweg. Für die fidel wirkenden, stets busselnden Betty und George Coumas aber ist er ein Luxus. Auf dem Rückweg zum Flughafen ist das Paar sichtbar genervt: "Wenn die uns nicht helfen wollen, kaufen wir uns eben eine Knarre", meint George.

Der Originaltitel des Films, "The Suicide Tourist" ("Der Selbstmordtourist"), hätte zu dieser Szene durchaus gepasst: Zaritsky hätte einen böseren, viel skandalträchtigeren Film über dieses Pärchen drehen können.

Im Mai dieses Jahres lief ein solcher Film auf Channel 4, dem britischen vierten Programm. Der Journalist Jon Ronson befasste sich darin mit einer guten Portion schwarzem Humor mit dem amerikanischen Priester und Sterbehelfer George Exoo. Der Film, der unter dem durchaus reißerischen Titel "Reverend Death" lief, erntete keine Schlagzeilen, wie "Recht zu sterben" es diese Woche tat – dabei ist Zaritskys Film im Vergleich ein schüchternes, leises Werk.

Die Kameratricks und Interviewfinten, die im heutigen TV üblich sind, liegen ihm ebenso fern wie Meinungsmacherei und Selbstinszenierung: cineastisch hätte der Dokumentarfilm auch aus den Achtzigern stammen können, als Zaritsky mit "Just Another Missing Kid", einem Dokumentarfilm über einen vermissten Teenager, einen Oscar gewann.

Die letzte halbe Stunde des Films gehört allein Ewert. Die vieldiskutierte Sterbeszene ist rührend, aber nicht mehr als eine Szene kurz zuvor: Mary, wie sie ihrem Mann die Haare wäscht, die Zähne putzt und die Augenbrauen kratzt, routiniert und trotzdem zärtlich. Ewerts Tod in den letzten zehn Minuten des Films ist nicht allein deswegen bemerkenswert, weil Sterben im Film und Fernsehen sonst nie so alltäglich erscheint.

Der rosafarbene Strohhalm, durch den Ewert das Gift trinkt, erinnert an einen McDonald's-Milchshake. Das Hotelzimmer ist steril und charakterlos wie Hotelzimmer nun einmal sind, dazu noch schlecht beleuchtet.

Wenige Minuten, nachdem Ewert eingeschlafen ist, ertönt ein langer Piepton von der Beatmungsmaschine neben seinem Bett – man ertappt sich beim Aufatmen, immerhin dieses Zeichen kennen wir aus dem Kino, ansonsten: Der Tod kommt undramatisch, ohne Inszenierung.

Mary küsst Craig zweimal auf die Stirn. Das Ende.

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