Unesco-Entscheidung Dresdner Elbtal verliert Weltkulturerbe-Status

Die Blamage ist jetzt amtlich: Das Elbtal in Dresden ist nicht länger Teil des Weltkulturerbes. Weil die Stadt trotz Mahnungen den Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke vorantrieb, hat die Unesco den Status aberkannt - das gab es bislang erst einmal.


Sevilla/Dresden - Es ist eine Blamage für Deutschland: Die Unesco hat dem bekannten Dresdner Elbtal seinen Status als Weltkulturerbe aberkannt. Das teilte die deutsche Unesco-Kommission am Donnerstag in Bonn mit. Damit ist Dresden nach einem Naturschutzgebiet im arabischen Oman weltweit erst die zweite Stätte, die von der Liste gestrichen wurde.

"Das ist ein sehr trauriger Moment", sagte die Präsidentin des Gremiums, María Jesús San Segundo, sichtlich bewegt. Es sei ein großer Verlust, wenn man das Welterbe aberkenne.

Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sprach von einem "schwarzen Tag für Dresden und die Kulturnation Deutschland." Er bedaure sehr, dass es dazu gekommen sei. Es sei mehr als genug Zeit für Sachsen und die Stadt Dresden gewesen, mit der Unesco zu einem Kompromiss zu gelangen. Schon eine grundsätzlich andere Brückenlösung hätte genügt, kritisierte Tiefensee. Die Stadt Dresden müsse nun beweisen, "dass ihr Bekenntnis zu diesem Kulturdenkmal nicht nur ein Lippenbekenntnis war."

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat die Entscheidung der Unesco zur Aberkennung des Welterbetitels für das Dresdner Elbtal bedauert, aber gleichzeitig auch zu Gelassenheit geraten. Der Verlust des Welterbetitels für Dresden setze den Schlusspunkt hinter einen langandauernden Streit zwischen Stadt, Freistaat Sachsen und dem Welterbe-Komitee. "Es ist mehr als bedauerlich, dass die Beteiligten außerstande waren, einen Kompromiss zu finden", sagte Neumann am Donnerstag in einer Presseerklärung.

Der Bund habe sich immer wieder vermittelnd für eine einvernehmliche Lösung des Konflikts um die Waldschlösschenbrücke eingesetzt. "Ich kann daher nur an Länder und Kommunen appellieren, die Unesco bei Bauvorhaben rechtzeitig zu informieren und zu beteiligen. Dann können bereits im Vorfeld Konflikte entschärft werden", so der Staatsminister.

Im Übrigen gehe er davon aus, "dass sich die Stadt Dresden und der Freistaat Sachsen auch künftig ihrer hohen Verantwortung gegenüber ihrer einmaligen Kulturlandschaft bewusst sein werden - auch wenn diese den stolzen Titel 'Welterbe' nicht mehr für sich beanspruchen kann."

Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich bereits zum Thema geäußert. Der in Dresden erscheinenden "Sächsischen Zeitung" sagte er: "Die Entscheidung des Welterbekomitees ist keine gute Nachricht."

Die Aberkennung hat auch finanzielle Folgen

Auch die Deutsche Unesco-Kommission hat die Streichung des Dresdner Elbtals von der Welterbeliste bedauert. "Die Entscheidung kommt leider nicht völlig überraschend. Ich hätte mir sehr viel mehr Offenheit auf beiden Seiten für eine Veränderung der Brückenpläne gewünscht", erklärte der Präsident der Kommission, Walter Hirche, am Donnerstag in Bonn.

Für den geplanten, ebenfalls umstrittenen Brückenbau im Loreleytal aber könnte die Aberkennung aus Sicht des rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministers Hendrik Hering (SPD) von Vorteil sein. In Dresden hätten sich die Verantwortlichen vor dem Bau der Waldschlößchenbrücke nicht mit der Unesco abgestimmt, sondern Pläne bewusst ohne die Organisation gemacht. "Ich glaube das wir am Mittelrhein jetzt noch bessere Karten haben, weil wir genau das Gegenteil gewählt haben", sagte Hering der Deutschen Presse- Agentur dpa am Donnerstag.

Dem Welterbe-Komitee gehören Vertreter aus 21 Ländern an, Deutschland ist derzeit nicht darunter. Die Entscheidung in Sevilla fiel mit 14 zu 5 Stimmen bei zwei ungültigen Stimmen.

Sie war ursprünglich bereits für Mittwoch erwartet, aber aufgrund von Verzögerungen bei den Beratungen verschoben worden.

Die Aberkennung hat auch finanzielle Folgen: Dresden erhält kein Geld mehr aus einem 150 Millionen Euro schweren Förderprogramm für deutsche Welterbestätten.

Eine von Bundesbauminister Tiefensee einberufene Expertenkommission sieht wegen des Titelentzugs keine Grundlage mehr für die Finanzhilfe. Die Stadt Dresden hatte insgesamt 13 Millionen Euro beantragt. Weitere wirtschaftliche Folgen dürften eintreten, falls infolge des Unesco-Beschlusses weniger Touristen nach Dresden kommen.

Das Elbtal war 2004 zum Weltkulturerbe ernannt worden, rutschte aber bereits zwei Jahre später auf die Rote Liste der gefährdeten Stätten. Zuvor war bekanntgeworden, dass die Stadt für rund 160 Millionen Euro eine vierspurige Elbquerung mitten durch das Tal bauen will. Diese Waldschlösschenbrücke zerschneide das Tal irreversibel und zerstöre somit die erhaltenswerte Kulturlandschaft, hatte die Unesco seinerzeit argumentiert.

Trotz Mahnungen der Welterbe-Hüter hatten in Dresden 2007 schließlich die Bauarbeiten für die Waldschlösschenbrücke begonnen. Die Entscheidung des Welterbe-Komitees der Unesco, das in dieser Woche im spanischen Sevilla tagt, galt vielen bereits seit langem als gesichert - im letzten Jahr war der Titel nur für ein Jahr auf Bewährung verlängert worden.

Außerdem wird die Unesco in dieser Woche noch über die Aufnahme weiterer Natur- und Kulturstätten beraten. Nach dem Verlust des Welterbe-Status für Dresden, einem von vormals 33 Welterbe-Stätten in der Bundesrepublik, dürfte Deutschland nun umso mehr darauf setzen, dass das nominierte Wattenmeer an der Nordseeküste aufgenommen wird.

Bis zuletzt hatte die Stadt Dresden gehofft, das Komitee der Unesco möge erst nach der Fertigstellung der Waldschlösschenbrücke entscheiden. Laut einem Zeitungsbericht hatte Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) im vergangenen Monat die Unesco aufgefordert, den Bürgerentscheid als auch die Urteile der deutschen Gerichte zugunsten der Waldschlösschenbrücke zu akzeptieren.

Der Streit um das Elbtal entwickelte sich in den vergangenen Jahren zum nationalen Dilemma. Günter Grass, Martin Walser und andere hatten 2008 sogar in einem offenen Brief von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gefordert, in Dresden zu intervenieren und den "Ruf unseres Landes als Kulturnation" zu retten.

can/dpa/AP/rtr



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