Umstrittenes Kunstwerk Berlin will keine "Judensau"

In seinen Werken greift Lennie Lee antisemitische Klischees auf, berüchtigt ist sein Werk "Judensau". Ein Berliner Kurator lud den britisch-jüdischen Künstler ein - und wieder aus. Zensur oder berechtigte Vorsicht?

Von Khuê Pham und


Berlin - Die Nase groß und hakenförmig, der Blick grimmig und gierig: So stellt sich Lennie Lee eine "Judensau" vor. Was auf den ersten Blick aussieht wie überdrehte Nazipropaganda, soll eine künstlerische Auseinandersetzung mit antisemitischen Stereotypen sein.

Lee-Bild "Judensau": Unterdrückte Kunst?
Lennie Lee

Lee-Bild "Judensau": Unterdrückte Kunst?

Der jüdische Brite Lee hat ein persönliches Motiv für seine Arbeit: Mehrere seiner deutschen Vorfahren wurden im KZ ermordet. Er selbst wurde in Südafrika, damals britische Kolonie, geboren und wuchs in England auf. Dort beschimpfte man ihn täglich als "Jewish pig", als "Judensau" – jetzt hat der in London lebende Kreative das Hasswort in Kunst verwandelt.

Lee selbst sagt, dass er mit seiner Kunst Tabus verdeutlichen und brechen will. "Ich will die Menschen mit ihren unterschwelligen Vorurteilen konfrontieren, um sie von ihrer Angst zu befreien." Doch für den selbst ernannten Befreiungskämpfer scheint in der Berliner Kunstszene kein Platz zu sein. Sechs Tage vor der Eröffnung einer Gruppenschau im Berliner Ausstellungsraum "Zustand" wurde Lee wieder ausgeladen. Der geplante Beitrag des Künstlers – "Judensau" sowie die Veröffentlichung eines Briefes einer vorherigen Absage eines Berliner Rathauses - würde die Aufmerksamkeit zu sehr auf deutsche Geschichte und Zensur lenken, so Kurator Reto Pulfer in einer E-Mail an Lee.

"Seine Werke haben einfach nicht in den Rahmen dieser Gruppenschau gepasst, und sie sind nicht ausgereift genug", sagte Pulfer zu SPIEGEL ONLINE. "Das Bild benutzt eine einfache Symbolsprache, lässt dann aber zu viel offen. Dadurch wirkt es plump." Überhaupt sei das Konzept der Ausstellung – über drei Tage zeigen Pulfers Freunde Werke zum Thema Zeit – nicht der richtige gewesen.

Zensur oder Kritik?

Der Künstler hingegen fühlt sich politisch zensiert. Schon vor zwei Jahren war ihm die Teilnahme an einer Gruppenausstellung im Treptower Rathaus in Berlin erst angeboten und dann verwehrt worden: Nur einen Tag hing das Bild "Judensau" dort, dann wurde es verhängt und schließlich abgenommen. Damals hatte die Kulturstadträtin Eva Mendl von der PDS gesagt, die von Lee bezweckte Diskussion sei zwar notwendig, aber ein öffentliches Gebäude sei nicht der richtige Ort dafür.

"Ich war total überrascht, dass ich in Deutschland solche Probleme mit den Ausstellungen hatte. Dass ich als jüdischer Künstler meine persönliche Familiengeschichte nicht verarbeiten darf, ist ein Unding. Ich verstehe ja, dass es in Deutschland bestimmte Gesetze gegen Extremismus gibt, aber diese sollte doch nicht dazu dienen, eine Minderheit zu unterdrücken", so Lee zu SPIEGEL ONLINE.

In Großbritannien wurde "Judensau" 1999 im renommierten Londoner Institute of Contemporary Art gezeigt. "Anfangs habe ich das Bild als eine persönliche Auseinandersetzung mit meiner Familie angesehen", erklärt der Künstler. "Erst die Reaktionen in Deutschland haben mir gezeigt, dass seine Signifikanz weit darüber hinausgeht. Wenn es nicht so wichtig wäre, hätte man nicht versucht, mich zu zensieren."

Symbolische Gewalt

Lee wirft Deutschland eine "Weißmacher-Kultur" vor, Pulfer - der übrigens zum Thema Antisemitismus noch nie ausgestellt hat - dementiert: "In Deutschland besteht auf jeden Fall der Bedarf, die antisemitische Vergangenheit künstlerisch aufzuarbeiten, aber das muss im richtigen Kontext passieren." Wegweisend dafür sei Claude Lévêques derzeitige Installation im Berliner Museum Hamburger Bahnhof. Dort kreisen langsam große schwarze Dreiecke, die zwischenzeitlich die Position des Ku-Klux-Klan Symbols einnehmen. Aber was haben rassistische Amerikaner mit der Vernichtung des europäischen Judentums durch die Nazis zu tun?

Während der deutsche Kurator für "mehr Abstraktion" plädiert, will der britische Künstler sein Werk nicht nur weiter ausstellen, sondern auch noch erweitern. Dazu plant er, mit Dokumenten auf seine bisherigen Ausstellungsabsagen zu verweisen. Besonders interessiert und empört ihn dabei die Rolle von Martin Luther: Der hätte "zeitlebens auch antisemitische Schriften verfasst".

Auch andere Zeichen seiner antisemitischen Vergangenheit habe Deutschland noch nicht entsorgt. So sei am Regensburger Dom, immer noch ein "Judensau"-Relief zu sehen. Das Bildnis zeigt durch spitze Hüte als Juden identifizierbare Menschen, die von einem Schwein gesäugt werden - eines der schlimmsten Diffamierungssymbole, die die christliche Kirche hervorgebracht hat.

"Ich bin ja bereit, mein Bild von der Wand zu nehmen – aber nur, wenn all die anderen "Judensäue" auch entfernt werden."



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