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Unerhört: Kanzler-TV-Duell für Gehörlose gekippt

Der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender Phoenix wollte das TV-Duell zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Herausforderin Angela Merkel für Gehörlose mit Gebärdensprache übertragen. Doch die privaten Konkurrenzsender legten ein Veto ein.

Kanzlerkandidatin Merkel, Kanzler Schröder: Geräuschloser Auftritt
AP

Kanzlerkandidatin Merkel, Kanzler Schröder: Geräuschloser Auftritt

Hamburg - Es wäre mehr als eine nette Geste gewesen: Phoenix plante die Übersetzung des Fernsehduells zwischen dem Kanzler und seiner Herausforderin Angela Merkel (CDU) am kommenden Sonntag durch Gebärdensprache. Doch die Privatsender brachten das Projekt zu Fall; für gehörlose Menschen bleiben Staatschef und Unions-Politikerin zumindest am Abend des 4. Septembers stumme Figuren.

Die Übertragung des Streitgesprächs besorgen die beiden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ARD und ZDF gemeinsam mit RTL und Sat.1 um 20.30 Uhr. Phoenix, ein Tochtersender der Öffentlich-Rechtlichen, wollte ebenfalls zur Prime Time senden, doch dies rief die Privaten auf den Plan. Peter Limbourg, Chefredakteur der Sat.1-Tochter N24, erklärte, im Falle einer Übertragung durch Phoenix müsse auch seinem Hause und dem RTL-Abkömmling n-tv das Senderecht eingeräumt werden. Die Wettbewerbsgeleichheit müsse gewahrt bleiben, erklärte ein N24-Sprecher SPIEGEL ONLINE, außerdem könnten ARD oder ZDF ja eine Gebärdensprache-Übersetzung einblenden, wenn sie wollten.

Bei Phoenix hingegen besteht man auf einen angeblichen Mangel an Moral bei der Konkurrenz: "Ich finde es sehr bedauerlich, dass angesichts der Zurückhaltung der Privaten ein nicht unbeträchtlicher Teil wahlberechtigter Bürgerinnen und Bürger bei einer so wichtigen Sendung ausgeschlossen werden", erklärte Phoenix-Programmgeschäftsführer Klaus Radke der Nachrichtenagentur dpa. Rund 100.000 Menschen sind nach Phoenix-Schätzungen in Deutschland betroffen.

Ob sich die Sender auch bei Bela Anda taub stellen? Der Regierungssprecher appellierte in einem Brief an die vier verantwortlichen Chefredakteure, Hartmann von der Tann (ARD), Nikolaus Brender (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Peter Limbourg (N24/Sat.1), ihre "Entscheidung nochmals zu überdenken, um eine Übertragung auch in Gebärdensprache und damit im Sinne der politikinteressierten Hörgeschädigten möglich zu machen."

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