Unterdrückte Jugend Die Rebellion muss leider ausfallen

Bitte keine Utopien! Jugendliche sollen gefälligst funktionieren und konsumieren. Und nicht die Ruhe stören. Sonst rückt ganz schnell die Polizei an.

Polizisten lösen eine Demonstration auf
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Polizisten lösen eine Demonstration auf

Eine Kolumne von


Da ist ein junger Mensch. Schau nur, ein junger Mensch! Lasst ihn uns kaputt machen. Lasst ihn, gerade auf dieser prächtigen Welt in der besten aller Zeiten, Helme aufsetzen. Der junge Mensch könnte fallen, gegen Bäume und Türen laufen, er könnte sich im Bett stoßen, vom Topf fallen.

Falls er das überlebt, diese Gefahren, dann trainieren wir ihn für die kommenden Anforderungen. Er muss funktionieren, der junge Mensch, wie eine Maschine, denn seine Gegner werden aus Algorithmen bestehen. Der junge Mensch wird also zu diversen Früherziehungsmaßnahmen gegurkt. Schwimmen, tanzen, Fremdsprachen, marschieren, schießen, coden, frühkindliche Mathematik, Biochemie für Babys.

Dann geht es ab in die Schule - nur nicht daran denken. Das Kind zappelt. Es hat zu viele Kurse gemacht, zu viele Helme getragen, zu viel Angst gespürt. Die Angst der Eltern, dass es nicht zu einer perfekten Maschine werden kann. Aber kindgerecht. Und bloß nicht wagen, mit der Kleidung eine rebellische Aussage zu machen.

Da raunt das Volk, es will Uniformen. Oh ja, Uniformen, für die uniformen jungen Menschen, die man sich so wünscht. Ohne ihr Aufbegehren gegen alles. "Das Kind ist gut gekleidet, Herr Doktor, aber es kann sich nicht konzentrieren. Es lernt gut, aber schläft zu Hause immer ein." Darum stecken wir Medikamente in das Kind, therapieren das Kind, bis es funktioniert, bis die Sollbruchstellen richtig sitzen.

Falls das Kind die Schule überlebt, falls es nicht in diversen Förderprogrammen untergeht, falls der Drill es nicht zerstört, übernimmt später der Staat. Fast alle Brachen werden überbaut, die Mieten folgen dem Gesetz des Stärkeren, die Anlageobjekte, Sie wissen schon, da gibt es kaum Freiräume. Ein blödes Wort - gibt es ein anderes? Niemand kennt ein anderes Wort, weil kaum mehr einer weiß, was dieser Freiraum ist.

Platz, um zu Scheitern. Irgendwo in Wohnwagen sitzen, mit anderen jungen Leuten Ateliers und kleine Läden aufmachen, gärtnern, Krach machen, Party machen. Party ist nicht. Das ist Ruhestörung. Sie sind doch so empfindlich geworden vor dem Aussterben, die Menschen. Sie sind doch so empfindlich, die Älteren, sie sind in der Überzahl. Der Terror der Mehrheit. Kaum sitzen ein paar Junge herum, hören Musik, saufen ein wenig und machen Hormonzeug, rückt die Polizei an. Die rückt auch bei Hausbesetzungen an. Null Toleranz.

Der Rückhalt in der Bevölkerung bei der schnellen, entschlossenen Räumung besetzter Häuser und Flächen ist groß. Die Zustimmung der älteren Bevölkerung, die ihre Jugend vergessen hat, die ja auch nichts geschenkt bekommen hat, und die sich ja auch an die Regeln halten muss - dito.

Rebellion ist nicht vorgesehen in dem geschmeidigen Räderwerk des Auslauf-Kapitalismus. Jeder Ansatz von Anarchie gehört rigoros bestraft.

Die Polizei wird aufgerüstet. Mit Granaten gegen Jugendliche. Mit scharfer Munition gegen den normalen Wunsch junger Menschen nach einer Revolution, nach einem gerechteren Leben. Die kleinen Träumer, die werden noch auf die Welt kommen. Die Welt ist nicht gerecht, und nun funktioniert, verdammt. Sonst werdet ihr bestraft.

Der Jugend bleibt, ihre Wut, ihr kreatives Potenzial in hervorragenden Studienergebnissen auszuleben. In einem nahtlosen Übergang in ein lukratives Beschäftigungsverhältnis. Das Netz zensiert und reguliert, die Jugend kastriert und überwacht, gezähmt und verwaltet. So funktioniert das. So vernichtet man Utopien, Hoffnungen und Kreativität einer jungen Generation, in einer der unruhigsten Zeiten seit Achtundsechzig.

Danach ist die Bevölkerung träge und satt geworden, in der Zeit, in der es den Älteren gelungen ist, all die Errungenschaften der Jugendgeneration von einst als selbstverständlich zu akzeptieren oder zu verachten.

Nun ist sie da: Die großartige neue Zeit, in der das Potenzial, das schon immer für Aufbruch und Erneuerung stand, unterdrückt wird. Die rebellische Jugend stört den Abverkauf von Produkten, die Umgestaltung der Welt in einen Ort, an dem die Demokratie sich störend auf die Marktentwicklung auswirkt. Einen Ort, an dem Menschen eigentlich keine Funktion mehr haben, außer zu kaufen, wenn sie noch einen Job haben. Seid ihr zufrieden? Endlich zufrieden in dieser Ruhe, die da herrscht?

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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
dekorte 07.07.2018
1. Von wem ist die Rede?
Bitte die Diskussion ehrlicher führen. Meine Kinder erben mehrere Häuser und diverse Wertpapiere. Da darf es in der Schule auch mal ruhig zugehen, sie müssen nicht funktionieren wie Roboter. Anders natürlich bei Kindern aus der akademischen unteren Mittelschicht, die ihr Leben durch Arbeit und ggf. Anstrengung finanzieren müssen. Die müssen sich tatsächlich gegen Algorithmen durchsetzen. Also bitte nicht die Jugend über einen Kamm scheren.
der IV. Weg 07.07.2018
2. Sybille ..
.. hat Recht. Genau so ist es. Was brauchen wir Menschen? Wir wollen Maschinen! Computerwelt, denn Zeit ist Geld. (Kraftwerk 1984)
dieter-ploetze 07.07.2018
3. rebellion war auch 68 nicht vorgesehen
und, glauben Sie, da war die polizei schneller als heute da und war rabiater als heute, hatte noch weniger bis ueberhaupt kein verstaendnis. heute ist dafuer die angst groesser, die angst dann zu verlieren und die zukunft zu verbauen. wir sind ja heute zu einer angstgesellschaft geworden, niemand ist mehr sicher, dass er morgen noch da ist wo er heute ist. angst gabe es auch damals durch z.b. berufsverbote aber heute ist das doch irgendwie schlimmer da es kein nieschendasein gibt, wie man es damals noch finden konnte. der lebensunterhalt war dank niedriger mieten immer irgendwie zu stemmen. fuer die heutige jugend sieht das anders aus.
peter-mueller-68 07.07.2018
4. Yeah! Auf den Kopf getroffen!
Mehr muss man nicht sagen. Hervorragender Artikel. Nur noch eine harmlose Musikempfehlung zur weiteren Vertiefung des Themenkomplexes: Macht kaputt, was euch kaputt macht!
xcver 07.07.2018
5. komisch
also ich fand Hausbesetzer schon als Jugendlicher doof und das trotz ansonsten eher sozialliberalen Verständnisses
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