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Unterhaltungsindustrie: Die freie Hasswirtschaft

Nach den Morden von Erfurt steht das Blut-Business am Pranger: Experten geben der Gewalt in Film und Fernsehen, in Computerspielen und Popmusik Mitschuld an der Verrohung Jugendlicher ­ doch angesichts der Faszination des Massenpublikums scheinen Verbotspläne chancenlos.

PC-Spiel "Counterstrike": Die letzten Funken von Moralität ausgelöscht?
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Ein paar Jahre lang hatte er sich unauffällig verhalten: kein Ausraster, kein Griff zur Waffe, kein neuer Mord. Seine Maske blieb im Schrank, er selbst im Dunkeln.

"Je besser der Bösewicht, desto besser der Film."
Alfred Hitchcock

Am 26. April 2002 aber, einem Freitag, setzt er die Maske wieder auf ­ und sucht sich jede Menge wehrloser Opfer. Er tunkt sie in Salzsäure oder erschlägt sie, er bricht ihnen das Genick oder köpft sie mit einer Machete. Und sagt kein einziges Wort.

Es ist derselbe Tag, an dem der 19-jährige Robert Steinhäuser im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und schließlich sich selbst erschießt ­ und an dem "Jason", einer der populärsten Schlächter, die Hollywood je hervorgebracht hat, sich wieder auf seinen blutigen Weg macht. "Jason X" heißt der Film, der in Hunderten US-Kinos anlief; das deutsche Publikum soll er im Spätsommer beglücken ­ und das, obwohl bereits eine echte Blutspur der Kinofigur "Jason" nach Deutschland führt. Sie belegt, wie verhängnisvoll sich Fiktion und Realität bisweilen in den Hirnen junger Filmkonsumenten vermischen.

Denn "Jason X" ist eine Fortsetzung des indizierten Horror-Schockers "Freitag, der 13. ­ Ein neuer Anfang", der unter dem Stichwort "Zombie-Prozess" in die deutsche Kriminalgeschichte eingegangen ist.

Im März 1996 hatte in einem bayerischen Dorf der 14-jährige Christian, maskiert wie sein Vorbild "Jason", eine Nachbarin mit einem Buschmesser verletzt und seiner 10jährigen Cousine mit einer Axt den Schädel gespalten. Das Mädchen schwebte tagelang in Lebensgefahr. Christian hatte sich über Jahre fast täglich Gewaltvideos angesehen, die ihm sein Onkel beschafft hatte. Die Tat, so die Richter des Landgerichts Passau, sei "wesentlich durch den Konsum von Horrorvideos beeinflusst" worden.

Rockband Slipknot: "Brutalisierung der Alltagskultur"
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Fälle wie dieser führten auch bisher schon zu erbitterten Debatten über Gewalt in den Medien, über Mord und Totschlag in Kino und Fernsehen, über brutale Computerspiele und Popmusik mit hasserfüllten Texten. Psychologen und Soziologen ereifern sich dabei über die Frage, wie Gewaltdarstellung tatsächlich wirkt: Regt sie zur Nachahmung an? Oder dient sie, im Gegenteil, der Abfuhr von Aggressionen? Und: Ändert sie die gesellschaftliche Akzeptanz von Gewalt?

Politik, Juristen, Künstler und Spiele-erfinder streiten, zu wie viel Verantwortung, Moral und politischer Korrektheit die Produzenten der modernen Bewusstseinsindustrie verpflichtet sind. Welchen Stellenwert hat das Recht auf freie Meinungsäußerung in Anbetracht der möglicherweise mörderischen Wirkung? Ist die Kunst frei in ihrem Bestreben, noch die finstersten Alpträume einer Gesellschaft in Wort, Bild und Musik zu vergegenwärtigen ­ oder hat sie eine Vorbildfunktion, vielleicht sogar einen Erziehungsauftrag?

Nur wenige Experten bezweifeln heute noch, dass die Darstellung von Gewalt im Einzelfall ganz reale Gewalt hervorrufen kann ­ zu erdrückend sind die Selbstauskünfte der Täter und die Belege der Ermittler, die etwa nach den Schulmorden in Paducah (Kentucky, 1997), in Jonesboro (Arkansas, 1998), in Littleton (Colorado, 1999), im sächsischen Meißen (1999), im bayerischen Brannenburg (2000) und jüngst in Erfurt zusammengetragen wurden.

