S.P.O.N. - Der Kritiker Monster, die nur auf Selbsterhalt aus sind

Kein Wille zur Veränderung, keine neuen Strukturen, keine zupackenden Gestalter: Was eine soeben erschienene Streitschrift den Universitäten attestiert, lässt sich problemlos auf andere Institutionen in diesem Land übertragen.


Wie kann sich diese Gesellschaft von der Nostalgie befreien? Sie erstickt ja in Rückschrittlichkeit, und damit meine ich gar nicht homophobe Prahlereien oder die Rassisten von Marzahn oder, gerade bizarrerweise wieder aktuell diskutiert, die Frage, ob man Kinder nicht doch besser schlagen sollte.

Ich meine eine Rückschrittlichkeit, die institutionalisiert ist. Ich meine Monster, die auf Selbsterhalt konditioniert sind. Ich meine ein Denken, das nur sich selbst kennt und sich selbst immer und immer wieder gleich abbildet und vermehrt, wie ein Virus der Belanglosigkeit. Ich meine eine Ideenarmut und Schwerfälligkeit, die gewollt ist und geradezu karrierefördernd.

Ich meine, ausnahmsweise, nicht das öffentlich-rechtliche Fernsehen, obwohl vieles davon auch hier zutrifft - aber heute geht es um etwas viel Heiligeres, um eine Institution, die den Kern des deutschen Selbstbewusstseins bildet, eine romantische Gegenwelt des Wissens, das sich selbst gern absolut setzt: Es geht um die Universität als "vermeintliches Bollwerk gegen die von ihr selbst geschaffene Realität", so nennt das der Literaturwissenschaftler und Philosoph Armen Avanessian in seinem Buch "Überschrift" (Merve Verlag), eine Kampfschrift gegen die akademische Rückschrittlichkeit.

Depression, Durchschnitt, Denkarmut

Es ist ein Buch der Abrechnung, angetrieben von einem angenehmen Zorn, der sich aus Reflexion und durchaus persönlich gemeinter Boshaftigkeit speist. Die Universität erscheint hier als ein groß angelegter und staatlich geförderter Verhinderungsbetrieb, der am eigenen Mythos des "kritischen Denkens" verzweifelt festhält - aus Existenzangst und ohne zu sehen, dass das "kritische Denken" längst selbst zu einer Ware geworden ist, die mit Drittmittelanträgen gegen echtes Geld getauscht wird.

Gegen diesen Popanz des "kritischen Denkens" schreibt Avanessian an, gegen eine Kritik, die sich vor allem selbst ins Recht setzt durchs Kritisieren, die sich selbst die Arbeitsfelder, Erkenntnisbereiche, Denkmuster schafft, die für diese Form der Kritik geeignet sind - die Logik der Universität wäre demnach die Logik auch einer Gesellschaft, die notwendigerweise nur das erkennt und anerkennt, was längst bekannt ist: Das Neue wird hier verhindert, aus karrieristischen, egoistischen, formalistischen, institutionellen Gründen. Es darf gar nicht existieren, das Neue, weil sonst das Alte seine Legitimität verlieren würde. Die Welt wird damit zur Fußnote, die Wahrheit wird zum Kommentar. "Sekundäres Denken", so nennt Avanessian das.

Das Resultat ist Depression, Durchschnitt, Denkarmut. Oder wie es Avanessian beschreibt: "Im Kontrast zu dem realen Mitläufertum der exzellentforschenden Akademikerkinder stehen ihre Benachteilungstiraden als Elternakademiker. Fast durchgängig sind sie einem Opfer- und Benachteiligungsdiskurs verhaftete Egomanen, die natürlich allesamt nur ihrer Kinder wegen ihre Dissertationen und Habilitationen nicht fertig schreiben können - und keinesfalls aber aus inhaltlichen Gründen oder weil es an Begabung mangelt oder einfach, weil sie auf der Flucht vor sich selbst gar nicht genug von Tagungen und Sammelbandeinträgen bekommen können und jedes Mal aufs Neue schwach werden, wenn eine aufstiegsversprechende Netzwerkoption in Gestalt von noch einer Gremiensitzung oder sonst einer bürokratischen Administrationsarbeit an sie herangetragen wird."

