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Umzugspläne: "Bild" und "BamS" sollen nach Berlin - Mitarbeiter empört

Die "Bild"-Zeitung soll von Hamburg nach Berlin ziehen - das sei Wunsch der Redaktion, sagte Chefredakteur Kai Diekmann in einem Interview. Viele Angestellte erfuhren allerdings erst heute Morgen aus der Zeitung von den Plänen. Auch "Bild am Sonntag" ist offenbar von dem Umzug betroffen.

Hamburg - Erfahrung mit dem Umziehen habe man inzwischen reichlich, sagte Springer-Unternehmenssprecherin Edda Fels zu SPIEGEL ONLINE. Schließlich seien in den vergangenen Jahren neben der "Welt am Sonntag" auch große Teile der Verwaltung nach Berlin gezogen. Organisatorisch sei der geplante Umzug der gesamten Redaktion der "Bild"-Zeitung also "das geringste Problem".

"Bild"-Zeitung: Großumzug von Hamburg nach Berlin geplant
DDP

"Bild"-Zeitung: Großumzug von Hamburg nach Berlin geplant

Im Detail sei noch unklar, welche Redaktionsteile genau umziehen müssten, "darüber werden derzeit Gespräche geführt", so Fels. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hatte "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann von "bis zu siebenhundert Kollegen und Kolleginnen" gesprochen, die von dem Umzug betroffen wären. Er sei eine reine Standortentscheidung, mit Synergien habe das nichts zu tun.

Der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner sei in die Pläne eingeweiht. Er sei, so Diekmann, "nicht wirklich entsetzt gewesen". Der Vorstand prüfe nun, ob und auf welche Weise ein solcher Umzug möglich sei und ob die damit verbundenen Maßnahmen wirtschaftlich vertretbar seien. Mit einer Entscheidung sei frühestens in zwei bis drei Wochen zu rechnen.

Der Umzug sei ein Wunsch der Redaktion, sagte Diekmann. Dort sieht man das offenbar anders: Besonderen Ärger hatte bei den Angestellten der Axel Springer AG der Umstand verursacht, dass sie die Umzugspläne heute Morgen aus der Zeitung hatten erfahren müssen. "Was ist das für ein schlechter Stil? Ein Interview zu geben und uns damit vor vollendete Tatsachen zu stellen", schimpfte eine Redakteurin. In der Konferenz der "Bild"-Zeitung hatte sich ein Kollege heute früh ausgesprochen pointiert empört: "Und ich dachte, alles Wichtige stünde zuerst in 'Bild'."

Dass offenbar nicht nur die Redaktion der "Bild"-Zeitung, sondern auch die der "Bild am Sonntag" von dem Umzug betroffen sein wird, legt eine E-Mail des "Bild am Sonntag"-Chefredakteurs Claus Strunz nahe, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Heute Morgen um genau 9.14 Uhr schrieb er seinen Mitarbeitern: "Nichts wird derzeit so intensiv diskutiert wie der Umzug der 'Bild'-Gruppe nach Berlin." Deswegen wolle er noch am Abend "alle Fragen" der Kollegen in einer Konferenz beantworten.

"Mir ist richtig übel, das wäre eine private Katastrophe für mich", sagte ein Redakteur des Blattes, der namentlich nicht genannt werden wollte, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Ein anderer Mitarbeiter machte seinem Unmut Luft: "Eher kündige ich, als dass ich nach Berlin gehe."

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und die Gewerkschaft ver.di zeigten sich geschockt und sprachen von einem schweren Schlag für den Medienstandort Hamburg. "Die jetzt öffentlich gemachten Gedankenspiele zeigen, dass das Haus Springer Hamburg offensichtlich nicht mehr als Zeitungsstandort sieht", sagte die Hamburger Landesvorsitzende des DJV, Marina Friedt. Es sei nicht nachvollziehbar, warum die "Bild"-Zeitung nach 55 erfolgreichen Jahren in der Hansestadt nun nach Berlin wechseln soll.

Ein Sprecher des Hamburger Senats betonte indes, die Meldung komme nicht überraschend. Es gebe Gespräche. Offenbar sei aber das letzte Wort noch nicht gesprochen. Man müsse darum erst einmal abwarten.

Diekmanns kleiner Traum

Dabei gibt es sogar schon einen Wunschtermin für den Umzug in die Hauptstadt: Am 3. Oktober - dem Tag der Deutschen Einheit - würde er gern die erste "Bild"-Ausgabe vollständig von Berlin aus produzieren, sagte Diekmann in dem "FAZ"-Interview. "Das wäre ein Signal, das der politischen Tradition des Verlages und dem Engagement seines Gründers Axel Springer für die Überwindung der deutschen Teilung entspricht", fügte der Chefredakteur hinzu. Er ergänzte: "Wenn es nicht bis zum 3. Oktober gelingt, ist es auch in Ordnung, aber es wäre ein kleiner Traum."

Als Grund für den Umzug nannte Diekmann die Bedeutung von Berlin als Nachrichten-Hauptstadt: "Berlin ist das politische, ist das kulturelle, ist das Lifestyle-Zentrum von Deutschland." Es sei wichtig, dort zu sein, wo die Nachrichten entstehen. Im Übrigen habe man schon jetzt eine große Parlamentsredaktion in Berlin, ebenso eine große Lokalredaktion. In Hamburg werde "Bild" mit einer großen Lokalredaktion bleiben. Andere Publikationen des Springer-Konzerns, wie "Hörzu" oder "Hamburger Abendblatt" würden ebenfalls weiterhin in Hamburg verbleiben, so die Unternehmenssprecherin.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurde der Betriebsrat gestern Abend über die Umzugspläne informiert. "Es gab in der Vergangenheit Hinweise, dass eine solche Entscheidung bevorsteht, aber dass es dann so schnell geht, damit hat niemand gerechnet", sagte ein Mitglied des Betriebsrats SPIEGEL ONLINE. Intern habe sich Diekmann immer für den Verbleib der Redaktion in Hamburg stark gemacht. "Er hat gekämpft wie ein Löwe", sagte der Gewerkschafter. Schließlich habe der Vorstandsvorsitzende Döpfner jedoch den "Umzug durchgeboxt". Jetzt müsse Diekmann die Entscheidung, gegen die er sich immer so gewehrt habe, nach außen vertreten. "Darin liegt eine gewisse Ironie." Der Umzug sei jedenfalls "beschlossene Sache. Ein Zurück wird es nicht mehr geben", sagte das Betriebsratsmitglied.

hoc/jdl/ddp/dpa

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