Die Befürworter von Verboten und die mitunter bigotte Selbstgeißelung der Medien aber ignorieren gern die Gesetze der Marktwirtschaft: Die Nachfrage gerade jugendlicher Konsumenten nach den Produkten der Hasswirtschaft scheint in den von Langeweile und unterdrückter Aggression geprägten westlichen Wohlstandsgesellschaften ungebrochen.

"Die Imaginationsindustrie", beobachtet die "Süddeutsche Zeitung", "steht plötzlich unter Generalverdacht." Kinofilme, Fernsehserien, Computerspiele, Musik, Literatur, Comics ­ von Klassikern der Kulturgeschichte bis zum neuesten Schund der Unterhaltungsbranche wird in diesen Tagen fast alles misstrauisch auf sein mögliches Gewaltpotenzial hin überprüft und oft pauschal verdammt: "Die Brutalisierung der Alltagskultur", orakelte vergangene Woche "Die Zeit" düster, "schreitet voran."

Gerade die Kinobranche sieht sich seit vielen Jahren mit Vorwürfen konfrontiert, Vorbilder für reale Gemetzel geliefert zu haben. So rechtfertigte 1981 ein Verwirrter namens John Hinckley seine Schüsse auf den US-Präsidenten Ronald Reagan damit, dass er zu seiner Tat angeregt worden sei, als er sich 15-mal den Film "Taxi Driver" ansah: In Martin Scorseses Film aus dem Jahr 1976 spielt Robert De Niro einen einsamen New Yorker Taxifahrer, der sich in Rache- und Erlöserphantasien hineinsteigert und am Ende in einem Bordell ein Blutbad anrichtet ­ bis heute das wohl genaueste Kino-Psychogramm eines Amokläufers.

Publikum bei Slipknot-Konzert (Rock im Park 2000): "Eure verdammten Kinder sind mir hörig"
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Anders als Scorsese sollte sich der Regisseur Oliver Stone für seinen Film "Natural Born Killers" von 1994 sogar vor Gericht verantworten. Das Werk, in dem ein Liebespaar als Bonnie und Clyde des Medienzeitalters mordend quer durch die USA rast, soll ein Dutzend reale Mordserien inspiriert haben, darunter zwei in Frankreich. Von Angehörigen eines amerikanischen Opfers wurde Stone auf Schadensersatz in Höhe von 20 Millionen Dollar verklagt. Doch im März 2001 kam der zuständige Bezirksrichter in Amite (Louisiana) zu dem Schluss, die Gewaltdarstellung im Film werde vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt. Auch im deutschen Fernsehen wurde "Natural Born Killers" schon mehrmals gezeigt; am vergangenen Sonntag setzte ProSieben den Film allerdings "aus Pietätsgründen" ab.

Das Urteil von Amite ließ viele Studiobosse in Hollywood aufatmen ­ denn sie befürchteten bereits eine ähnliche Haftungs-Prozesswelle wie jene, der sich die amerikanische Tabakindustrie seit Ende der achtziger Jahre gegenübersieht. Immerhin fand sich auch im Fall der beiden Teenager-Attentäter, die am 20. April 1999 im amerikanischen Littleton zwölf ihrer Mitschüler, einen Lehrer und sich selbst erschossen, deutliche Spuren zu Leinwandvorbildern. Wie Leonardo DiCaprio in einer Traumsequenz des Films "The Basketball Diaries" (1995) stürmten die beiden, in schwarze Mäntel gehüllt, in die Schule und zückten ihre Waffen.

Für kurze Zeit schien es, als könnte die Bluttat von Littleton die Chefs der Unterhaltungsindustrie tatsächlich zu einer Kursänderung bewegen. US-Präsident Bill Clinton, zusätzlich alarmiert von Studien, nach denen Amerikaner bei Erreichen ihres 18. Lebensjahres im Schnitt 40 000 Morde im Kino und im Fernsehen gesehen haben, forderte TV-Anstalten und Hollywood damals auf, Waffen nicht mehr zu glorifizieren; US-Medien attackierten zudem Pop-Idole wie den Gruselrocker Marilyn Manson, dessen Musik die Littleton-Attentäter ­ ebenso wie die der deutschen Haudruff-Band Rammstein ­ offenbar geliebt hatten.

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