"Fluch der akademischen Omertà"

Die Universität ist damit ein System, das sich am Leben erhält, indem es sich immer wieder selbst abbildet, Akademiker klont, Wissen klont: Unterstützt von einer "Politik der warmen Türklinke", wonach das Geld dorthin fließt, wo jemand sitzt, der einem wiederum auch Geld zuschieben kann, und gedeckt von einem "Fluch der akademischen Omertà", wie Avanessian das nennt, ein Schweigegelübde, das weniger klösterlich ist als mafiös.

Und natürlich weiß sich das akademische Milieu, das darunter leidet, dass Biografien über Jahre oder Jahrzehnte suspendiert sind im Warten auf den nächsten Assistentenposten, der irgendwann zum Lehrstuhl führen soll, natürlich weiß sich das akademische Milieu mit genau den Mitteln zu verteidigen, die es in diesem Unglückssystem halten: Antiintellektualismus, das ist dann zum Beispiel ein Vorwurf - was gemein ist, weil es Intellektualität gleichsetzt mit Berechnung, Berechenbarkeit, Bürokratie.

Avanessians Streitschrift gegen die real existierende Universität hat dabei nichts zu tun mit jenem langweiligen, redundanten und selbstgratulatorischen Kampf einiger Publizisten gegen eine akademische Realität, die sie mit der Frage verbinden, wie es sein kann und darf, dass sich jemand nicht als Professor oder Professorin anreden lassen will, sondern als Profx, weil Profx Lann Hornscheidt sich eben weder als Mann noch als Frau fühlt - und wenn man dann dieses Hickhack auf Facebook oder anderswo verfolgt, kann man sich eigentlich nur noch fragen: Wie tief kann man sinken in diesem Metier, dem Journalismus, dass man seinen eigenen Horizont, seine Gegner, sich selbst so klein macht?

Avanessian geht es um etwas anderes. Das Problem ist nicht Hornscheidt, sondern Humboldt: Die Staatsuniversität, die "kritisches Denken" fördern soll, der "Forscher als moderner Held des Wissens, der Staatsbeamte als Kunstwerk - als absolute Inversion war dies ein Werk deutscher Ironie", so formuliert es der Amerikaner William Clark.

Die Universität, so ist das Verdikt, geht damit an sich selbst zugrunde, an ihrem eigenen Ursprung. Auch das ist ein Bild, das auf andere gesellschaftliche Realitäten anwendbar ist.

Was fehlt, ist der Wille zu Veränderung. Was nötig ist, sind neue Strukturen. Was gebraucht wird, sind Leute, die selber machen. Und eine Art Institutionensturm.

