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Fotoprojekt über Gewaltopfer: Die Schönheit der Verbrannten

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Fotoband über Säureanschlag-Opfer: Zweite Leben Fotos
Ann-Christine Woehrl/ Echo Photo Agency

Tiefe Narben, entstellte Gesichter, verformte Gliedmaßen: Ann-Christine Woehrl hat Frauen fotografiert, deren Körper durch Säure oder Feuer entstellt wurden - ein Museum in München zeigt ihre Bilder.

Es war das letzte Streichholz in der Schachtel, das Neehaari in Flammen aufgehen ließ. Alle anderen 49 Hölzchen hatten kein Feuer gefangen. Die junge Frau aus dem indischen Bundesstaat Andhra Pradesh hat sich selbst angezündet. Nach fünf Monaten Ehe mit einem Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, war sie am Ende ihrer Kräfte. Er hatte sie seelisch, körperlich und sexuell missbraucht, sie wie eine Prostituierte behandelt. Einmal gab er ihr 100 Rupien, etwa zwei Euro, als Bezahlung für die vergangene Nacht.

Neehaari war im zweiten Monat schwanger, als sie zu ihren Eltern flüchtete. Es war der 9. Juli vor fünf Jahren. Sie ging in das Schlafzimmer und schüttete sich Kerosin über ihren Körper. Das war das Ende ihres ersten Lebens.

"Ich habe es nicht mehr ausgehalten, ich war so unglaublich traurig", sagt Neehari am Telefon. Sie ist jetzt 25 Jahre alt und arbeitet als Assistentin an einer Klinik für plastische Chirurgie in Hyderabad, der Hauptstadt von Andhra Pradesh. Über Neeharis Gesicht ziehen sich tiefe Narben, ihre Hände und Arme sind durch den Selbstmordversuch verkrümmt. "Ich bin seelisch fit, aber körperlich nicht."

Das Schicksal von Neehaari hält die deutsche Fotografin Ann-Christine Woehrl in einem Fotobuch fest, das gerade erschienen ist. Sie hat es "In/visible" ("Un/sichtbar") genannt. Das Völkerkundemuseum in München zeigt ab Freitag ihre Aufnahmen. Zwei Jahre lang ist Woehrl in Länder wie Indien, Nepal, Uganda, Bangladesch, Kambodscha und Pakistan gereist, um Frauen zu fotografieren, deren Körper entstellt wurden. Entweder durch die eigenen Hände oder durch Menschen, die sie mit Säure übergossen haben: eifersüchtige Ehemänner, zurückgewiesene Verliebte, rachsüchtige Schwiegermütter. Woehrl hat sie über Hilfsorganisationen gefunden und langsam Vertrauen zu den Opfern aufgebaut.

Zur Person
  • Ann-Christine Woehrl
    Ann-Christine Woehrl wurde 1975 geboren und studierte Fotografie in Paris. Sie beschäftigt sich vor allem mit dem Thema Außenseiter der Gesellschaft und fotografierte unter anderem Frauen, die in Afrika als Hexen stigmatisiert werden. Woehrl lebt und arbeitet als freie Fotografin in München.

Die Fotografin sieht nicht Opfer, sondern Überlebende

Die Fotografin will die Frauen nicht als Opfer zeigen, sondern als Überlebende. Als Menschen, die neuen Mut gefasst haben, sich ihrem Schicksal nicht ergeben haben, sondern weitermachen. Und sie will ein Bewusstsein für diese Verbrechen schaffen. Die Menschen sollen hinschauen. Ihre Fotos erschrecken. Sie zeigen verstümmelte Körper, entstellte Gesichter, tiefe Narben, verschlossene Lider, wo Augen sein sollten. Und sie zeigen Frauen, die sich mit Make-up, Nagellack und Lippenstift ihrer Vergangenheit entgegenstellen.

Hunderte Frauen werden jährlich Opfer von Säureanschlägen, nicht nur in Asien und Afrika geschehen diese Verbrechen. Auch in Kolumbien kommt es immer wieder zu solchen Angriffen. Im vergangenen Jahr schleuderte ein Unbekannter in Sansibar zwei Britinnen, die an einem Freiwilligenprogramm teilnahmen, Säure über den Körper.

Während ihrer Arbeit an dem Buch habe sie viele emotionale Phasen durchlaufen, sagt Woehrl. Sie habe sich gefragt, wozu Menschen überhaupt in der Lage seien. "Ich bewundere die Frauen, die die Kraft haben, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen."

Woehrl kann nicht sagen, ob ihre Bilder schön sind. Sie denkt nicht in den Kategorien schön und hässlich. Sie hat auch nur eine Ahnung davon, was sie Menschen zumuten kann. Vor einem Jahr, erzählt Woehrl, wollte sie ihre Fotografien einem spanischen Kurator zeigen - doch der wollte sie partout nicht sehen, als er erfuhr, was Woehrl abgelichtet hatte. "Das will ich nicht sehen, das kann ich nicht sehen", hatte er damals gesagt.

Ann-Christine Woehrl sieht die Narben der Frauen nicht mehr. "Je mehr man einen Menschen kennenlernt, desto weniger nimmt man seine Wunden wahr."

