Underdog Österreich Mit Galgenhumor zum Sommermärchen

Österreich taumelt bei der EM zwischen Fatalismus, Selbstironie - und Großmäuligkeit: Kein Misserfolg kann vernichtend genug sein, um sich nicht zum Achtungstriumph hochjazzen zu lassen. Einen Gegner jedoch wollen die Fußball-Underdogs unbedingt besiegen: die Deutschen.

Von Sven Gächter


Waldemar Hartmann bedauerte: Bundeskanzler Alfred Gusenbauer musste seinen Besuch in "Waldis EM-Club" kurzfristig absagen – nach einer spektakulären Landtagswahlschlappe für die SPÖ habe er leider Wichtigeres zu tun. Wie bitte? Kann es denn etwas Wichtigeres geben als Fußball im Allgemeinen und eine Europameisterschaft im Besonderen, außer vielleicht einer Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land?

Es war kein guter Tag gewesen, dieser Sonntag, weder für die Regierungspartei SPÖ noch für das heimische Nationalteam. Nichts hatte Kanzler Gusenbauer, der in den eigenen Reihen mittlerweile schon mehr oder minder unverhohlen als lame duck gehandelt wird, weniger gebraucht als zweistellige Prozentverluste in Tirol und eine – immerhin nur einstellige – Niederlage der Euro-Gastgeber gegen Kroatien

Dass die nationale Depression trotzdem ausblieb, ist einem perfekt eingespielten, landläufigen Defätismus geschuldet: Die Österreicher sind Hiobsbotschaften von der seit knapp eineinhalb Jahren regierenden rot-schwarzen Koalition ohnehin gewohnt, und die Erfolgschancen der Nationalmannschaft waren bereits im Vorfeld der EM so gnadenlos kleingeredet worden, dass der verzweifelte Sturmlauf gegen den kroatischen Bürokratenfußball fast schon wieder kollektive Leidenschaft entfachte. Selbst der nicht unbedingt für sein eruptives Naturell berüchtigte Teamcoach Josef Hickersberger konnte seine Emotionen nur schwer zügeln: "Scheiße", antwortete er auf die Frage, was er beim unchristlich frühen Elfmeter gegen Österreich gedacht habe.

"Die Deutschen müssen vor uns zittern"

"Wir besiegen, wen WIR wollen!", unkte eine Wiener Stadtzeitung zwei Tage später. Die Kroaten habe man noch verschont. "Aber jetzt sind die Polen dran, und dann müssen die Deutschen vor uns zittern!" Galgenhumor ist das Privileg der Totgesagten. Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann dem Unabwendbaren die kalte Schulter zeigen und es damit vielleicht sogar ein wenig ärgern. Darin liegt die Kraft – und der Charme – der alpenländischen Realitätsbewältigung, ob sie nun die Raucherdebatte, den EU-Beitritt der Türkei oder das Abschneiden bei der Fußball-Europameisterschaft betrifft.

Hatten außerdem freundlicherweise nicht schon andere die undankbarsten Aufgaben übernommen: die Schweizer mit einem ähnlich verpatzten, ja tragischen Start? Die Griechen mit ihrem unterirdischen Atombunkerfußball? Oder die Deutschen, denen Lukas Podolski im Alleingang eine diplomatische Krise mit Polen einbrockte?

Österreich ist auf jeden Fall jetzt schon fein raus, unabhängig vom Ausgang der zwei noch verbleibenden "Endspiele" gegen Polen (am Donnerstag) und Deutschland (am Montag).

"Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär", sagte die Wiener Torjägerlegende Hans Krankl einmal.

Krankl war der Amtsvorgänger von Teamchef Hickersberger, vor allem aber war er jener Mann, der den amtierenden Weltmeister Deutschland 1978 in Córdoba mit zwei Toren aus der WM in Argentinien schoss und damit der Republik Österreich einen späten Gründungsmythos stiftete, von dem sie bis heute zehrt. Ein Sieg über die Deutschen wäre das kostbarste Geschenk, das die Österreicher sich zum verfrühten Abschied aus dem Turnier machen könnten. Alles andere ist nebensächlich, um nicht zu sagen: primär.

Die Kunst, einen Misserfolg zum Scheinsieg zu verklären

Auf der Suche nach einem Sommermärchen, wie Deutschland es vor zwei Jahren erlebte, taumelt Österreich also zwischen Fatalismus und Großmäuligkeit, Durchhalteparolen und Selbstironie – was deshalb blendend funktioniert, weil kaum ein anderes Land mehr Übung und Geschick in so schwierigen Balanceakten vorzuweisen hat. Die Kulturtechnik der Gratwanderung ist eine genuin österreichische Disziplin; kein Misserfolg kann vernichtend genug sein, um sich nicht zu einem Achtungstriumph – und somit einem strahlenden Scheinsieg – hochstilisieren zu lassen.

"Alles oder nichts?", fragt Teamchef Josef Hickersberger und gibt darauf eine ebenso kryptische wie entwaffnende Antwort: "Nein! Das kommt für mich nicht in Frage." Der Mann hat den Unernst der Lage souverän durchschaut: Einerseits kommt ALLES natürlich nicht in Frage – NICHTS andererseits aber schon gar nicht! Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte, irgendwo auf dem Platz, auf dem bis Ende des Monats noch Fußball gespielt wird, mit Österreich oder ohne.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.