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insgesamt 26 Beiträge
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molokai 05.12.2014
1.
Der Nobelpreisträger 2014 Hell, Göttingen, wurde anfänglich für einen Spinner gehalten und hat wesentliche Arbeiten in Turku, Finnland gemacht. In D hat ihn keiner fördern mögen. Bezeichnend. Steven McKnight, Präsident der Amercian Society of Biochemistry and Molecular Biology, hat es so ausgedrückt: Zitat: .... let’s consider what might be expected from a grant review committee composed largely of secondtier scientists with limited knowledge of the breadth of biology and medicine. .... these committees are equally good at ensuring that the worst and best applications never get funded. They can see a terrible grant ....... These committees are, unfortunately, equally good at spotting and excluding the most creative proposals — .... coming from inspired scientists whose research is damned because it is several steps ahead of the curve" So ist es eben. Wissenschaft ist per Definition eigentlich progressiv, fast revolutionär, weil das stete Infragestellen des Vorhandenen, stetes Lernen inhärent ist. Persönliche Karriere und Macht sind per Definition konservativ. Man weiss es, lernen hinderlich. Naja, in einem Land, wo es eigentlich fast nur noch konservative Parteien gibt, oder Parteien sich als volksverbessernde Lehrer definieren, wen wundert's?
eisbaerchen 05.12.2014
2. Wie heisst es so schön...
der Fisch stinkt vom Kopf...ein wesentliches Problem ist die absolute Allmacht der Professorenschaft. Teilweise wird nach Gutsherrenart agiert. Einmal einen Professorenposten ergattert können sie schalten und walten wie sie wollen und mit dem wissenschaftlichen Personal mit Zeitverträgen Schach spielen und so grossen Druck ausüben und Angepasstheit fördern. Ein kritischer Mitarbeiter wird dann eben beim nächsten Stellenpoker aus Drittmitteln nicht mehr berücksichtigt. Es fehlt komplett jede Kontrolle der Professorenleistungen, dagegen muss sich der Mittelbau ständig neu beweisen. Viel Hoffnung dass sich da mal was ändert kann man nicht haben; die Institution "deutscher Professor" ist unantastbar...
genugistgenug 05.12.2014
3. 1 stimmt 2 etwas fehlt
Zitat von eisbaerchender Fisch stinkt vom Kopf...ein wesentliches Problem ist die absolute Allmacht der Professorenschaft. Teilweise wird nach Gutsherrenart agiert. Einmal einen Professorenposten ergattert können sie schalten und walten wie sie wollen und mit dem wissenschaftlichen Personal mit Zeitverträgen Schach spielen und so grossen Druck ausüben und Angepasstheit fördern. Ein kritischer Mitarbeiter wird dann eben beim nächsten Stellenpoker aus Drittmitteln nicht mehr berücksichtigt. Es fehlt komplett jede Kontrolle der Professorenleistungen, dagegen muss sich der Mittelbau ständig neu beweisen. Viel Hoffnung dass sich da mal was ändert kann man nicht haben; die Institution "deutscher Professor" ist unantastbar...
stimmt, doch es fehlen keine Kontrollbehörden, sondern es fehlt die ANSTÄNDIGKEIT und das uralte 'das macht man nicht, basta' - doch zu beidem gehört eine gewisse Größe die man im Land der Scheinriesen seit Jahrzehnten nicht mehr findet. .........Unterstützt von einer "Politik der warmen Türklinke", wonach das Geld dorthin fließt, wo jemand sitzt, der einem wiederum auch Geld zuschieben kann, und gedeckt von einem "Fluch der akademischen Omertà", wie Avanessian das nennt, ein Schweigegelübde, das weniger klösterlich ist als mafiös............. Sie haben den 3. Mann vergessen - den Gutachter der alles absegnet und für das nächste Projekt werden die Rollen ausgetauscht damit jeder mal ran kommt.
Immanuel_Goldstein 05.12.2014
4. Sehr geehrter Herr Dietz
so etwas kann nur jemand schreiben, der die Universitäten dieses Landes nicht kennt, oder sie längst verlassen hat. Tatsächlich gibt es an den Universitäten derzeit viel mehr Neuerungen, als in den ganzen letzten 200 Jahren zusammen. Nur falls es Ihnen entgangen sein sollte: 1. Die Universitäten sind längst in der Pflicht, gute Lehre anzubieten. Alle haben Qualitätssicherungssystem installiert und das auch noch ohne auch nur eine einzige Stelle dazu zu erhalten. Sie mussten (fast) alle Studiengänge mühsam und teuer akkreditieren lassen. 2. Die Universitäten gestalten mit propädeutischen Programmen den Übergang zwischen gymnasialer Oberstufe und Studieneingangsphase, damit jeder besser ins Studium findet. 3. Die Universitäten bilden ihr Lehrpersonal didaktisch weiter, fordern Lehrnachweise bei Berufungen, bieten Preise für gute Lehre an. 4. Die Universitäten bieten ihren Studierenden Tutoren- und Mentorenprogramme sowie teilweise irrwitzige Hilfestellungen, niemand wird mehr allein gelassen. 5. Die Universitäten erleichtern den Einstieg für bislang benachteiligte Gruppen mit Gender- und Diversitätsprogrammen. Heute dürfen auch beruflich Qualifizierte, Schwerstbehinderte, selbstverständlich Ausländer etc. weit problemloser studieren als jemals zuvor. 6. Viele Universitäten haben ihre Strukturen geändert, die Professorenallmacht und -willkür gibt es längst nicht mehr.
machorka-muff 05.12.2014
5. geschenkt
geschenkt, wenn avanessians kritik genau so schlapp daher kommt. dietz macht rhetorik ohne fakten. klar, die uni ist kaputt, aber das hat erst einmal mit dem bologna prozess zu tun, mit bürokratisch verblödeten research zwang, mit überfüllten seminaren und vorlesungen, mit currikularer inkompetenz, mit der profitorientierten ausrichtung der lehre, dh von bildung zur ausbildung. das alles ist erst mal den ministerien geschuldet und der dahinter schlummernden neoliberalen politik. die hochschulen hatten im herbst 2009 eine chance als sie besetzt waren, da konnte sich kritik artikulieren, aber das verpuffte dann wieder in der politik der versprechungen. eine kritik an der hochschule muss mit einer gesellschaftskritik zusammen gedacht werden, sonst ist es ewiges gebastel an strukturen, das braucht der lehrbetrieb nicht mehr, wir hatten genug davon.
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