Umstrittenes RTL-Format Staatsanwalt ermittelt wegen "Erwachsen auf Probe"

Aus ganz Deutschland hagelte es Strafanzeigen - jetzt muss die Justiz ran: Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hat die Kölner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen der umstrittenen RTL-Dokusoap "Erwachsen auf Probe" eingeleitet.

Von Eckhard Stengel und


War das ein Geschrei! Wochenlang hatten Politiker und Kinderschützer lautstark gegen die neue RTL-Dokuserie "Erwachsen auf Probe" protestiert. Tagelang werden da Babys von jugendlichen Pärchen betreut - allein, um deren Fähigkeiten als Mami- und Papi-Nachwuchs zu testen. Die leiblichen Eltern sind zwar immer in der Nähe. Doch welches Baby weiß das schon? Also, argumentierten Kritiker, könnten die Kinder von unnötigen Trennungsängsten traumatisiert werden.

Bei der Kritik allein belassen es die Babyschützer allerdings nicht, sie rufen auch die Justiz an. Wie der Kölner Oberstaatsanwalt Rainer Wolf am Donnerstag SPIEGEL ONLINE sagte, gingen jeden Tag mehrere identische Anzeigen ein; insgesamt seien es bereits über 50.

Seine Behörde habe inzwischen ein Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen des Senders und gegen die beteiligten leiblichen Eltern eingeleitet. Dabei werde umfangreich geprüft, ob von Seiten der Senderverantwortlichen zum Beispiel eine Körperverletzung oder - bei den Eltern - ein Verstoß gegen die Fürsorgepflicht vorliege.

Dass die Beschuldigten am Ende tatsächlich angeklagt werden, ist laut Wolf aber "eher unwahrscheinlich". Fraglich sei, ob etwaige "kindliche Verlust-, Schmerz- oder Unlustgefühle hier bereits den strafrechtlichen Bereich berühren". Der Oberstaatsanwalt: "Das sind Grenzwanderungen, die man sehr sorgfältig untersuchen muss."

RTL wollte die Ermittlungen nicht weiter kommentieren. Seit Anfang Juni sei bekannt, dass Anzeigen vorliegen, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. "Über den aktuellen Stand der Untersuchung haben wir keine Informationen."

Erst vergangene Woche hatte RTL mit "Erwachsen auf Probe" ein kleines PR-Debakel erlebt. Mehrere Großunternehmen zogen ihre Werbung aus dem Umfeld der Doku-Reihe zurück, unter anderem der Süßwarenhersteller Storck und der Discounter Lidl.

Zuvor hatten 60 Verbände aus der Kinder- und Jugendhilfe das Aus für das Format gefordert. Kurz vor der ersten Sendung Anfang Juni hatte das deutsche Familiennetzwerk sogar beim Kölner Verwaltungsgericht einen Erlass auf einstweilige Anordnung beantragt, um die Ausstrahlung wegen "gravierender Menschenwürdeverletzungen" im letzten Moment zu verhindern - allerdings ohne Erfolg.



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