Auf der Haut brannte es

Auch Flavia nimmt ihre Narben nicht mehr wahr. Wenn die 25-jährige Uganderin am Telefon über ihre Vergangenheit spricht, dann tut sie das mit einer hellen, klaren Stimme. Sie lacht ab und zu, und es scheint, als sei das Lachen ihre Waffe, mit der sie die Vergangenheit bekämpft. Im Oktober vor fünf Jahren hat sie ein Mann mit Säure übergossen. Flavia weiß bis heute nicht, wer es war. Vielleicht der Freund, von dem sie sich kurz zuvor getrennt hatte.

"Ich dachte erst, es sei heißes Wasser oder heißer Tee", sagt sie über die Säure, die sie traf. "Aber es hat sehr weh getan. Ich wusste nicht, was da gerade passiert war. Ich konnte nur noch meine Augen schließen." Auf ihrer Haut brannte es, Flavia zog sich die Kleider vom Leib. Sie kam in ein Krankenhaus. "Ich wollte am nächsten Tag wieder in die Uni gehen, dachte, es wäre schon nicht so schlimm", sagt sie. Doch es war schlimm. Sieben Monate musste sie auf der Krankenstation bleiben.

Flavia mochte ihr Aussehen, sie fand sich hübsch. "Es war schrecklich, zum ersten Mal in den Spiegel zu schauen." Viele Monate dachte sie an ihr altes Leben. Es war eine Zeit, in der sie traurig und wütend war, in der sie nur geweint hat. Warum ich, dachte sie. Warum nur ich? Aber irgendwann war das Trauern genug. "Ich konnte ja nichts dagegen tun, also habe ich weitergemacht." Sie machte ihren Bachelor, arbeitet nun in einem Callcenter in der Kundenbetreuung, und wenn Menschen sie anstarren oder kleine Kinder bei ihrem Anblick nach ihren Müttern rufen, versucht sie, die Blicke zu ignorieren. "Ich will es einfach gut sein lassen", sagt sie. "I just want to let it be."

Neehaari aus Indien hat ihr zweites Leben begonnen. Sie hatte das erste Vorstellungsgespräch, den ersten Job. Sie sei nun selbstsicherer, erwachsen und zufrieden mit ihrem Leben, sagt sie. Was ihr widerfahren sei, sollen alle erfahren. Es gebe kein Grund, sich zu verstecken oder zu schweigen. Neehaari sagt, sie sei glücklich. Sie will nun ihre eigene Hilfsorganisation gründen. Einen Namen hat sie schon dafür: "Beauty of The Burnt".


Un/sichtbar - Frauen überleben Säure, Staatliches Museum für Völkerkunde, München, bis 11. Januar 2015

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1. Wer gute Nerven hat,
chris4you 05.06.2014
sollte sich "Krieg dem Kriege" ansehen, ein pazifistisches Buch aus der Zeit des ersten Weltkriegs... und dabei in Erinnerung behalten, dass in Teilen der Welt immer noch Krieg geführt wird. Und die Technik des (Massen-) Tötens ist nicht stehen geblieben...
2. Frauenhass
vevi 05.06.2014
Zitat von sysopAnn-Christine Wöhrl/ Echo Photo AgencyTiefe Narben, entstellte Gesichter, verformte Gliedmaßen: Ann-Christine Woehrl hat Frauen fotografiert, deren Körper durch Säure oder Feuer entstellt wurden - ein Museum in München zeigt ihre Bilder. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/un-sichtbar-ann-christine-woehrl-im-voelkerkundemuseum-muenchen-a-973400.html
Unglaublich, wie tief Frauenhass in manchen Gesellschaften verwurzelt ist. Wie unvorstellbar, ein anderes Leben bloß 'mal eben aus gekränktem Ego heraus zu zerstören. Ich werde mir die Ausstellung sicher ansehen, obwohl ich genau weiß, dass mich die Bilder in meinen Träumen verfolgen werden. Aber es ist gut, der Welt diese furchtbaren Verbrechen so deutlich vor Augen zu führen. Hut ab vor der Fotografin!
3. Wirklich schrecklich!
mcvitus 05.06.2014
Ich wünsche den Frauen viel Kraft auf ihrem weiteren Lebensweg. Ein Blick in diese Gesichter ist gleichzeitig ein Blick in die Abgründe der (leider angesichts ihrer Gräueltaten viel zu mild bestraften) Täter/in.
4. So ist es.
Zappa_forever 06.06.2014
Zitat von veviUnglaublich, wie tief Frauenhass in manchen Gesellschaften verwurzelt ist. Wie unvorstellbar, ein anderes Leben bloß 'mal eben aus gekränktem Ego heraus zu zerstören. Ich werde mir die Ausstellung sicher ansehen, obwohl ich genau weiß, dass mich die Bilder in meinen Träumen verfolgen werden. Aber es ist gut, der Welt diese furchtbaren Verbrechen so deutlich vor Augen zu führen. Hut ab vor der Fotografin!
Leider. Um so erstaunlicher empfinde ich es, wie dennoch viele (häufig alternativ angehauchte) Leute mit einer gänzlich naiven und romantisierenden Vorstellung als Touristen in solche Länder gehen, um der angeblichen Enge hierzuland zu entfliehen. Die meisten haben keine Ahnung, wie privilegiert und frei sie in der westlichen Hemisphäre tatsächlich leben.
5. Muss das sein?
Bazon_B 07.06.2014
Sehr geehrtes Spon-Team, muss das sein, solch schlimme Bilder direkt auf der Homepage einzubinden? Ohne Vorwarnung? Ich empfinde das als deutlich zu hart.
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